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Kunst

Die Musik und die Malerei sind fast eins

Die Regensburger Galerie Dr. Erdel zeigt die wunderbare Ausstellung „Ernte 22“ mit Werken von Karl Aichinger.
Von Helmut Hein, MZ

Wenn Karl Aichinger malt, hört er Musik: Mozart, Bach oder Bruckner. Die Musik verleiht den Bildern Struktur. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Für eine Karl Aichinger-Ausstellung braucht es, wenn man sie ganz verstehen und genießen will, Bildung. Die gute, alte, mühsame und nicht das rasch verfügbare Wikipedia-Wissen. Und dann natürlich Herzens- und Seelenbildung, Offenheit für alles Irdische und Himmlische. Und Kenntnis des vierfachen Schrift- und des achtfachen Bild-Sinns. Denn Texte und noch mehr Bilder sind nicht „einfach“, sie setzen sich aus vielem zusammen.

Das „rasch Hingeschmierte“ interessiert Aichinger nicht. Eher die Erhöhung des Schwierigkeitsgrads. Das Nachdenken über Farben und Formen. Was passiert, wenn man sie zusammenfügt? Welches Licht vertragen sie? Zum wirklichen Künstlertum, das auszusterben droht, gehört das Hadern. Und die Suche nach dem richtigen Ort. Ein Bild muss sich schließlich entfalten können. Muss zeigen können, was es ist. Mehr noch: Was es sein kann.

Karl Aichinger gehört untrennbar zur bayerischen und vor allem der ostbayerischen Kunst, ohne ihn würde Tag für Tag ein wenig Sichtbarkeit wegbrechen, Ausdruck verdorren. Aichingers Kunst ist authentisch. Das heißt: Er lügt nicht. Oder jedenfalls nicht so, wie man heutzutage lügt. Gefällig, „cool“, mit einem genauen Plan. Wenn Aichinger „lügt“, dann höchstens, weil er verzweifelt, für einen kurzen Augenblick hilflos der Wahrheit auf der Spur ist.

Das Bild braucht seine Zeit

Wo kommt Karl Aichinger her? Als er ganz jung war, war er Mitglied von Alexej Sagerers „Prozessions-Theater“, kurz „proT“. Sagerer ist, wie Aichinger, einer, der bis heute nicht aufgibt. Obwohl ihn das, was man Kultur nennt, wahnsinnig macht. In der Süddeutschen Zeitung hat er vor nicht allzu langer Zeit einen Text über den Irrsinn der „Kulturentwicklungspläne“, die Auslieferung der Kunst und des Denkens an hartleibigste Kulturverwalter oder -manager geschrieben, die in dem, was andere, oft am Rande der Existenz tun, vor allem die Chance für eine Planstelle, einen „Einfluss“ und einen Rentenanspruch sehen. Der Text hätte auch von Sagerers Zwilling Karl Aichinger stammen können. Jetzt ist bei ihm „Ernte“-Zeit.

Malt er gestisch, wüst, expressiv? Wenn überhaupt dann: suchend. Er folgt seiner Linie. Die verschlingen sich. Erzeugen Muster, „Bilder“, von denen nach wie vor gilt, was er vor langer Zeit sagte, als er den Eindruck hatte, der Betrachter sehe nicht: „Das Bild kommt schon noch.“ Dass Bilder Zeit brauchen, ist ihr Gütesiegel. Bilder, die man sofort „sieht“, kann man auch sofort wieder vergessen. Aichingers Bilder schreiben sich ein. Es sind Bilder zum Wieder-Sehen.

So wie jede Musik, die etwas taugt, Musik zum Wieder-Hören ist. Musik fürs Einmal-Hören, für den raschesten Verzehr, ist gar keine Musik. Musik und Malerei sind bei Aichinger fast eins. Wenn er malt, hört er Musik. Die Struktur der Musik gibt dem, was auf der Leinwand sichtbar werden soll, Raum und Form. Fast alle Bilder, die hier zu sehen sind, sind der Musik „nachgemalt“. Während der Vernissage am langen Galerienabend konnte man Mozarts „Jupiter“-Symphonie hören, von der schon Woody Allen sagte, dass sie zu den wenigen Dingen gehört, die das Leben, also den Nicht-Suizid oder allgemeiner: ein Diesseits des Gewalt-Exzesses, rechtfertigen. Aber Aichinger hört nicht nur die klarste, geistigste Musik (Bach) oder die indivuellste und zugleich gesellige (Mozart), sondern auch Bruckner und Messiaen. Musik, die in Religion oder Natur übergeht, vor allem aber und in jeder Hinsicht Ekstase ist.

Zwei gewaltige Leinwände mit identischem Format, 140 x 180 Zentimeter, aus dem vergangenen Jahr sind „Bach, Scarlatti, Händel“ und dann, im großen Sprung, „Messiaen“ gewidmet. Die Messiaen-Arbeit trägt den Zusatz-Titel „communio“. Um diese Einheit oder Vereinigung geht es hier. Mit viel Transzendenz, aber ohne ein Pathos, das gern trieft. Dazwischen in luzidem oder schwellendem Blau, je nach Auge und „Schrift-Sinn“, ein Triptychon aus dem Jahr 1997. Sein Thema: Bruckners 3. Symphonie in d-moll. Ein Stück Musik, das gerade junge Männer schwer ertragen, weil es ihnen zu drastisch, auch zu sexuell ist: anschwellen-abschwellen, sonst nichts. Das aber für den, der halbwegs in sich ruht, alle Rätsel in sich birgt.

Morgenglut im Frühherbst

Galerist Wolf Erdel schlägt als Resümee dieser Aichinger-Ausstellung innig ironisch vor: die schönste, die beste, die wichtigste Ausstellung auf diesem langen Galerien-Parcours an einem frischen Frühherbst-Abend. Das ist sicher nicht falsch. Noch euphorischer könnte man mit einem Aichinger-Bildtitel enden: „Sommerliche Morgenglut“.

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