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Oper

Die Monster sind wir selbst

Ganz unskandalös kommt es am Theater Regensburg endlich zur szenischen Uraufführung Moritz Eggerts Oper „Freax“.
Von Britta Schönhütl, MZ

Für einen kurzen Moment scheinen sie ein glückliches ungleiches Paar: Michaela Schneider als Isabella und Matthias Laferi als Franz.
Für einen kurzen Moment scheinen sie ein glückliches ungleiches Paar: Michaela Schneider als Isabella und Matthias Laferi als Franz. Fotos: Jochen Quast

Regensburg.Einmal tut’s richtig weh. Plötzlich ist da ein Schmerz, der durch den Körper zieht, der von ganz tief innen kommt. Unerwartet. Unerbittlich. Der sich bis zum Verklingen des letzten Tons aufstaut und dann im ersten und einzigen Szenenapplaus des Abends auflöst. Denn Otto Katzameiers Arie ist unerträglich. Aber: zurück zum Anfang.

Komponist Moritz Eggert hat sich von Tod Brownings Horrorfilm „Freaks“ inspirieren lassen und mit „Freax“ eine Oper geschrieben, die sich um allerlei absonderliche Figuren dreht. Der Film stammt aus dem Jahr 1932 – und war ein Skandal. Die Oper wurde 2007 uraufgeführt – und war ein Skandal. Während im Film die Menschen mit körperlicher Behinderung und deren unverschönte Darstellung empörten, zerriss man sich in Bonn den Mund über Christoph Schlingensief, der kurz vor knapp die Regie schmiss; die Oper konnte man nur konzertant uraufführen. Zehn Jahre später kommt „Freax“ nicht zufällig nach Regensburg. Intendant Jens Neundorff von Enzberg war 2007 als Dramaturg in Bonn; er löst jetzt sein damals gegebenes Versprechen ein, Eggerts Oper irgendwann auf die Bühne zu holen.

Vom erneuten – und vielleicht auch erhofften? – Skandal keine Spur. Zwar sprang Regisseur Hendrik Müller kurzfristig für den erkrankten Jim Lucassen ein, Chor und Orchester mussten an die Regensburger Umstände angepasst werden, doch stand der szenischen Uraufführung diesmal nichts im Weg. Müller arbeitete Lucassens Konzept aus und verlegte die „Freak-Show“ raus aus der Manege, hinein ins Pflegeheim für gealterte Künstler. Dort lässt man die Insassen in einer Reality-Show auftreten, die dem Heim ordentlich Geld bringt. Neben sehr brutalen Zwillingsschwestern sind Lea und Franz als Slapstick-Zwerge in albernen Kostümen die Stars der Show. Die restliche Zeit verbringen sie als ganz normale Bewohner eines nicht so normalen Pflegeheims mit gar nicht normalem Personal.

Zwerg liebt Krankenschwester

Es gibt also zwei Welten: die der völlig überdrehten Show und die des tristen Heims. Bühnenbildner Marc Weeger hat dafür eine Drehbühne kreiert, die verschiedene Räume des Heims zeigt und auf der Vorderbühne noch Platz lässt für die mit Lametta-Vorhang abgetrennte Show. Zwischen diesen Welten entspinnt sich das Drama: Franz, der gar kein Zwerg ist, verliebt sich in die sehr blonde Krankenschwester Isabella, die von einer absurden Penis-Fixierung getrieben zu sein scheint. Sie willigt ein, Franz zu heiraten, obwohl er alt und inkontinent ist, dafür aber viel Geld hat. Ist sie dann erst mal reich, wird Franz eh nicht mehr lange leben, sie wird erben und mit ihrem Lover das Weite suchen. Blöd nur, dass ihr angebeteter Hilbert nur an sich denkt und der Plan so gar nicht aufgeht. Am Ende ist Isabella verstümmelt, Franz kein Star und auch kein guter Mensch mehr und Hilbert steht sehr blutverschmiert im Fegefeuer, das mal seine Show war.

Vera Semieniuk (vorn Mitte) mit dem Opernchor, in einer Szene von „Freax“ Foto: Jochen Quast
Vera Semieniuk (vorn Mitte) mit dem Opernchor, in einer Szene von „Freax“ Foto: Jochen Quast

Und ständig herrscht die Dauerhysterie, akustisch wie optisch. Die Reality-Show-Auftritte sind neon-grell, die Massenszenen ein buntes Durcheinander, dann dreht sich die Bühne und Isabella besorgt’s mal dem einen, dann dem anderen Herrn, während um die Ecke Jesus und Maria unterm Licht ihres LED-Heiligenscheins in einen Apfel beißen.

Bald sind sie kein Paar mehr: Vera Semieniuk als Lena und Matthias Laferi als Franz in einer Szene von „Freax“. Foto: Jochen Quast
Bald sind sie kein Paar mehr: Vera Semieniuk als Lena und Matthias Laferi als Franz in einer Szene von „Freax“. Foto: Jochen Quast

Das sind zwar starke erinnerungswürdige Bilder, die Hendrik Müller und Marc Weeger da gefunden haben, sehr cineastisch und durchgestylt dank der Lichteffekte von Wanja Ostrower. Aber wie Bilder wirken dann auch die Figuren, so oberflächlich und eindimensional kommen sie daher. Sie wirken wie im Zeitraffer wegerzählt, als würde sich das Bühnenkarussell immer schneller drehen und nur ab und zu einen scharfen Blick ermöglichen. Das Ensemble kämpft – und geht doch im orgiastischen Rausch dieser Inszenierung unter, der sich aus dem Gewusel auf der Bühne und den oftmals erschlagenden Klangflächen aus dem Orchestergraben zusammensetzt. Überforderung setzt ein, zu schnell fliegen Szenen, Bilder und Stilrichtungen vorbei.

Matthias Wölbitsch gibt den durchgeknallten Showmaster hilbert, links sitzt eine Madonnenfigur mit Heiligenschein und im Bett liegt Franz, von Leid überwältigt Foto: Jochen Quast
Matthias Wölbitsch gibt den durchgeknallten Showmaster hilbert, links sitzt eine Madonnenfigur mit Heiligenschein und im Bett liegt Franz, von Leid überwältigt Foto: Jochen Quast

Moritz Eggerts Komposition mäandert zwischen Jahrmarktsmusik, jazzigen Lounge-Sounds und überdrehten Zeichentrick-Collagen hin und her. Die Klangkulisse passt sich den einzelnen Szenen an, charakterisiert Räume und soll auch das Innenleben der Figuren herausarbeiten. Durch das rasante Tempo aber geht genau dieses Innenleben verloren, verschwindet in einem alles verschlingenden Klangteppich. Tom Woods peitscht das Orchester in Lichtgeschwindigkeit durch verschiedenste Emotionen, taucht das Theater in blaue Klangfarbe, jagt die Brandung der Wellen durch den Saal, indem er völlig aufgeht in Eggerts sphärischer Komposition, bei der die Hochzeitsgesellschaft plötzlich mitten im Meer schwimmt, die in ihrem Kleid weiß strahlende Isabella im Zentrum des Geschehens und am Rande des im Klang Ertrinkens.

Isabella, zum Paket verschnürt

Wenn das Karussell dann kurz langsamer wird, der Blick endlich scharf stellen kann, dann gibt es sie, diese besonderen Momente: Wenn sich der herausragende Matthias Wölbitsch als Showmaster Hilbert in eine Splatter-Porno-Nummer hineinsteigert und seine Stimme sich vor Lust beinahe überschlägt. Wenn sich Michaela Schneider als verstümmelte Isabella, zu einem Paket verschnürt, am Boden windet und wimmert. Wenn Matthias Laferi und Vera Semieniuk ihren Figuren mit einer solchen Zärtlichkeit begegnen, dass man ihr am liebsten den Lappen aus der Hand reißen und seine Urinlache selbst wegwischen möchte.

Berührend: Otto Katzameier in der Rolle als Hermaphrodit Dominique, vor dem goldenen Flittervorhang der Reality-Show Foto: Jochen Quast
Berührend: Otto Katzameier in der Rolle als Hermaphrodit Dominique, vor dem goldenen Flittervorhang der Reality-Show Foto: Jochen Quast

Doch keiner bringt es so auf den Punkt wie er: Otto Katzameier. Er hat das Zwitterwesen Dominique schon einmal gespielt, im Jahr 2007. Als er in Regensburg auf der Bühne steht und zwischen Bariton und Falsett changierend die ganze Essenz dieser Oper in wenigen Minuten erzählt, tut es weh. Unerträglich weh. Denn in diese Stimme, diese Szene, diese Figur ist all das Leid gelegt, das uns Menschen zum Monster werden lässt. All die Ausgrenzung der vermeintlich Andersartigen, all die Inakzeptanz des Fremden, all die Vorurteile. So schnell die Welt auch vorbeirasen mag, für solche Momente lohnt es sich, innezuhalten.

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