MyMz

Konzertreihe

Die Tage Alter Musik: zeitlos und modern

Das Festival mit einzigartigem Charakter ist auch im 35. Jahr Anziehungspunkt für Musiker und Besucher aus der ganzen Welt.
Von Andreas Meixner

Domkapellmeister Roland Büchner dirigierte letztmals das Eröffnungskonzert der Domspatzen und der Hofkapelle München in der Basilika St. Emmeram.
Domkapellmeister Roland Büchner dirigierte letztmals das Eröffnungskonzert der Domspatzen und der Hofkapelle München in der Basilika St. Emmeram.

Regensburg.Die Tage Alter Musik Regensburg haben in diesem Jahr reichlich Grund zum Feiern. Zum 35. Mal traf sich die internationale Szene am Pfingstwochenende in den historischen Räumen der Domstadt, um die Musik aus längst vergangenen Zeiten zu zelebrieren. Wer Ludwig Hartmann, Stephan Schmid und Paul Holzgartner kennt, wird sich kaum wundern, dass die Energie der Macher auch im Jubiläumsjahr ausschließlich in die Konzerte floss und nicht in Festakte oder feudale Empfänge. Es bleibt alles so wie immer, frei von Attitüden eines Festivalbetriebs, der sich im Proseccorausch und Eventgastronomie schnell verlieren könnte.

Wer an Pfingsten nach Regensburg kommt, möchte ausschließlich Musik hören. Bevorzugt wird praktische Kleidung, mit der schnell auf die klimatischen Bedingungen in den Kirchen und Sälen reagiert werden kann. Das Wetter ist diesmal ohnehin gnädig, nahezu ideal. Das meint zumindest die ältere Dame aus Frankfurt, die seit über 20 Jahren anreist und schon Wetterkapriolen und Dauerregen während der Konzerttage erlebt hat. Sie schwört auf den Inhalt ihres giftgrünen Rucksacks, den sie eigens für die Tage Alter Musik vor Jahren angeschafft hat: Regencape, Taschenschirm, selbst gestrickte Socken, eine Wasserflasche, Traubenzucker und zwei eingepackte Brote vom Frühstück sind das Weggepäck zwischen den zwei bis drei Konzerten, die sie jeden Tag besucht. Das Programmheft passt nicht mehr hinein, wird außen festgezurrt. Am Pfingstmontagabend werden die 100 Seiten deutliche Gebrauchsspuren von vier intensiven Konzerttagen tragen, die zu Anfang am Freitagabend ganz im Zeichen des Abschieds standen.

Das letzte Konzert von Büchner

Roland Büchner dirigiert als scheidender Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen ein letztes Mal das Eröffnungskonzert. Musik von Leopold Mozart stellt er in den Mittelpunkt seines Festivalabschieds. Die Hofkapelle München und seine Domspatzen erweisen ihm einen würdigen Abschied. Am Ende winkt er bescheiden dem applaudierenden Publikum. Eine Ära geht zu Ende. Nach vielen Jahren der Abstinenz geht es dann endlich wieder hinüber in den nächtlichen Dom, die Ora Singers aus England warten dort mit Vertonungen des Psalms 51. Allegris legendäres Miserere aus der Sixtina flutet die Sinne und die Herzen der Zuhörer. Die Dame mit dem grünen Rucksack ist danach überwältigt und findet kaum Worte.

Am nächsten Tag ist sie schon wieder bestens gelaunt unterwegs, diesmal bei der schwedischen Formation „Höör Barock“ in der Alten Kapelle. Eines der vielen Programme, das mühelos Menschen erreichen kann, die der klassischen Musik eher fern sind. Die Leichtigkeit der Virtuosität, die tänzerischen Elemente und die entspannte Freude der Musiker sollten eigentlich jeden erreichen. Jedenfalls ist das die einhellige Meinung einer Gruppe jüngerer Besucher aus Freiburg, die auf Einladung einer Regensburger Freundin das erste Mal auf dem Festival unterwegs sind. Karten hat man sich auf dringende Empfehlung für das Nachtkonzert im Reichssaal mit der Renaissance-Band Piffaro aus Amerika gesichert.

Begeisterung bei allen Konzerten

Mit portugiesischer Weihnachtsmusik überrasche das Ensemble Seconda Prat!ca aus den Niederlanden im Reichssaal. Fotos: www.altrofoto.de
Mit portugiesischer Weihnachtsmusik überrasche das Ensemble Seconda Prat!ca aus den Niederlanden im Reichssaal. Fotos: www.altrofoto.de

Weit nach Mitternacht stehen sie begeistert vor dem Alten Rathaus, hätten gerne noch eine zweite Zugabe gehört, aber der tosende Applaus nutzte nichts. Die Bläser des Weltklasse-Ensembles waren in der Hitze nicht mehr zu bewegen. Applaus gibt es überhaupt reichlich bei den nahezu völlig ausverkauften Konzerten. Das Publikum ist geradezu verschwenderisch damit, auch bei speziellen, intimeren Konzerten mit sehr früher Musik aus dem 15. Jahrhundert. Und mit Humor lauscht man am Pfingstsonntag dem Programm von Seconda Prat!ca aus den Niederlanden mit portugiesischer Musik zu Weihnachten.

Der Salzstadel an der Steinernen Brücke ist wie jedes Jahr zentraler Anlaufpunkt für Kartensuchende und Besucher der Instrumentenausstellung. Spezialisten des Instrumentenbaus präsentieren sich nicht nur dem Festivalpublikum, sondern auch den internationalen Musikern, die nicht selten auch hier einkaufen.

Sehen Sie hier Bilder von den Konzerten:

Tage Alter Musik in Regensburg

Ausfall der Matthäuspassion

Zwei Ereignisse machten den Veranstaltern heuer die Arbeit schwer. Da war der Ausfall der Dreieinigkeitskirche zu verkraften, die im Herbst letzten Jahres geschlossen werden musste, nachdem sich Putz aus dem Gewölbe löste. Und dann, wenige Wochen vor Beginn, die Absage der Matthäuspassion. Dem Ensemble Akademia aus Frankreich fehlten fest erwartete, öffentliche Zuschüsse, drei Jahre Planung waren dahin. Auch wenn die Hofkapelle München mit Brandenburgischen Konzerten und Orchesterouvertüren einsprang und den Konzertabend rettete, war den diesjährigen Tagen Alter Musik ein großer Höhepunkt in den Fingern zerronnen.

Die Tage Alter Musik in Regensburg sind ein Unikum. Sie trotzen stur und beharrlich allen Trends des modernen Marketings, der Selbstdarstellung und Inszenierung. Keine Promotionvideos, keine Social-media-Aktivitäten. Mit der klaren Fokussierung auf die Programmatik ist genug getan. Den Part der Atmosphäre übernehmen die historischen Kirchen und Räume, und diese besondere Art der Verlässlichkeit ist zeitlos und modern, nichts lenkt ab, das Konzept bleibt wesentlich.

Die Dame aus Frankfurt freut sich noch auf das Abschlusskonzert in St. Emmeram mit La Risonanza. Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ mag sie besonders. Auch nächstes Jahr wird sie, wenn es die Gesundheit zulässt, nach Regensburg kommen. Die Pfingsttage in Regensburg sind zu einem festen Bestandteil ihres Jahreslaufs geworden.

Verlängerung heute Abend

Die Tage Alter Musik sind am Montagabend noch nicht ganz zu Ende, gehen am Dienstag im achten Jahr in die Verlängerung mit einem Kurstag an der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik. Bertrand Cuiller, der als Leiter des französischen Barockensembles Le Caravansérail am Montag konzertierte, wird mit Studierenden am Cembalo aufführungspraktische Techniken unterrichten und am Abend das Ergebnis im Konzertsaal der Hochschule präsentieren.

Nächstes Jahr dürfte die Dreieinigkeitskirche wieder zur Verfügung stehen. Dann haben die Tage Alter Musik wieder ihren Mittelpunkt zurück.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht