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Klassik

„Die schöne Müllerin“ neu interpretiert

2000 Menschen lauschen in angespannter Stille Christian Gerhaher und Gerold Huber: beim grandiosem Liederabend in München.
Von Gerhard Heldt, MZ

Gerold Huber (links) und Christian Gerhaher begeistern in München mit Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“.
Gerold Huber (links) und Christian Gerhaher begeistern in München mit Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“. Foto: Alexander Basta/Sony

München.Wenn Christian Gerhaher und Gerold Huber „Winterreise“ oder „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert ankündigen, sind die großen Konzertsäle im Handumdrehen ausverkauft – so auch jetzt das Münchner Nationaltheater. Mehr als 2000 Zuhörer lauschten am Montagabend in angespannter Stille den 20 Liedern der „Müllerin“. Die drei Lieder, die Schubert nicht komponiert hat, rezitierte der Bariton.

Der Sänger und sein Pianist befassen sich seit gut 20 Jahren mit Schuberts Liedern und gelangen nach eigenen Worten immer wieder zu neuen, vertieften Interpretationsansätzen. Je weiter sie in den Gehalt von Text und Musik eindringen, desto erhellender wirkt ihre Sicht auf das Werk, die in ihrem Musizieren zum Ausdruck kommt. Was Gerhaher und Huber für sich herausgefunden haben, ist das Ergebnis vieler Jahre immer neuen Nachdenkens. Diese Gedanken legten der Bariton und der Pianist mit dem Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in einer 90-minütigen Matinee, moderiert von Intendant Nikolaus Bachler, in lebhaftem Gedankenaustausch dem Publikum dar.

„Die schöne Müllerin“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes vom ersten Verliebtsein über die Unerreichbarkeit der Geliebten bis hin zu seinem Freitod. Gemäßigtere Tempi brachten eine genaueste Textausdeutung mit sich. Schubert fordert, trotz des durchgehenden Handlungsverlaufs, die Lieder nicht den unmittelbar an das vorhergehenden anzuschließen. Leider nutzte das Publikum die kurzen Pausen zu Räusper-Einlagen – aber jedes neue Lied wischte die Störgeräusche einfach weg.

Eindringlich, ohne Larmoyanz

Eindringlich gelang insbesondere die dramatische Wende in der Mitte des Zyklus’. Nachdem die Müllerin im „Tränenregen“ (Lied 10) auf Distanz zum Müllerburschen gegangen ist, folgt in „Mein!“ (Lied 11) statt Jubel die trotzige Auflehnung gegen die drohende Erkenntnis fehlender Gegenliebe – verstörend auch für den Hörer. Der Dichter Wilhelm Müller hat zudem, dramaturgisch effektvoll, den Jäger als Konkurrenten um die Müllertochter eingeführt. Sein grüner Jagdrock bestimmt die Lieder 12 bis 14. Das Geschehen schlägt ins Dramatische um, wenn der Müller versucht, den Jäger aus dem Feld zu schlagen. Verinnerlichtem Piano-Gesang steht geradezu aggressive Erregung und schier ausweglose Verzweiflung im Fortissimo-Presto gegenüber.

Alle nachdenklichen, nach innen gerichteten Phasen des Zyklus’ sang Gerhaher ohne Larmoyanz. Die unvertonten, aber dramaturgisch Sinn erschließenden drei Gedichte von Wilhelm Müller rezitierte der Sänger so, als würde er sie singen. Exzellent gelang die Darstellung der dramatischen Binnenarchitektur des Zyklus’: Einer vermeintlich erfolgversprechenden Annäherung des Verliebten an die Müllerin folgten, nach hoffnungslosem Aufbäumen, Entsagung und Tod.

Die „Winterreise“ mit Christian Gerhaher und Gerold Huber wird am Donnerstag, 30. April, 20 Uhr, im Nationaltheater München aufgeführt.

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