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Malerei

Die Moderne als Schweinerüsselparade

Der chinesische Künstler Zhao Bin zeigt in Regensburg unter anderem eine spöttische Galerie der Superstars in der Kunst.
Von Helmut Hein, MZ

Ist das wirklich sein Ernst? Künstler Zhao Bin hat die Ahnengalerie der Moderne in eine farbenfrohe Schweineherde mutieren lassen.Foto: altrofoto.de

Regensburg.Er trägt ein undefinierbares T-Shirt mit Mao-Aufdruck, eine kulturrevolutionäre Ballonmütze über einem Studienrats-Brillengestell und zwischen den Schneidezähnen eine kleine klaffende Lücke, die spätestens seit Madonna als überaus sexy gilt. Alles in allem ist das eins der vielen hinterfotzigen Selbstporträts des Künstlers, die derzeit als Serie con variazione in der Galerie Dr. Erdel hängen: innig ironische Statements zum verbreiteten Selbstbespiegelungswahn und zum endemischen Narzissmus. Die Bildunterschrift macht den Humor noch schwärzer: „I am a reliable chinese man“ – „Ich bin ein Chinese, dem man trauen kann“.

Halbwegs beruhigt stehe ich also im Vernissagen-Trubel neben dem Künstler, der so offenherzig höflich und undurchdringlich lächelt, als sei es seine Aufgabe, die ureuropäische Phantasmagorie eines Ostasiaten zu verkörpern, dem nicht nur die Einwanderungsbehörde kategorisch misstraut. Ich versuche, seinen Namen halbwegs korrekt auszusprechen; er probiert inzwischen dasselbe mit meinem. Ich beginne das Interview in großer kosmopolitischer Geste, wie sie mittlerweile in jedem Bachelor-Studiengang-Proseminar eingeübt wird, auf Englisch. Er antwortet mir ruhig auf Deutsch, dass er kein Englisch könne.

Ein Labsal in der Wüste

Dann erzählt er, überaus hintersinnig, von den nächsten Ausstellungen in München und Boston und dass er das nächste Jahr in Peking verbringen werde, weil es ihm trotz all der unbestreitbaren Qualitäten seiner Arbeiten schwerfalle, in Deutschland seriöse Sammler zu finden. Zhao Bin deutet an, dass es in Peking viele Menschen gebe, die noch neureicher sind als die Neureichen in München. Soll wohl heißen: Sie zahlen jeden Preis.

Seine neue Ausstellung ist außerordentlich, ein Labsal in der Wüste. Das gilt für die Selbstporträts: Masken, die Zhao Bin versuchsweise aufsetzt, um Klischees zu demontieren. Es gilt mehr noch für seine Schweine-Galerie zeitgenössischer Kunst. All die Stars der Moderne – und Zhao Bin fügt hinzu: „Jeder Künstler ist ein Superstar“ – , unverkennbar in Aussehen und Stil, von Zhao Bin treffend porträtiert. Sein van Gogh ist ein echter van Gogh, sein Bacon ein echter Bacon, mit einer Visage, die fleischhaft zerfließt. Verstörender ist da schon Gerhard Richter, der wie ein Auswurf des deutschen Unbewussten des letzten Jahrhunderts erscheint. Noch irritierender (oder versöhnender?) ist, was die Künstler bei all ihrer Verschiedenheit teilen: die Schweineschnauze, in die ihre Nasen mutiert sind.

Superman rettet die Kunst-Welt

Meint Zhao Bin das alles ernst? Er meint es so ernst, wie einer noch sein kann, der genau hinschaut und hinhört, ohne seinen Verstand zu verlieren. Die Aufgabe der Kunst, meinten schon die russischen Formalisten vor einem knappen Jahrhundert, bestehe wesentlich darin, die Klischees der Wahrnehmung und des Geredes, das sie begleitet, zu durchbrechen. Der wahre Künstler sieht alles, als schlage er am Schöpfungstag die Augen auf.

Zhao Bin aber ist zu spät gekommen. Seine Bilder sind nicht radikaler Neuanfang, sondern eher spöttisches Resümee. Er leidet nicht mehr unter den allzu fixen Bildern, sondern entwickelt eine böse Freude, wenn er sie sieht. Und zur Not, wenn gar nichts mehr hilft, zieht er das Superman-Kostüm an und rettet in fiesester Unschuld die Kunst-Welt oder was von ihr noch geblieben ist.

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