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Musik

Die Macht der großen Trommel

Posthumer Ruhm: Die Edition von Heinz Winbecks sämtlichen Sinfonien stürmt auf die vorderen Ränge der Klassik-Charts.
Von Helmut Hein

Heinz Winbeck beim Komponieren – aufgenommen im Jahr 1980. Foto: Markus Hilbich
Heinz Winbeck beim Komponieren – aufgenommen im Jahr 1980. Foto: Markus Hilbich

Regensburg.Der große Ruhm kam so spät, dass er ihn nicht mehr erlebte. Aber bei den Vorbereitungen zur Edition seiner Sinfonien war Heinz Winbeck noch dabei. Andreas Ziegler, Chef des äußerst verdienstvollen Regensburger Klassik-Labels TYXart, erinnert sich, wie er mit ihm in der Küche seines Schambacher Anwesens zusammensaß und letzte Einzelheiten besprach.

Das war im Februar letzten Jahres. Da deutete nichts darauf hin, dass Winbeck, dessen Werk stark vom Bewusstsein der Todesnähe des Menschen geprägt war, nicht mehr lange zu leben hatte. Dann kam es im März 2019 zu dem fatalen Treppensturz. Kurz darauf starb er im Regensburger Krankenhaus St. Josef.

Aufnahmen der fünf großen Sinfonien, beginnend mit der revidierten Fassung des „Tu solus“ aus dem Jahr 1985, lagen bereits vor; in hervorragender Qualität, mit deutschen und österreichischen Spitzenorchestern. Ziegler, der ansonsten gern selber produziert und dessen feines Ohr und Gespür allgemein gerühmt werden, musste sich diesmal um anderes kümmern. Natürlich um ein Remastering der (zumeist) Live-Einspielungen, vor allem aber um die weit verstreuten Rechte.

Booklet für höchste Ansprüche

Komponist Heinz Winbeck und Produzent Andreas Ziegler bei der Arbeit an den Master-CDs. Foto: Gerhilde Winbeck
Komponist Heinz Winbeck und Produzent Andreas Ziegler bei der Arbeit an den Master-CDs. Foto: Gerhilde Winbeck

Und dann war es bei einer solchen Edition für die Ewigkeit wichtig, dass das Booklet höchsten Ansprüchen genügte. Winbeck selbst hatte noch den Wunsch geäußert, dass der „Studio Franken“-Musikredakteur Thorsten Preuß in einem großen Essay Machart und Sinn der Sinfonien näherbringt. Das ist hervorragend gelungen. Verstehen hat ja auch mit Vor-Wissen zu tun. Man hört mehr und differenzierter, wenn man Thorsten Preuß‘ Erläuterungen sorgfältig studiert.

Die Sinfonie, die einst die klassische und romantische Ära dominierte, führte in den Nach-Schönberg-Schulen eher ein stiefmütterliches Dasein. Oder sie wird, wie bei Webern, so re-interpretiert und verdichtet, dass sie schon nach ein paar Minuten an ihr Ende gelangt. Winbeck, der im Studium große Komponisten wie Bialas, Genzmer oder Killmayer als Lehrer hatte, verhielt sich manchen Anforderungen der musikalischen Moderne gegenüber störrisch. Seine Vorbilder waren die Spät-Romantiker Bruckner und Mahler, der späte Alban Berg und, nicht zuletzt, Beethoven, dessen neunte Sinfonie, genauer: das Scherzo, in seiner voluminösen vierten als Zitat unüberhörbar Spuren hinterließ.

Heavy Metal pur

Winbeck begann als Theatermusiker, unter anderem in Ingolstadt, nahm Aufträge aller Art an. Bis ihm dieses künstlerische Funktionärsdasein zutiefst zuwider wurde. Er beschloss, nur noch „in eigener Sache“ und seinen ureigenen Regeln folgend zu arbeiten. Das ist nicht leicht: Denn der „normale“ Konzertbetrieb duldet Zeitgenössisches höchstens als kleines, sprich: vor allem kurzes, schmückendes Beiwerk. Seine kürzeste Sinfonie, „Tu solus“, dauert aber fast vierzig, seine längste über achtzig Minuten.

Aber im Rückblick lässt sich sagen: Winbecks Eigensinn hat sich gelohnt, der Ertrag ist gewaltig. Und eine Schule des Hörens, die Verstörung stets voraussetzt. Man denke nur an Winbecks Erste mit dem Titel „Tu solus“. Der mehr als zehnminütige Satz mit dem schon unheimlichen Titel „Martellato marziale“ beginnt mit wuchtigen, immer – selbst dann noch, wenn man meint: es ist jetzt gut! – wiederkehrenden Schlagzeug-Schlägen, die einen nur für Augenblicke in Sicherheit wiegen, um dann um so unbarmherziger von neuem loszulärmen. Das ist Heavy Metal pur.

Ein Unfall führte Heinz Winbeck zur Musik

  • Herkunft:

    Winbeck wurde 1946 im Landshuter Arbeiterviertel Piflas geboren. Seine Eltern waren Bauernkinder. Das änderte aber nichts an einer frühen Faszination: Ein Onkel spielte Zither und der kleine Heinz, noch keine vier, wurde von seinen Notenblättern geradezu magisch angezogen, begann sie zu entziffern. Bevor er das Alphabet beherrschte, konnte er schon Noten lesen.

  • Klavier:

    Selbst ein schwerer Unfall kann eine glückliche Kehrseite haben. Der Siebenjährige kam für längere Zeit ins Krankenhaus – und erhielt anschließend ein Klavier. Seine Mutter hatte es ihm vom Schmerzensgeld, das ihm zugesprochen worden war, gekauft. Und gleich noch eine Schallplatte dazu. Eine Einspielung von Beethovens Neunter. Winbeck: „Die haben wir hunderte Male gehört.“

Es wird noch gesteigert durch ein wütendes Streicher-Unisono, das freilich sorgfältig komponiert ist. Und kommt erst dann, beim Versuch einer Präzisierung, zum Kern der Sache: „besser gesagt, in seiner horizontalen Brechung auf einer Folge von Tritonusintervallen, die seit jeher als Symbole des Bösen gelten“, schreibt Thorsten Preuß. In dieser Beschreibung ist schon der ganze Winbeck enthalten – und das Paradoxe und Brüchige seiner Existenz. Er ist ein Vertreter der „absoluten Musik“, glaubt fest daran, dass man in der Musik Dinge „ansprechen“ kann, an die man mit Worten nicht hinreicht. Und doch gibt es überall in seiner Musik narrative Strukturen, Erzählfragmente, die vor allem von Todesnähe und existenzieller Not künden. In der dritten und vor allem vierten Sinfonie entscheidet er sich sogar für eine Art Oratorium, zitiert die Bibel und die Liturgie, vertont Gedichte seines Favoriten Georg Trakl, die so düster sind wie sein eigenes Weltbild. Im ersten Satz der Vierten verzichtet er sogar weitgehend auf Musik, lässt Wolf Euba einfach eine späte Trakl-Erzählung vortragen. Und in die musikalischen Massen, die viele Sätze dominieren und soziale und natürliche Gewalten verkörpern, die den Einzelnen bedrängen, setzt er dann zarte, zerbrechliche, subtile Gegenstimmen.

Ganz große Musik – und eine exzellente Edition; die es zur Verblüffung und Freude so vieler auf die vorderen Ränge der Klassik-Charts schaffte, die sonst von Populärem besetzt werden.

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