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Kunst in Regensburg

Die Rettung der starken Bilder

Einladung zum Sehen: Linda Männel und Birgit Nadrau zeigen ihre Arbeiten in der Galerie Isabelle Lesmeister in Regensburg.
Von Helmut Hein, MZ

  • Birgit Nadrau (l.) und Linda Männel (r.) vor einem von Nadraus Bildern in der Galerie Lesmeister Foto: altrofoto.de
  • Birgit Nadrau (l.) und Linda Männel (r.) vor Werken von Linda Männel Foto: altrofoto.de

Regensburg.Machen Bilder blind? Ja, zweifellos. Sehr oft jedenfalls. Die Allgegenwart der vielen schlechten, schwachen, trügerischen Bilder, die sich unverschämterweise als Abbild der Realität ausgeben und überall erscheinen und vorgezeigt werden, von seriösen Medien bis zu intimsten Handy-Archiven, verklebt die Sinne und das Hirn, stört Wahrnehmung und Denken. Braucht man also ein Bilder-Verbot oder zumindest eine Bild-Askese? Nicht unbedingt. Gegen die schlechten, schwachen Bilder helfen gute, starke.

Bei Linda Männel und Birgit Nadrau ist ein gutes Bild eines, das sich Zeit nimmt; das nicht rasch, unmittelbar, „authentisch“ daherkommt, sondern gewissermaßen ein Meta-Bild ist, das Bild eines Bilds, ein Produkt von Erinnerung und Reflexion. Und damit fast zwangsläufig auch von Sehnsucht und Trauer.

Die Präsenz eines starken Bildes verdankt sich einer Abwesenheit, die man (oder frau, in diesem Fall) nicht akzeptieren kann oder will. Männel und Nadrau sind Archivare. Sie verfügen über viele Bilder. Im Gedächtnis: die „Reste“ des eigenen Lebens, die sich langsam verschieben und verblassen, auch mutieren, jedenfalls keine Ruhe geben. Und materiell: als Sammlung; alte Fotos, Erbschaften einer anderen Zeit, und festgehaltene, rare Augenblicke; Fundstücke, Skizzen etc.

Die Lust am Geheimnis

Das gemeinsame Motiv: Rettung dessen, was zu verschwinden droht. Linda Männel macht uns neugierig auf das, was (scheinbar zumindest) niemand mehr sehen will oder was längst vergessen ist, indem sie das, was sie zeigt, zugleich verbirgt. Das weckt im Betrachter den Voyeur, der meint, er könne ein Geheimnis erhaschen, wenn er nur genau genug hinschaut.

Alle ihre Ansichten sind verstellt durch einen „Vorhang“ aus gelbem Garn, der über den Bildern liegt. Während in unserer durchmedialisierten Welt alles für den raschen Verzehr bestimmt ist und auch die Herstellung immer neuer Bilderserien in Hundertstel-Sekunden geschieht, nimmt bei Linda Männel alles viel Zeit in Anspruch. Bis ein einziges Bild „umgarnt“ ist, dauert es Stunden. Ein meditativer Akt, der beruhigt? „Manchmal“, sagt Linda Männel. „Und manchmal kann es einen ganz schön nervös machen.“

Was das Verfahren auf jeden Fall bewirkt: eine Verzögerung der Wahrnehmung, die gezielte Unterbrechung des sensorischen Flusses. Aus dem puren Reflex wird Reflexion. Die Sinnlichkeit bekommt „sofort“ eine innere Seite: als Empfindung, Gefühl, auch Erinnerung bereits in dem Augenblick, in dem sich der Akt des Sehens ereignet. Man weiß: dieses Bild wird bleiben.

Was versammelt Linda Männel in der Galerie Lesmeister? Ein See-Stück aus der frühen Kindheit: die Wasserfläche mit Boot und einem Kind, das sich gerade vom Sprungturm gelöst hat und jetzt scheinbar in der Luft schwebt; am jenseitigen Ufer Bäume; und im Hintergrund eine Kirchturmspitze. Inbilder des frühesten Lebens („Heimat“), die aufbewahrt werden sollen für alle Zeit. Das Garn, das sich wie ein Schleier über die Szene legt, hilft dabei, verrätselt und erhält.

Die Spur ist gelegt

Daneben zwei Frauen („Schwestern“. Sind es Schwestern?) in inniger Umarmung, von denen man mehr wissen möchte. Aber das meiste bleibt verborgen, für die Augen unsichtbar – was die „Besetzung“ dieses Augenblicks erhöht. Man wird nicht mehr vergessen. Die Spur ist gelegt. Und enigmatische Porträts („Ahnin“), halb schon versunken und dadurch mit neuer „Erregung“ versehen, aufgehoben.

Birgit Nadrau, die auf dem alten Nürnberger AEG-Gelände Tür an Tür mit Linda Männel ein Atelier hat, ist auf den ersten Blick ihr Gegenpart. Wo bei Männel prima vista alles weich und weiblich ist, favorisiert Nadrau das Technoide, Metallische. Aber genau besehen sind auch ihre Verfahren – das Auftragen hauchdünner Folien auf Leinwand (von der für die Wahrnehmung noch Fetzen alter Bilder durchschimmern), das Oxydieren, das die figurativen Arrangements leicht entrückt – Handarbeit, hauchzart: „Manchmal traue ich mich gar nicht mehr zu atmen“, weil alles verfliegen oder sich verformen könnte.

Auch das Motiv ist bei Nadrau ähnlich wie bei Männel: die Rettung der starken Bilder, in denen sich Dasein „kristallisiert“ (im Sinne Stendhals), augenblickshaft zwar, aber so, dass sich andere Bilder, Empfindungen, Erinnerungen, Sehnsüchte anlagern können. In einem starken Bild, in diesem betörenden Gespinst aus Ästen und Blättern ist vielleicht ein halbes Leben enthalten.

Service

Die Ausstellung ist bis 6.April in der Galerie Isabelle Lesmeister, Obermünsterstrasse 6, in Regensburg geöffnet: Di. bis Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa. 12 bis 16 Uhr.

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