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Junges Theater

Die Party kann schnell vorbei sein

Soziales Abseits, Ausgrenzung, Alkohol: …Die Welt steht still“ ist ein eindringliches Stück, von Felix Steinhardt und Stefan Maschek mitreißend gespielt.
Von Claudia Bockholt, MZ

  • Die Fußballfans Marco (Stefan Maschek) und Murat (Felix Steinhardt) jubeln dem SSV Jahn zu. Fotos: Zitzlsperger
  • Die liebenswürdigen Radaubrüder handeln sich immer wieder Ärger ein.

Regensburg. Schon seltsam. Im Theater hat sich gerade ein junger Kerl nach reichlich Pech und noch mehr Wodka das Leben für immer aus dem Leib gekotzt. Man tritt auf die Straße – und steht in einem Rudel junger Männer, von denen einer skandiert: „Ich – will – trin-ken!“.

Natürlich ist nicht jeder Alkoholexzess Ausdruck einer gescheiterten Existenz. Nicht jede unglückliche Kreatur erstickt Jimi-Hendrix-mäßig am eigenen Erbrochenen. Trotzdem stellt man sich, gerade aus dem eindringlichen Jugendstück „…Die Welt steht still“ entlassen, unwillkürlich Fragen: Was könnte dieser Sauferei vorausgegangen sein? Und wird sie hoffentlich nur mit einem bösen Kater bestraft?

Murat heißt der Heranwachsende, dessen Leben so unglamourös auf dem Bürgersteig vor einer Diskothek endet. Man sieht es nicht, man bekommt es nur erzählt. Ganz unaufgeregt. Keine Spur von „Club 27“, keine schicksalhafte Verkettung, keine düstere Tragik – nur das beschissene Ende einer ohnehin langen Kette von Misserfolgen. „Murat, der Arsch, wird in einer Stunde tot sein“, verkündet sein Kumpel Marco zu Beginn. Alle sollen gleich wissen woran sie sind, hier auf der kleinen Bühne des Jungen Theaters. Alle sollen Murats Abgang mitverfolgen, ihn Szene für Szene, Satz für Satz fallen sehen. Das ist überraschenderweise sehr unterhaltsam. Felix Steinhardt und Stefan Maschek spielen Murat und Marco mit Hingabe, immenser Spielfreude und in sensibler Balance zwischen Komik und Dramatik.

In der Inszenierung von Katja Blaszkiewitz geht kein Vorhang auf: Murat und Marco rumpeln durchs Fenster ins Theater hinein, drängen die Zuschauer, deren Stühle überall im Raum stehen und keine Spielfläche frei lassen, freundlich lärmend zur Seite. Sie sind zwei sympathische Radaubrüder. Sie tricksen, stehlen, betrügen – aber so naiv und sympathisch, dass man schier vergisst, dass hier handfeste Straftaten begangen werden.

Der Zuschauer ist immer ganz nah dran, manchmal mittendrin. Felix Steinhardt und Stefan Maschek bewegen sich zwischen allen Stühlen, machen ihr Publikum zu Teilen des Bühnenbilds: Zuschauer werden Duschkopfhalter, Busfahrgäste, Fußballfans, Diskothekenbesucher oder Türsteher.

An letzteren kommt Murat wegen seines Aussehens selten vorbei, selbst wenn er die gleichen Klamotten trägt wie sein deutscher Kumpel. Der darf in die Disko, ansonsten sei er „genauso Türke wie ich“, sagt Murat. Auch Marco ist arbeitslos. Wer eine Lehrstelle bekommen hat, hat es in den Augen der beiden „geschafft“. Sich selbst sehen sie am unteren Ende der Leiter – nicht weil sie auf Aufstieg hoffen, sondern weil man nicht mehr tiefer fallen kann. Sie haben nichts zu verlieren und bauen reichlich Mist. Als falsche Security-Leute gehen sie ins Jahn-Stadion, um den Eintritt zu sparen. Sie flüchten noch vor dem Abpfiff vor Neonazis – und entdecken bei der Heimfahrt, dass man mit Uniform ganz problemlos Schwarzfahrer abkassieren kann. Eine krumme Geschäftsidee ist geboren, die die beiden sich in ihrer ganzen Unreife patentieren lassen wollen.

Ein 3:1-Sieg des Jahn über Dynamo Dresden macht den Tag perfekt. Party! Erstmal wird eine Flasche Wodka geklaut, dann geht es über einen Hintereingang in die Diskothek. Murat ist besoffen, tanzt wild und immer ausgelassener. Dann ist er plötzlich weg – und die Welt steht still. Marco kann sich nur noch fragen, ob er etwas hätte tun können. Genauso wie die Zuschauer, die gerade noch um den Derwisch Murat herumstanden und für ihn die Wodkaflasche hielten.

„…Die Welt steht still“ ist noch bis zum 7. April in der Probebühne am Bismarckplatz zu sehen. Bis zum 2. April können sich WGs um ein Gastspiel in ihrer Wohnung bewerben. Alle Infos dazu unter www.theater-regensburg.de

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