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Sonntag, 27. Mai 2018 29° 2

Persönlichkeit

Die Schauspielerei war sein Lebensretter

Hollywoodstar Andrew Garfield spricht im Interview mit der MZ über Lebenslust, Todessehnsucht und Smartphone-Dämonen.
Von Marco Schmidt

Für Hollywoodstar Andrew Garfield ist das Laufen über den roten Teppich unnatürlich. Foto: epa/Ettore Ferrari/dpa

Wir waren vorgewarnt: Der einstige Superhelden-Darsteller Andrew Garfield („The Amazing Spider-Man“) sei im Umgang mit der Presse kein Held, war von Kollegen zu hören. „Er mag einfach keine Interviews“, hieß es im Vorfeld unseres Gespräches beim Zurich Film Festival, wo der Schauspielstar am Abend zuvor mit dem Golden Eye Award ausgezeichnet worden war. „Tut mir leid, der Jetlag hat mich voll erwischt“, entschuldigt er sich, als er uns in einem Hotelzimmer zur Begrüßung scheu die Hand gibt. Tatsächlich wirkt der 34-Jährige müde, eingefallen, deutlich schmächtiger als auf der Leinwand. Doch er entpuppt sich als ausgesprochen reizender Zeitgenosse – und zu unserer großen Verblüffung klingen seine Antworten hellwach, klug durchdacht und sehr interessant: Mit schonungsloser Offenheit gewährt er einen Einblick auch in dunklere Seiten seiner Persönlichkeit.

Mr. Garfield, Ihr neuer Film „Solange ich lebe“ (Kinostart: 19. April) beruht auf der wahren Geschichte des lebenslustigen Unternehmers Robin Cavendish, der 1958 mit 28 Jahren durch eine Infektion vom Hals ab gelähmt wurde. Zu Beginn des Films sieht man Sie als Robin auf abenteuerlichen Exkursionen in Afrika. Was war Ihr bisher größtes Abenteuer?

Mit 19, während meines Schauspielstudiums, bin ich als Rucksacktourist mit einem meiner besten Freunde zwei Monate lang mit dem Zug durch Europa gereist. Wir schliefen in Jugendherbergen, ließen uns treiben, verloren uns und fanden uns wieder. Das war eine wilde Zeit!

„Und mir wurde plötzlich klar, was für ein Privileg es ist, einen funktionierenden Körper zu haben“

Andrew Garfield

Was war für Sie die größere körperliche Herausforderung – die Superhelden-Stunts in „The Amazing Spider-Man“ oder die Darstellung eines Mannes, der nur noch seinen Kopf bewegen kann?

Beides war auf unterschiedliche Weise schwierig. Bei „Solange ich lebe“ musste ich lernen, meine unbewussten Körperbewegungen zu unterdrücken. Aber ich war froh, dass ich diese ganz besondere Art des Daseins entdecken durfte. Und mir wurde plötzlich klar, was für ein Privileg es ist, einen funktionierenden Körper zu haben.

Was haben Sie von Robin gelernt?

Wie man leben sollte – voller Freude und Optimismus. Und wie man Verlust in sein Leben integriert. Damit hat wohl jeder seine Probleme, obwohl diese Erfahrung unausweichlich ist: der Verlust eines geliebten Menschen, einer Beziehung, eines Haustiers, eines Beines, des Augenlichts ... Robin hat uns gezeigt, wie wir einen Verlust in etwas Schönes umwandeln können.

Wie schafft man das?

Indem man sein Schicksal akzeptiert und einen Sinn darin findet. Robins plötzliche Lähmung hat ihn zunächst in eine zweijährige Depression gestürzt, in der er massive Selbstmordgedanken hegte. Zum Glück hat er herausgefunden, dass der Körper nur ein Teil von uns ist. Sehr inspirierend! Ich glaube, es ist wichtig, sich klarzumachen, dass das Leben etwas Fragiles ist, das dir jederzeit genommen werden kann – vom Universum, von anderen Menschen, aber auch von dir selbst.

Gab es auch in Ihrem Leben Momente, in denen Sie aufgeben wollten?

Oh ja, während meiner Teenager-Jahre. Da war ich zeitweise sehr verwirrt, einsam und verloren, konnte in meinem Leben keinen Zweck erkennen und bekam auch von meinem Umfeld keine befriedigenden Antworten auf meine existenziellen Fragen. Doch schließlich habe ich das Geschichtenerzählen entdeckt, die Schauspielerei – sie hat mir buchstäblich das Leben gerettet. Plötzlich fühlte ich mich lebendig und sah eine Aufgabe für mich. Und je mehr ich es studierte, desto mehr verstand ich, dass das Geschichtenerzählen – am Lagerfeuer, im Theater, im Kino oder woanders – eine profunde Art ist, dem Leben Sinn zu geben und unmittelbar Zugang zur Seele deiner Mitmenschen zu finden.

Zur Person: Andrew Garfield

  • Herkunft:

    Andrew Garfield wurde am 20. August 1983 in Los Angeles geboren, wuchs aber ab seinem 3. Lebensjahr in England auf. Nach einem abgeschlossenen Schauspielstudium in London begann er 2004 seine Karriere an diversen britischen Theatern. Schon bald gewann er Preise als bester Nachwuchsschauspieler. Sein Kinodebüt gab er 2007 in Robert Redfords Politdrama „Von Löwen und Lämmern“. Für die Verkörperung eines Mörders im TV-Drama „Boy A“ gewann er den BAFTA Award; die Darstellung des Facebook-Mitgründers Eduardo Saverin im Kinofilm „The Social Network“ bescherte ihm eine Golden-Globe-Nominierung.

  • Titelrolle:

    Weltberühmt wurde er 2012 durch die Titelrolle im Superheldenspektakel „The Amazing Spider-Man“, die er auch zwei Jahre später im Fortsetzungsfilm wieder übernahm. Seine erste Oscar-Nominierung bekam er 2017 für die Darstellung eines Soldaten in Mel Gibsons Kriegsfilm „Hacksaw Ridge“. Ab 19. April ist er in der Hauptrolle des Kinodramas „Solange ich atme“ (siehe auch Filmkritik Seite 22) zu sehen.

Haben Sie selbst auch schon Erfahrungen mit schweren Krankheiten gemacht?

Unmittelbar nach meiner Geburt bekam ich eine Hirnhautentzündung, an der ich fast gestorben wäre. Meinen Eltern sagte man damals, wenn ich überhaupt überleben würde, dann vermutlich nur mit schweren körperlichen und geistigen Schäden. Offenbar hatte ich ein Riesenglück. Aber ich bin sicher, so ein traumatisches Erlebnis hinterlässt Spuren auf der Seele eines Babys.

Haben Sie sich vielleicht auch deshalb manchmal unterbewusst schwach und minderwertig gefühlt? Haben Sie bisweilen einen Drang verspürt, sich beweisen zu müssen?

Ich glaube, das bringt es ziemlich gut auf den Punkt. Ich hatte stets das Gefühl, mich mehr anstrengen und härter arbeiten zu müssen, um meinen Wert zu beweisen und mir meinen Platz in der Welt zu erkämpfen. Das ist ein Muster, das sich bei mir bis heute wiederholt. Es zeigt sich auch in meiner Rollenwahl: Mich haben immer Charaktere interessiert, die eher Außenseiter sind, getrieben von der Sehnsucht, dazuzugehören, wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Damit kann ich mich identifizieren.

„Veränderungen sind wichtig, sonst entwickelt man sich nicht weiter“

Andrew Garfield

Sie haben nur wenige Filme gedreht. Gehen Sie ungern Kompromisse ein?

Ja, ich versuche, das möglichst zu vermeiden. Es ist nicht leicht, denn Kompromisse sind etwas sehr Bequemes. Aber zumindest hat „The Amazing Spider-Man“ dafür gesorgt, dass ich mir eine Weile lang keine Geldsorgen machen musste.

Haben Sie Ihren Ausstieg aus dem „Spider-Man“-Universum bereut?

Nein, der Schritt war nötig. Veränderungen sind wichtig, sonst entwickelt man sich nicht weiter. Doch auch den Einstieg habe ich damals nicht bereut: Es war eine tolle Erfahrung – und die Rolle hat mich in eine Position katapultiert, in der ich dazu beitragen kann, dass Filme wie „99 Homes“, „Silence“ oder „Solange ich atme“ gedreht werden. Lauter Herzensprojekte, die mir wirklich etwas bedeuten und an denen ich nichts verdienen musste. Es ist paradox: Wenn man mit seinen Filmen kein Geld verdient, ist man in diesem Business meist auf der richtigen Spur!

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„99 Homes“ zählt für mich zu den besten Filmen des vergangenen Jahrzehnts, doch er kam etwa in Deutschland und Frankreich nie ins Kino, sondern wurde gleich auf DVD oder auf Streaming-Plattformen veröffentlicht. Ist das nicht eine Schande?

Natürlich liebe ich das Kino und wünsche mir, dass die Leute solche Filme auf der großen Leinwand erleben können. Andererseits ist mir bewusst, dass die Zeiten sich ändern – und neue Vertriebswege für Kunstwerke sind ja nicht per se verwerflich. Aber ich finde es eine Schande, dass viele Leute sogar im Kino nicht aufhören, auf ihre Handy-Displays zu starren. Smartphones sind eine teuflische Erfindung. Sie machen uns abhängig, verwandeln uns in Junkies. Die Typen, die uns diese Dinger andrehen, sind keinen Deut besser als Heroindealer. Sie treiben die Leute weg von sich selbst, von ihren Mitmenschen, von künstlerischen Erfahrungen... Übel, übel!

Und alle Handybesitzer verwandeln sich in kleine Paparazzi. Können Sie sich überhaupt noch in der Öffentlichkeit bewegen, ohne ständig fotografiert zu werden?

Ich versuche mein Bestes. Wenn mich jemand nett um ein Foto bittet und ich gerade in Stimmung bin, sage ich gerne ja. Das Problem ist, dass Smartphones eine fatale Erwartungshaltung geschaffen haben: Manche Leute schießen dich einfach ab, ohne dich zu fragen – und merken nicht einmal, wie furchtbar unhöflich das ist. Dann sage ich: „Hören Sie, wenn ich ein Ureinwohner wäre, würde ich jetzt Ihr verdammtes Handy zerschmettern, weil Sie mir gerade einen Teil meiner Seele geraubt haben.“ Und ich bin überzeugt davon, dass die Urbevölkerung damit Recht hat!

„Ich finde es immer noch völlig unnatürlich und surreal, über rote Teppiche zu laufen“

Andrew Garfield

Fühlen Sie sich denn inzwischen in der Öffentlichkeit etwas wohler als früher?

Ein bisschen. Ich finde es immer noch völlig unnatürlich und surreal, über rote Teppiche zu laufen. Aber ich habe kapiert, dass ich damit etwas unterstützen kann, das viel größer ist als ich. Im Falle von „Solange ich atme“ geht es etwa darum, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen diese Geschichte sehen, weil sie dadurch Trost und neuen Lebensmut finden können. Und wenn ich dafür in irgendwelche Kameras lächeln und winken muss, dann ist das nur ein kleines Opfer.

Ein Kompromiss?

Ja, aber ein guter. Schließlich werde ich dafür auch schön eingekleidet. Und ich gebe zu: Ich liebe es, schicke Klamotten zu tragen (lacht)!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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