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Kultur
Freitag, 20. Juli 2018 31° 2

Diskussion

Die Sprache ändern – oder doch die Welt?

Drei wortgewandte Sprach-Profis streiten in Regensburg über politisch korrekte Wortwahl – und die Frage, ob man sie braucht.
Von Jana Wolf

Die sechste Ausgabe der Regensburger Gespräche fand am Mittwochabend im Verlagshaus der Mittelbayerischen statt. Foto: Lex
Die sechste Ausgabe der Regensburger Gespräche fand am Mittwochabend im Verlagshaus der Mittelbayerischen statt. Foto: Lex

Regensburg.Im Ziel sind sich alle einig: eine Gesellschaft, in der ein Zusammenleben in Harmonie möglich ist – ohne Ausgrenzung, ohne Diskriminierung, ohne Hass. So schnell ist man also bei einer als Streitgespräch angesetzten Diskussion beieinander? So flott herrscht Konsens? Nein, so schnell eben nicht. Denn kaum hat Daniel Ullrich, Autor und einer von drei sprachbegabten und wortgewandten Gästen auf dem Podium der 6. Regensburger Gespräche dieses gemeinsame Interesse formuliert, entbrennt eine kontroverse Diskussion. Am Ziel stören sich weder Dichterin Nora Gomringer noch Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, die am Mittwochabend mit Ullrich diskutierten. An der Frage aber, wie der Weg hin zur Harmonie in der Gesellschaft aussehen könnte, scheiden sich die Geister.

Die Diskussion, moderiert von MZ-Redakteurin Angelika Sauerer, stand unter dem Titel „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen – Aktuelle Gesprächskultur zwischen Selbstzensur und Verrohung“. Sie war Teil der Regensburger Gespräche, die das Theater Regensburg in Kooperation mit der Mittelbayerischen veranstaltet.

Sprache kann auch gefährlich sein

Anatol Stefanowitsch Foto: Lex
Anatol Stefanowitsch Foto: Lex

Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie an der FU Berlin, tritt an dem Abend als leidenschaftlicher Verfechter der politisch korrekten Sprache auf. Es geht ihm schließlich um etwas: „Wir gleiten in einen menschenverachtenden Diskurs ab“, sagt er mit Blick auf die Asyldebatte. Konkret stört er sich an Begriffen wie „Asyltourismus“, derzeit häufig in den Reihen der CSU zu hören. In einer demokratischen Partei – „oder zumindest bis vor Kurzem noch demokratischen Partei“, wie Stefanowitsch es zuspitzt – seien derartige Begriffe bis vor wenigen Jahren nicht sagbar gewesen.

„Wir gleiten in einen menschenverachtenden Diskurs ab.“

Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin

Immer wieder wird die Diskussion über Sprache und Gesprächskultur an diesem Abend politisch. Der Sprachwissenschaftler zieht historische Parallelen zur Wortwahl in der aktuellen Asylpolitik. Er findet drastische Worte: „Die Vernichtung und Dämonisierung von Volksgruppen beginnt genau so“, sagt Stefanowitsch auf dem Regensburger Podium. „Das ist gefährlich.“

Probleme angehen, nicht Worte

Daniel Ullrich Foto: Lex
Daniel Ullrich Foto: Lex

Daniel Ullrich, der mit Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach 2017 das Buch „Es war doch gut gemeint“ veröffentlichte, hält dagegen. Aus seiner Sicht sollte nicht zuerst die Wortwahl, sondern sollten politisch-gesellschaftliche Missstände verändert werden. „Sprache ändert nichts an den Zuständen, auch in der Asyldebatte nicht“, sagt er am Mittwochabend. Für Ullrich macht es daher keinen Unterschied, ob man Menschen auf der Flucht als „Asylanten“, „Flüchtlinge“, „Geflüchtete“ oder „Flüchtende“ bezeichnet. Es müssten reale Probleme angegangen werden, anstatt sich nur mit dem Sprachgebrauch zu beschäftigen. „Das wird aber nie getan.“

„Sprache ändert nichts an den Zuständen, auch in der Asyldebatte nicht.“

Daniel Ullich, Autor und Medieninformatiker

Und Probleme sieht Ullrich viele. Zum Beispiel dieses: Bei unterschiedlichen sozialen Gruppen würden unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Was man den einen als sagbar durchgehen ließe, werde anderen angekreidet. Als Beispiel führt Ullrich den „Köterrassen“-Eklat von Anfang 2017 an. Das Ex-Vorstandsmitglied des Türkischen Elternbundes Hamburg, Malik Karabulut, hatte die Deutschen pauschal auf türkisch als „Köterrasse“ beschimpft. Die Staatsanwaltschaft Hamburg sah den Straftatbestand der Volksverhetzung nicht erfüllt und bewertete die Äußerung als zulässig.

Ullrich wählt den Fall, um zu zeigen: Beim Umgang mit Sprache wird mit zweierlei Maß gemessen. Wird die deutsche Bevölkerung sprachlich verunglimpft, wird das als sagbar hingenommen – im „Köterrassen“-Fall sogar mit juristischer Rückendeckung. Richten sich die Abfälligkeiten allerdings gegen Ausländer und Zuwanderer, sei die Empörung groß. Und mehr noch: Opfer-Täter-Rollen werden aus Ullrichs Sicht verfestigt, indem man nur die einen vor harter Sprache schützt. „Dann haben wir ein Problem.“ Deswegen plädiert er dafür, in erster Linie soziale Missstände zu beseitigen – und nicht die Wörter, die sie beschreiben.

Die Kunst als Schutzraum

Nora Gomringer Foto: Lex
Nora Gomringer Foto: Lex

Nora Gomringer, Dichterin und Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, sieht in der Kunst einen Raum, in dem auch mit unkorrekter Sprache auf das Ziel gesellschaftlicher Akzeptanz hingewirkt werden kann. Zu viel Korrektheit in der Sprache tue der Kunst nicht gut, findet sie. Dass die künstlerische Wortwahl beschränkt wird, dass man auf bestimmte Begriffe verzichten solle, um damit bloß niemanden zu verletzen, sieht Gomringer eher als Gefahr denn als nützlichen Schritt.

„In der Kunst geht es darum, dass man sich reibt. Dass wir uns entzweien und hoffentlich wieder zueinanderfinden.“

Nora Gomringer, Dichterin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin

„Kunst ist ein Schutzraum für genau solche Überlegungen“, sagt sie. „Es geht darum, dass man sich reibt. Dass wir uns entzweien und hoffentlich wieder zueinanderfinden.“ Gerade im Überschreiten sprachlicher Grenzen würden Missstände offengelegt.


MZ-Redakteurin Jana Wolf hat mit Nora Gomringer 2015 über Lyrik gesprochen. Hier geht es zum Interview!

Das Gedicht „Avendias“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entzweite die Gemüter. Foto: David von Becker/ASH Berlin/dpa
Das Gedicht „Avendias“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entzweite die Gemüter. Foto: David von Becker/ASH Berlin/dpa

Ist es also ein unzulässiger Eingriff in die Kunst, wenn aus dem „Negerkönig“ in Astrid Lindgrens „Pippi in Taka-Tuka-Land“ ein „Südseekönig“ gemacht wird? Gomringer nimmt es tatsächlich als „massiven Eingriff“ in das Werk wahr. Gleichzeitig verteidigt sie diese Wortwahl nicht. Sie setzt eher auf den Wandel der Zeit, der Texte mit rückwärtsgewandter Sprache in Vergessenheit geraten lasse. „Ich würde darauf warten, dass sich Lindgren verlebt, dass die Bedeutung ihrer Texte schwindet“, sagt Gomringer. Sprache und ihre Verwendung verändern sich stetig –auch das wird an dem Diskussionsabend deutlich.

Die Gäste auf dem Podium

  • Nora Gomringer

    ist Dichterin und leitet das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Zuletzt verteidigte sie ihren Vater Eugen Gomringer gegen den Vorwurf des Sexismus an dessen Gedicht „Avenidas“. 2017 erschien ihr jüngstes Buch „Moden“ (Verlag Voland & Quist).

  • Daniel Ullrich

    ist Autor. Vergangenes Jahr veröffentlichte er gemeinsam mit der Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach das Buch „Es war doch gut gemeint“ (Riva Verlag). Er geht darin der Frage nach, wie politische Korrektheit unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört.

  • Anatol Stefanowitsch

    ist Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie an der FU Berlin. Er sieht eine Verrohung der Sprache in Deutschland und hat mit „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ (Duden Verlag) eine „Streitschrift“ verfasst, wie er selbst sagt.

Bleibt die umgekehrte Frage: ob Sprache die Macht hat, die Zeit und Umstände, in denen wir leben, zu verändern; ob durch politisch korrekte Sprache die Welt besser wird. So kontrovers die Positionen auch sind, deutet sich in diesem Punkt ein Konsens an: Welt und Sprache bedingen sich gegenseitig. Nur drehen die drei Sprach-Profis an unterschiedlichen Stellschrauben: Der Medieninformatiker Ullrich sieht den Handlungsbedarf bei den realen Problemen. Für Sprachwissenschaftler Stefanowitsch kann sich ohne veränderte Sprache auch die Welt nicht ändern. Die Künstlerin in der Runde, Nora Gomringer, spricht der Sprache schöpferische Kraft zu.

Die politische Korrektheit hat ein schlechtes Image, dafür gibt es Gründe. Keine guten Gründe gibt es dafür, mit ihr Schluss zu machen. Ein Rettungsversuch von Angelika Sauerer.

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