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Kultur
Montag, 28. Mai 2018 31° 1

Inszenierung

Die Rückkehr des vierten Akts

Das Theater Regensburg bringt mit „Edgar“ eine selten gespielte Oper Puccinis auf die Bühne – und sogar in voller Länge.
Von Andreas Meixner

Hände hoch! Flankiert vom Opernchor duellieren sich Seymur Karimov als Frank und Vera Egorova-Schönhöfer als Tigrana. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Puccinis zweite Oper „Edgar“ ist so gar nicht das, was man eine Erfolgsstory nennen kann. Zumindest waren ihr nach der Premiere in der Mailänder Scala im April 1889 zunächst nur zwei weitere Folgeaufführungen vergönnt. Die Kritik warf der Musik etliche Stilkopien vor, vieles klinge nach Gounod, Bizet oder Verdi. An diesem Punkt schon wirft sich Hendrik Müller, Regisseur der Regensburger Inszenierung, schützend vor den Komponisten und sein Werk. „Die Oper hatte ihre Premiere zum Ende der Spielzeit, mehr Aufführungen wären gar nicht möglich gewesen.“

Dennoch sah sich Puccini gezwungen, die Partitur erneut in die Hand zu nehmen. Er kürzte die Dreiecksgeschichte von Edgar, Fidelia und Tigrana um einen ganzen Akt. Und das, obwohl gerade der vierte Akt die vielleicht schönsten Melodien der Oper enthält, die bereits die für Puccinis spätere Werke charakteristische Prägung aufweisen.

Puccinis zweite Oper in der ursprünglichen vieraktigen Fassung zu spielen, wird also gerade der Figur Tigrana weit gerechter als die überarbeitete dreiaktige Version. Dass Puccini so rücksichtslos in die Partie eingriff, geht dabei wohl weniger auf fehlendes Einfühlungsvermögen in seine weibliche Hauptfigur zurück, als auf eine große und tiefe Verunsicherung, die der Misserfolg der Oper bei der Uraufführung 1889 in dem noch jungen Komponisten ausgelost haben muss. Puccini schreckt in der Überarbeitung nicht einmal davor zurück, Tigrana die Musik singen zu lassen, die er eigentlich Fidelia zugedacht hatte. Ein weiteres Indiz dafür, dass dem Komponisten die eigene Oper im Nachgang der Uraufführung mehr und mehr entglitt.

Flucht in den Exzess

Lange Zeit war dann jener Akt verloren, erst 2007 wurde ein Teil der Originalpartitur wiedergefunden und der vierte Teil konnte rekonstruiert werden. Am Theater Regensburg wird die deutsche szenische Erstaufführung der vorläufig rekonstruierten Urfassung zu hören sein. Im Mittelpunkt des Stückes, das im Flandern des Jahres 1302 verortet ist, steht der dem Alkohol verfallene Edgar, der sich mit dem engen Dorfleben und der treuen Liebe seiner Verlobten Fidelia nicht zufrieden geben will. Erst flüchtet er sich mit der Außenseiterin Tigrana in ein ausschweifendes Leben, bald darauf wendet er sich dem anderen Extrem zu: Er geht zum Militär. Als siegreicher Held kehrt er in sein Heimatdorf zurück, doch seine einstmals verzweifelte Suche nach Halt hat sich in zerstörerische Selbstgerechtigkeit gewandelt.

Ban kehrt zurück

  • Neben Hendrik Müller

    kehrt auch eine weitere Person zurück nach Regensburg: Tetsuro Ban, ehemaliger Regensburger Generalmusikdirektor (2009 – 2017) tritt wieder ans Dirigierpult und übernimmt die musikalische Leitung der selten gespielten Oper.

  • Die Regensburger Premiere

    des Stücks ist am kommenden Samstag. Weitere Infos unter www.theater-regensburg.de.

„Nach erzählerischer Logik darf man in der Handlung nicht suchen, die Szenenwechsel nicht hinterfragen, dann funktioniert die melodramatische Figurenzeichnung und die wunderbare Musik Puccinis“, sagt Müller. Auf seinem Regiebuch steht in großen Lettern: Effekt vor Logik. Der Regisseur ist kein Unbekannter in Regensburg. Erst letztes Jahr war er verantwortlich für die aufsehenerregende szenische Uraufführung von Moritz Eggerts „Freax“. Der Anstoß, die selten gespielte Oper in Regensburg auf die Bühne zu bringen, kam von Alexander Joel. Der Bruder des Pop-Superstars Billy Joel wirkte bis 2014 als Generalmusikdirektor am Staatstheater Braunschweig, wo Regensburgs Intendant bis 2012 Operndirektor war. „Intendant Jens Neundorff von Enzberg kam damals während den Orchesterproben für Freax auf mich zu und bot mir Edgar an. Er meinte, ich wäre genau der richtige dafür. Da konnte ich nicht nein sagen.“

Große Mezzosopran-Partie

Mit im Boot ist auch wieder Marc Weeger, der erneut die Ausstattung verantwortet. Die Szenerie ist aus dem mittelalterlichen Flandern in eine amerikanische, ungemütliche Provinzstadt der Zukunft verlegt, Drogen und Alkohol sind allgegenwärtig. Müller wird auch mit Videoprojektionen arbeiten, Filmsequenzen werden zum dramaturgischen Bindeglied einer Musik, die der Regisseur leidenschaftlich als „Puccini at his best“ bezeichnet: „In seiner zweiten Oper ist schon alles da und angelegt, was den Erfolg und die große Beliebtheit von Puccini ausmacht.“ Ebenso eine musikalische Besonderheit: Keine Stimmlage wurde von Puccini so vernachlässigt wie die des Mezzosoprans. Ob in „Tosca“, „La Boheme“, „Manon Lescaut“ oder „Madama Butterfly“ – nirgends findet man eine große Partie für das tiefe Sopran-Fach, außer in dieser Oper. So bleibt die Figur der Tigrana Puccinis einzige große Mezzosopran-Partie.

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