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Uraufführung

Die Präsidentin wirft eine Klangbombe

Samy Moussas Oper „Wüstung (Vastation)“ hat am 8. Mai Premiere in München. Sie handelt von Politik – und rührt an eine neue Form von Emotionalität.
Von Juan Martin Koch, MZ

  • Eine Szene aus „Wüstung (Vastation)“: Die Präsidentin greift im Wahlkampf zum letzten Mittel – einer Art Klangbombe. Foto: Martin Sigmund
  • Eine Szene aus „Wüstung (Vastation)“ mit Cameron Becker, Seymur Karimov, Vera Egorova, Jongmin Yoon und Anna Pisareva (von links) Foto: Martin Sigmund
  • Samy Moussa am Pult Foto: Juan Martin Koch

Regensburg.Es braucht nicht viel, um Samy Moussa zum Reden zu bringen. Eine Frage zur Rolle des Orchesters in seiner Oper „Wüstung (Vastation)“, und schon nimmt der Komponist, der sein neues Werk gerade als Dirigent am Regensburger Theater selbst einstudiert, Fahrt auf ins Grundsätzliche: „Manche werden sagen, meine Musik sei konservativ, aber das trifft es nicht.“

Was Moussa vorschwebt, ist ein Weg, die in der Oper charakteristische Künstlichkeit umschlagen zu lassen in eine neue Form von Emotionalität: „Es geht nicht um Musical-Gefühle, das interessiert mich nicht; ich möchte versuchen, die Zuhörer in die emotionale Welt der Figuren hineinzuführen: in die öffentliche, politische Seite ihrer Persönlichkeit und in die private.“

Um die Vorder- und Rückseite der Politik geht es auch in der Oper „Wüstung (Vastation)“. Sie wird als Koproduktion mit dem Theater Regensburg in der Regie von Christine Mielitz am 8. Mai im Rahmen der Münchner Biennale für neues Musiktheater uraufgeführt und hat dann am 17. Mai in Regensburg im Theater am Bismarckplatz Premiere.

Ein vernichtender „sonic blast“

Der Handlungsfaden: In einem fiktiven Staat versucht die amtierende Präsidentin (die Hauptpartie übernimmt die Altistin Vera Egorova) zur Wahlkampfzeit, mittels eines selbst angezettelten militärischen Konflikts ihren Machterhalt zu sichern. Dafür greift sie zum letzten Mittel, einer Art „Klangbombe“, die mit ihrer alles verwüstenden, die Betroffenen in den Wahnsinn treibenden Kraft der Oper den Namen gibt. Gleichzeitig ist die Präsidentin in familiäre Probleme verstrickt, die sich von den politischen kaum trennen lassen.

Die Idee für den vernichtenden „sonic blast“ stammt nicht, wie zu vermuten wäre, vom Komponisten, sondern von seinem Textdichter, dem renommierten englischen Erzähler Toby Litt. „Ihn zu finden hat länger gedauert, als die Oper zu schreiben“, merkt Samy Moussa an, der sich sicher ist, mit Litt den idealen Librettisten gefunden zu haben. „Seine Fähigkeit, Dialoge, arienartige Passagen und Ensembles in knappe, fast songartige Zeilen zu fassen, ist genau das, was ich gesucht habe.“

Diese Textstruktur kommt, darauf lassen zumindest die kurzen Probeneindrücke schließen, Moussas transparenter, punktgenauer Orchesterbehandlung entgegen. Dabei fühlt sich der Komponist einer Traditionslinie zugehörig, die Moussa durch die deutsche Avantgardeszene der vergangenen 50 Jahre unterbrochen sieht: „Für mich als Kanadier ist es interessant zu beobachten, dass es in Deutschland durch den Einfluss von Musikphilosophen wie Adorno die Meinung gibt, Musik, die einen berühre, sei manipulativ. Aber wir werden doch nicht dadurch von Musik berührt, dass wir manipuliert werden, sondern weil wir Menschen sind!“ Entsprechend reagiert Moussa, der in seiner Oper eine von ihm in den letzten ein, zwei Jahren entwickelte, „neue Form der Tonalität“ zur Anwendung bringt, auf die Erwähnung Benjamin Brittens: Er hält ihn – noch vor Strawinsky – für den wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Interessante Klischees

Der Versuchung, die titelgebende Klangdetonation namens „Vastation“ kompositorisch darzustellen, ist Moussa nicht erlegen: „Da kann man nur an den Erwartungen scheitern.“ Sehr wohl will er aber die von ihr verursachte innere „Wüstung“ musikalisch ausdrücken, unter anderem in Form einer Wahnsinnsszene, für die es in der Operngeschichte berühmte Vorbilder gibt. „Solche Klischees sind interessant, weil sie eine Brücke schaffen können zu etwas Neuem“, sagt Moussa, verrät aber über den Wahnsinnigen nur so viel: „Vielleicht landet er in der falschen Oper?“

Die Oper in drei Akten von Samy Moussa (Libretto: Toby Litt) wird am 8. Mai (20 Uhr) im Gasteig München uraufgeführt. Den Kompositionsauftrag gab die Carl-Orff-Stiftung, den Librettoauftrag die Stadt München und das Theater Regensburg. Premiere im Theater am Bismarckplatz in Regensburg ist am 17. Mai (19.30 Uhr).

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