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Ausstellung

Die Moderne muss zur Therapiesitzung

Die Malerei von Henriette Grahnert überwindet Gräben – nicht nur zwischen nicht-figürlicher und gegenständlicher Malerei.
von Matthias Kampmann, MZ

  • „Monsieur Tableau“ heißt diese Figur mit einem Leib aus einer einfarbigen Farbfläche – ein direktes Zitat monochromer Malerei von einst. Foto: Kampmann
  • Blick in eine Installation der Gemälde in Petersburger Hängung. Foto: Kampmann
  • Die „Sportsfreundin“ löst Schlüsselreize aus. Man muss einfach lachen. Foto: Kampmann

Nürnberg.„Friede dem Schund. Krieg dem Genie“ – so steht’s geschrieben in einem Tafelbereich auf der linken Seite des drei Jahre alten Gemäldes „The Painters Fall“. „Sie hat ihre Weisheiten von der Klotür (und dem Poesiealbum von Oma Beate)“, ist zu ergänzen. Denn das steht auch dort. Ist dies jetzt böse? Wenn nämlich gilt: „Harmonie ist eine Strategie“, was auch da steht, dann erscheint die Selbstlosigkeit der Braven in einem nicht mehr so rosigen Licht. Aber was Henriette Grahnert hier gemalt hat, setzt ohnehin den Gegensatz von politisch korrektem und aggressiv-feindlichem Verhalten in ihren Bildern außer Kraft. Die Ausstellung der 1977 geborenen Malerin in der Kunsthalle Nürnberg entfaltet vielmehr auf gut 130 Leinwänden die große Kunst der gepflegten Grenzüberschreitung in Paarung mit der Banalität unseres Alltags. Dabei darf gelacht werden.

Sie spottet über den Kunst-Betrieb

„The Painters Fall“ zeigt wie ein Bühnenbild die Relikte, gegenständlich und fiktiv, nach Beenden eines Schöpfungsakts. Kronkorken, Schnipsel, Pinsel, aber auch Überbleibsel formaler Vokabeln, die wie aus einem Bild gefallen sind. Linien, Farbhaufen. Das Ganze sieht aus, als hätte es jemand zusammengekehrt. Am linken Bildrand liest man dann von diesen Weisheiten, Kurzschlüssen, Wortspielen. Typisch Grahnert? Das ist der Schnellschuss, den man geneigt ist, zu schießen. Denn es gibt eine Art loses Konzept, das viele Bilder bestimmt. „Die Sportsfreundin“ (2008) löst Schlüsselreize aus. Da muss man einfach lachen. Vor einer weißen, durch deutlich sichtbaren Pinselstrich bemalten Bildfläche spannen sich in V-Form zwei breite Bänder wie Hosenträger. Im oberen Bilddrittel wölben je ein pink- und neongelbfarbener Gymnastikball die Bänder. Assoziationen an einen weiblichen Körper sind unumgänglich. Das quietscht wie ein Baywatch-Starlet in Frontalansicht. Doch adressiert die Arbeit gleichermaßen diese Hybris der Leipziger in den 2000er Jahren, als alles unter dem Label einer scheinbar neuen Malerei in den Markt zu pumpen war, egal wie „obszön“ es daherkam.

Henriette Grahnert stammt aus Dresden. Sie studierte bei Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Das Etikett „Neue Leipziger Schule“ passt jedoch in keiner Weise. Eher ist es so etwas wie Meta-Malerei, die sich und den Betrieb mit einem Augenzwinkern selbst auf die Schippe nimmt. Immer wieder entdeckt man Zitate oder besser Anklänge an die Großmeister der Moderne. Da kommt die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko in der Serie „Keeping Secrets“ nicht ganz dazu, das Darunterliegende komplett zu verbergen. Eine ins Chaotische verdrehte Fältelung aus schmalen, gestreiften Bändern formt irgendetwas jenseits der Möbiusschleife in „Cowboy“ (2014). Unten sieht man mit Farbe bekleckerte Stiefel. Man möchte sich kringeln, denn was so bierernst an Jasper Johns oder Frank Stella erinnert, wird zum selbstironischen, geradezu „unmöglichen“ Knäuel, und die Künstlerin selbst pfeift dazu den Knastsong „I got stripes“ von Johnny Cash.

Gelegentlich fallen einem die Interpreten zeitgenössischer Kunst ein, Michael Bockemühl etwa, in deren Texten die Malerei selbst so unwirklich lebendig wird, dass man hofft, sie sei angekettet, damit sie nicht aus dem Museum stiften gehe. Grahnerts Replik ist „Monsieur Tableau“ (2015). Aus dem Boden kommt eine übergroße Figur, die sich mit zwei Armen auf den Fußboden stützt. Ihr Leib besteht aus einer einfarbigen Farbfläche. Das ist ein direktes Zitat monochromer Malerei von einst. Und man bemerkt: Heute versöhnen sich die damaligen Kombattanten durch die heilsame Therapie, die Grahnert ihnen angedeihen lässt. Also geht es um Malerei, aber auch um das Künstlersein: In der „Oblomowiade“ (2013) hängen Gummiringe ins absurde vergrößert an der Wand. Sie kennzeichnen einen schier unmöglichen Wettbewerb aus Lethargie und Langeweile. Wer die Goldmedaille bekommt? Vielleicht ist es ein Statement der Künstlerin zum eigenen Schaffen. Denn es braucht Muße, um den Betrachter mit einem Bildwitz zu verzaubern.

Die ganze Schau ist amüsant

Grahnert überbrückt spielend die Gräben, die zwischen nicht-figürlicher und gegenständlicher Malerei spätestens mit der Kontroverse zwischen Karl Hofer und Ernst Wilhelm Nay nach dem Zweiten Weltkrieg aufrissen. Das alles ist Geschichte. Grahnerts Malerei erkennt das Bühnenhafte des Systems in den Anlagen der Werke ihrer Vorläufer. Und so inszeniert sie diese dann auch.

Das ist herrlich anzuschauen, und man freut sich über jeden ach so alltäglichen Brandfleck, jeden Klebestreifen und dieses vielfache Ineinanderstülpen scheinbarer kunsthistorischer Gewissheiten. Übrigens zieht sich das Amüsement durch die gesamte Schau. In dieser Größenordnung hat man wohl selten derartig feinsinnigen Humor gepaart mit Nachdenklichkeit in stringenter Qualität zu sehen bekommen. Die Emanzipation von Schund und Nippes als Bedeutungsträger wie das „Scheinheiligkeitsdeckchen“ in einem Werk mit Zitaten aus modernistischem High-End: Fast ist man versucht, „genial“ auszurufen.

Die Ausstellung „Manchmal erscheinst du mir abstrakt“ mit 130 Gemälden der Leipziger Künstlerin Henriette Grahnert ist bis 28. August in der Kunsthalle Nürnberg zu sehen und offenbart umfangreich eine Kunst des humorvollen Überwindens von scheinbar so getrennten Sphären wie gegenstandsloser und figürlicher Kunst.

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