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Die Magie einer großen Pianistin

Hélène Grimaud begeistert im letzten Odeon-Konzert der Saison sowohl mit entspannter Virtuosität als auch mit Leidenschaft.
Von Andreas Meixner

Die französische Pianistin Hélène Grimaud Foto: Mat Henek
Die französische Pianistin Hélène Grimaud Foto: Mat Henek

Regensburg.Es ist zunächst die entspannte Atmosphäre des Konzerts, die den Besuchern des Regensburger Audimax an diesem Abend in Erinnerung bleiben wird. Fast verloren steht der große Flügel auf dem Podium, Hélène Grimaud schlendert in bequemer Kleidung herein und verbreitet so schon eine gepflegte Lässigkeit und Intimität, die die nächsten zwei Stunden prägen wird. Darunter leidet ihr Spiel nicht einen Moment, eher war das Klavierrecital schnell von seinem Sockel der kammermusikalischen Ernsthaftigkeit geholt, hin zu einer völlig aufs Wesentliche reduzierten Präsentation, die kein Abendkleid und Anzug braucht, um genossen werden zu können.

Grimaud hatte sich im ersten Teil des Konzerts eine geschickte Kompilation aus Stücken von Valentin Silvestrov (geboren 1937), Debussy, Satie und Chopin ausgedacht. 13 Stücke, verbunden zu einem großen Ganzen durch ähnliche Stimmungsbilder oder Harmonien, und fast ohne abzusetzen. Heraus kamen 45 konzentrierte Minuten, in denen die Pianistin keinem Stück den Vorzug gibt, schwelgerisch in vielen Momenten, ohne der Musik ganz zu verfallen, mit der Noblesse einer federleichten Technik und einem feinen Gespür für die kleinen Momente.

Eine gepflegte Lässigkeit

Debussys Clair de Lune aus der Suite bergamasque erklingt einmal nicht als gern gehörtes Zugabestück, sondern mittendrin in anderer hellerer Färbung, vitaler, ohne jedoch auf die musikalische Zärtlichkeit zu verzichten. Silvestrovs Bagatellen sind zwischen den romantischen Schwergewichten fast Ohrenschmeichler in einem unangestrengten Stil, die nicht viel wollen, aber in den richtigen Händen viel erreichen. Das gelingt Hélène Grimaud schon deshalb so vortrefflich, weil sie die beiden Stücke des Russen nicht minder ernst nimmt, ihnen ihre Neoromantik zugesteht und mit einer ausgewogenen Dynamik veredelt. Nur deshalb können sie zwischen der quirligen Arabesque Nr. 1 von Debussy und Saties Gnossienne Nr. 4 bestehen und sogar ihren Beitrag zur Gesamtwirkung des ersten Konzertteils leisten.

Mit Robert Schumanns achtteiligen Zyklus Kreisleriana op. 16 zieht dann eine völlig andere Stimmungslage ins Audimax. Schon mit dem Beginn des ersten Stücks überfällt Grimaud den Zuhörer mit drängenden Triolen. Ob Schumann damit ein musikalisches Psychogramm des fiktiven Kapellmeisters Johannes Kreisler aus E. T. A. Hoffmanns Romanen eröffnet, bleibt Vermutung, wenngleich gewisse Charakterzeichnungen nicht auszuschließen sind. Die folgenden Sätze kontrastiert Grimaud mit allen Facetten ihres Könnens, die Entspanntheit des ersten Konzertteils weicht einer extrovertierten, feurigen und leidenschaftlichen Interpretation, die in den knapp 30 Minuten alles zum Ausdruck bringt, was die Faszination und die Klasse der französischen Virtuosin ausmacht. Sich völlig entladene Virtuosität und kraftvolle Ausbrüche wechseln sich mit innigen musikalischen Szenen ab, aber auch mit Strenge wie im sechsten Satz, wenn Schumann fast im geradezu barocken Stil Bach zitiert.

Feurig und leidenschaftlich

Das alles ohne die große Geste am Flügel, Grimaud ist leidenschaftlich und körperlich im Moment, unaffektiert und klar als Musikerin. Das mag ein Teil des Zaubers sein, der von ihr ausgeht. Sie schenkt der Musik von Schumann, Chopin oder Debussy eine Modernität, eine Zeitlosigkeit, löst die Bürden von alten Erwartungshaltungen gegenüber den Repertoireklassikern. Nicht durch Radikalität, sondern durch eine gesunde Haltung gegenüber der Musik und durch die spürbare Fähigkeit, selbst genießen zu können. Das ist auch der Grund, warum sie am Ende wieder locker hinausschlendert, nicht ohne sich jedoch elegant und lange zu verbeugen. Vielleicht das Einzige, was sie tatsächlich zelebriert. Aber das darf sie auch vor dem Regensburger Publikum, das sie mit Standing Ovations frenetisch feiert.

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