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Die rauen Pfade zum Superstar

Die Regensburgerin Annika Blendl hat einen Film über die Gesetze der Selbstvermarktung im Netz gedreht. Er macht Mut.
Von Peter Geiger

Stolz präsentierte Regisseurin Annika Blendl am Dienstagabend ihren Film „All I never wanted“ im Kino im Andreasstadel.  Foto: Peter Geiger
Stolz präsentierte Regisseurin Annika Blendl am Dienstagabend ihren Film „All I never wanted“ im Kino im Andreasstadel. Foto: Peter Geiger

Regensburg.Nein, das Leben in und mit der digitalen Welt ist weder ein Ponyhof noch ein Frühlingsblütentraum. Egal, ob Mädchen oder Junge: Wer nur halbwegs vertraut ist mit den branchenüblichen Usancen der Mediengesellschaft, sollte darüber Bescheid wissen. Trotzdem aber geben wir uns, vor allem in jungen Jahren, allzu gern allzu idealistischen Illusionen hin. Und brauchen bald einen Arzt oder Apotheker. Denn die bittere Wahrheit sieht meist so aus: In den Netzen, mit denen wir auf Beutezug unterwegs sind, landet vor allem Beifang.

So lässt sich vielleicht am präzisesten der Titel jenes Films umschreiben, den eine der beiden Regisseurinnen, die 1981 in Regensburg geborene Annika Blendl, am Dienstagabend im Andreasstadel sehr charmant und selbstironisch vorstellte: In „All I never wanted“ (zu deutsch also in etwa: All das, was ich mir nie gewünscht habe) erzählt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Leonie Stade traumhaft sicher die Geschichte von Lernprozessen. Von drei Fällen radikaler Desillusionierung. Und anschließender Rückgewinnung weiblicher Souveränität.

Da sind – allen voran – die beiden Regisseurinnen selbst: Sie laufen nämlich als die Erzählhandlung vorantreibende Kräfte zwischenzeitlich ihrerseits Gefahr, mit dem von ihnen angestoßenen Dokumentarfilmprojekt Schiffbruch zu erleiden. Und so nicht nur das großzügig von einem Produzenten vorgestreckte Investitionskapital von hunderttausend Euro in den Sand zu setzen, sondern obendrein auch ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen. Denn ihr Vorhaben, zwei Frauen auf dem Weg nach oben zu begleiten, ist von deren Erfolg abhängig.

Abschlussarbeit

  • Der Film:

    „All I never wanted“ läuft vom morgigen Freitag (20. Dezember) bis Montag im Andreasstadel, jeweils um 21 Uhr.

Modewelt und Theaterbühne

Die 17-jährige Nina aus Stuttgart, sie will sich in Mailand in der Modewelt etablieren. Bald bemerkt sie aber, wie hart das Pflaster ist, das hinaufführt auf den Catwalk. Und dass makellose Schönheit weder konkurrenzlos ist. Noch ausreicht, um allein deshalb bei der Fashionweek laufen zu dürfen.

Weshalb sie nach Wochen noch ohne Job ist. Und weinend mit Mama telefoniert. Ihr gegenübergestellt ist Mareile (nicht nur im echten Leben die Schwester von Annika): Die muss einleitend den Filmtod als Serienkommissarin sterben – wer nämlich, so die zynische Frage, will schon einer Vierzigjährigen beim Ermitteln zusehen? Mangels Alternativen wird die ansonsten so quicklebendige Blonde nun von ihrer Agentin an eine Provinzbühne in Lindau vermittelt. Dort soll ihre TV-Popularität helfen, eine „Johanna von Orleans“-Inszenierung mit zusätzlichem medialen Glanz auszustatten.

Alle Frauen – Nina, Mareile wie auch das Regisseurinnenpärchen – sie sehen sich im Lauf der 90 Filmminuten unablässig den unerbittlichen Gesetzmäßigkeiten des Marktes ausgesetzt. Seinen Avancen. Seinem Werben. Sein Winken mit Belohnung. Seiner Forderung nach Anpassung und Selbstdemütigung. Vor allem danach, dass ein Teenager-Model eine fünfstellige Zahl an Followern in jenen Netzwerken vorzuweisen hat, die die sozialen genannt werden. Oder dass eine Frau, die auf ihre besten Jahre zumarschiert, beherzt „Ja!“ ruft, wenn der Regisseur von ihr offene Flanken im Dekolleté einfordert.

Blinder Gehorsam

Und die beiden Filmverantwortlichen? Nein, der Geldhahn wird ihnen dann nicht zugedreht, sollten sie sich einlassen, auf die übergriffigen Avancen von Produzentenseite. Die große Kunst, mit der die beiden „echten“ Macherinnen des Films aufzuwarten wissen, ist die: Indem sie die Funktionsweise all der Mechanismen, die Forderung nach blindem Gehorsam wie radikaler Selbstinszenierung, vorführen, gelingt ihnen en passant auch noch ganz großes Kino. Weil sie auf Zeigefinger und gönnerhafte Ratschläge aus der Besserwisserecke verzichten. Und ihre Protagonistinnen via Selbsterkenntnis in die Lage versetzen, sich durchzubeißen. Dass die Kamera oft wackelt, erhöht nur den Grad der Illusion, einem Dokumentarfilm beizuwohnen. Ein Märchen? Vielleicht. Aber eines, das samt grandiosem Soundtrack Mut macht!

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