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Biografie

Die revolutionäre Madonna Michelangelos

Gerade zum Frauentag besonders lesenswert: Maria Musiols Werk über die italienische Dichterin Vittoria Colonna.
Von Jutta Göller, MZ

Die Autorin Dr. Maria Musiol vor ihrem Gästehaus, der Casa Serena, im Regensburger Westen
Die Autorin Dr. Maria Musiol vor ihrem Gästehaus, der Casa Serena, im Regensburger Westen Foto: Archiv/altrofoto.de

Regensburg.Im Fürstlichen Marstall am Emmeramsplatz kann man seit kurzem wieder ganz nah an die Kopien der Bilder Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle in Rom herangehen. Das Gesicht Marias auf dem Gemälde des Jüngsten Gerichts soll das von Vittoria Colonna sein. Wegen des großen Erfolgs wird die Ausstellung bis Anfang Mai nochmals in Regensburg gezeigt. Während man sich als „Normal-Tourist“ im Vatikan in wenigen Minuten durch die Sixtina schieben und scheuchen lassen muss, kann man hier in Muße und aus nächster Nähe die Details betrachten.

Vittoria (1492-1547) aus dem hoch angesehenen Adelsgeschlecht der Colonna war die bedeutendste Renaissance-Dichterin Italiens. Hochgebildet, stand sie mit sämtlichen Geistesgrößen ihrer Zeit, mit Päpsten, weltlichen und geistlichen Fürsten in Kontakt. Michelangelo (1475-1564) hat sie vermutlich um 1516 zum ersten Mal gezeichnet in einem traumhaften Profilbild, das ihre androgyne Erscheinung hervorhebt. Thomas Mann sagt, Michelangelo habe Wesen bevorzugt, in deren Antlitz sich das Männliche und das Weibliche auf eine ihm göttlich scheinende Weise vereinigten, „wie in der wundersamen Zeichnung, die er von der Colonna entworfen mit dem seelenvollen, vor Seelenfülle beinahe brechenden Auge und dem starken üppig-schön geformten Mund“.

Gebrandmarkt als Häretikerin

Vittoria war mit einem spanischen Granden und Kriegshelden im Dienste Kaiser Karls V. verheiratet, der schon 1525 an Schlachtverletzungen starb, so dass sie mit 33 Jahren Witwe war. Von ihrem Mann erbte sie den Titel der Markgräfin von Pescara und widersetzte sich allen Plänen ihrer Familie, sie erneut zu verheiraten. Sie widmete ihr Leben der Dichtung, dem geistigen Austausch und der Suche nach Gott. In Italien blühte seit Dante und Petrarca das Sonett: ein vierzehnzeiliges Gedicht, bestehend aus zwei Quartetten und zwei Terzetten mit festem Reimschema. Colonna brachte es in dieser Form zur Meisterschaft, und das größte Kompliment, das die Zeitgenossen für sie hatten, war: Sie könne dichten „wie ein Mann“.

Inhaltlich revolutionierte Colonna die Gattung, indem sie Liebesgedichte an einen Mann schrieb, bis dahin unerhört und nur dadurch sanktioniert, dass es Gedichte an ihren verstorbenen Gatten waren. Sowohl die Liebesgedichte als auch die späteren geistlichen Gedichte gingen in den gebildeten Kreisen Italiens von Hand zu Hand und erlebten viele gedruckte Auflagen.

Häresieverdacht in den letzten Lebensjahren

Doch dann geriet Colonna in den letzten Jahren ihres Lebens unter Häresieverdacht, und die Inquisition ermittelte gegen sie. Sie hatte Sympathien für Reformbewegungen gezeigt, die den Ideen Luthers nahestanden. Die Inquisition beschlagnahmte Vittorias Briefwechsel mit geistlichen Würdenträgern, und nur ihr früher Tod 1547 bewahrte sie vermutlich vor einem Prozess. Als Häretikerin gebrandmarkt, gerieten ihre Werke in Vergessenheit, bis sie in der italienischen Einigungsbewegung des 19. Jahrhunderts wieder entdeckt wurden.

Maria Musiol vor einem Porträt ihres großen Vorbilds Antonia, ihre Großmutter
Maria Musiol vor einem Porträt ihres großen Vorbilds Antonia, ihre Großmutter Foto: altrofoto.de

Die Regensburger Historikerin, Anglistin und Italianistin Dr. Maria Musiol, hat sich im Ruhestand der Erforschung dieser einzigartigen Frauengestalt verschrieben. In mehreren Büchern hat Maria Musiol dargestellt, dass Vittoria Colonna weit mehr war als eine Petrarca-Epigonin oder „Seelenfreundin“ Michelangelos. Unter dem Titel „Vittoria Colonna. Ein weibliches Genie der italienischen Renaissance“ hat die Autorin eine erste wissenschaftliche Biografie vorgelegt, versehen mit vielen Fußnoten und Quellenangaben. Dieses Buch wurde auch ins Englische übersetzt. Dann gibt es sozusagen eine subjektivere „populäre Ausgabe“ der Biografie ohne Fußnoten, mit vielen Querverweisen zu anderen Dichtern und mit aktuellen Bezügen, die oft sehr amüsant sind: „Wie kläglich nimmt sich im Vergleich zur Aufbruchslust der Renaissancefrau zu weiblicher Selbstbestimmung und zu ihrer Risikobereitschaft der ängstliche Herdentrieb heutiger Witwen auf organisierten Reisen aus!“ Das Zitat stammt aus „Vittoria Colonna. Shakespeares verschollene Schwester“, einem Buch, geeignet als Geschenk zum internationalen Frauentag.

Am besten gelungen und am faszinierendsten sind die Kapitel über Vittorias Beziehung zu Michelangelo. Als der über 60-jährige Künstler das „Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle malte, war die Colonna eine der wenigen Personen, die das Gebäude während der Arbeit am Wandgemälde betreten durften. Die Darstellung galt schon den Zeitgenossen Michelangelos als zugleich revolutionär und skandalös, vor allem wegen der Nacktheit vieler Figuren, deren Scham noch zu Lebzeiten des Künstlers zum Teil übermalt werden musste.

Im Gedenken an „un grande amico“

Neben Christus sitzt zu seiner erhobenen Rechten seine Mutter Maria, zusammen mit dem Sohn von einer gelben Mandorla umgeben. Göttlicher Sohn und Mutter befinden sich also sozusagen auf einer Ebene, aber Maria, deren Gesichtszüge die von Vittoria Colonna sein sollen, wendet den Kopf zur Seite, kreuzt schützend ihre Arme vor der Brust. Sie wendet den Blick ab von dem Zorn Gottes.

Musiol legt dar, wie diese Darstellung auf das „humanistische“ Marienbild Vittorias zurückgehen könnte, wie ihre Gottesvorstellung, die griechisches und christliches Gedankengut vereinte, Michelangelo beeinflusst haben könnte. Sie war vermutlich die einzige Frau, die er (platonisch) geliebt hat. Als sie lange vor ihm starb, schrieb er über sie: „Der Tod nahm mir einen großen Freund“, „un grande amico“, notabene maskuline Form, nicht feminin.

„Niemand ist eine Insel“, „no man is an island“, hat der englische Dichter John Donne 1624 in einem berühmten Text geschrieben, dem mehrere moderne Romantitel entlehnt sind. „Jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents“, „every man is a piece of the Continent“, geht das Zitat weiter, das man interpretieren kann als eine Art frühen Europa-Hymnus, verfasst ausgerechnet von einem Engländer, der auch ein großer Sonett-Dichter war. Im Zeitalter von Brexit und Neo-Nationalismus scheint dem Vereinten Europa die Stunde zu schlagen. Maria Musiol ist nicht nur überzeugte europäische Humanistin, sondern auch eine liebenswürdig exzentrische Bed-and-Breakfast-Lady in bester britischer Tradition im Regensburger Stadtwesten. Auch darüber hat sie geschrieben und eine humorvolle Broschüre verfasst: „Bed and Breakfast. Mon Amour.“ Auch das ist gelebte Völkerverständigung.

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