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Kultur
Freitag, 17. August 2018 31° 2

Bühne

Die Theatersaison: blutig bis heiter

Das Theater Regensburg stellt den Spielplan vor. Prokofievs Enkel scratcht eine Oper, Markus Lüpertz baut eine galante Welt.
Von Marianne Sperb

Eine Szene aus der aktuellen Spielzeit: Tamás Mester und Adrian Becker in „Cabaret“. Die neue Saison wird blutig bis heiter. Schräge Gestalten, berühmte Künstler, wuchtige Themen: Seit Freitag gibt’s den Spielplan offiziell. Foto: J. Quast
Eine Szene aus der aktuellen Spielzeit: Tamás Mester und Adrian Becker in „Cabaret“. Die neue Saison wird blutig bis heiter. Schräge Gestalten, berühmte Künstler, wuchtige Themen: Seit Freitag gibt’s den Spielplan offiziell. Foto: J. Quast

Regensburg.Ohne Kontraste bleibt alles flach und orientierungslos. Erst im Kontrast gewinnen die Dinge Tiefe und Profil. Was passiert, wenn der Kontrast ohne Kompromissangebot bleibt, war zuletzt gut zu sehen in München und Berlin. Zwei unterschiedliche Intendanten sind aus ähnlichem Grund gescheitert: Sie blieben ihrem Publikum fremd. Matthias Lilienthal hatte sich an den Kammerspielen nie wirklich auf München eingelassen, und Chris Dercon wollte an der Berliner Volksbühne nicht nur das Programm ändern, sondern die komplette DNA austauschen.

Yuki Mori (Tanz) und Claudia Erl (Junges Theater, vorn) mit Klaus Kusenberg (Schauspiel) und Intendant Jens Neundorff von Enzberg: Das Quartett stellte am Freitag auf dem Dachhöfchen des Stadttheaters das Programm der neuen Saison vor. Foto: Sperb
Yuki Mori (Tanz) und Claudia Erl (Junges Theater, vorn) mit Klaus Kusenberg (Schauspiel) und Intendant Jens Neundorff von Enzberg: Das Quartett stellte am Freitag auf dem Dachhöfchen des Stadttheaters das Programm der neuen Saison vor. Foto: Sperb

In Regensburg tippt Intendant Jens Neundorff von Enzberg die beiden aktuellen Aufreger der deutschen Theaterszene an, bevor er am Freitag den neuen Spielplan vorstellt, der mit dem Motto „Kontraste“ überschrieben ist. Neundorff setzt auf beide Pole, auf Produktionen hart am Puls der Zeit und auf softes Theatervergnügen. „Es braucht den Kontrast, aber es braucht auch den Konsens“, sagt er. „Sonst kann kein Dialog der Stadtgesellschaft mit dem Theater entstehen.“

29 Premieren, neun Uraufführungen, drei deutschsprachige Erstaufführungen und viele Regensburger Erstlinge: Der Spielplan ist gespickt mit aktuellem Stoff, neuen Köpfen und großen Namen.

Prokofiev – ein „Nonclassical“

Gabriel Prokofiev, Enkel des russischen Komponisten, schreibt für das Theater Regensburg seine erste Oper. Im Auftragswerk „Elizabetta“ erzählt der junge Brite (Jahrgang 1975) von der Angst einer Schauspielerin vor dem Alter, von ihrem Durst nach Frischblut und davon, wie Jugendwahn in Wahnsinn überschlägt (Libretto: David Pountney, Regie: Marcus Lobbes). Prokofiev scratcht als DJ Platten und ist Gründer und Chef des Labels Nonclassical. Er mixt Tradition und Avantgarde und paart pompöse Klänge mit Elektropop, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sein Concerto for Turntables and Orchestra werden Regensburgs Philharmoniker bei einem ihrer sieben Sinfoniekonzerte aufführen, mit DJ Mr. Switch als special guest. „Danach“, verspricht Neundorff, „gibt’s Party.“

„Die Banalität der Liebe“ war das große Auftragswerk der aktuellen Saison. Die Oper wurde zum großen Erfolg.

„Nabucco“ eröffnet die neue Saison. Verdis Oper über religiösen Fanatismus inszeniert Rares Zaharia aus Rumänien, als erste Arbeit in Deutschland. An seiner Seite: Helmut Stürmer, berühmt für magische Raumschöpfungen. In Rumänien ist er ein veritabler Star, in Regensburg wurde er für „Doktor Schiwago“ gefeiert.

Stürmers Schuhe sind groß, selbst für Markus Lüpertz. Der Bildhauer im Gehrock, einer der bekanntesten Köpfe der zeitgenössischen Kunst, eckt mit seinen Skulpturen an; seine Theater-Auffassung ist eher konservativ. Er entwirft eine galante Welt für „Una cosa rara“. Die Barockoper von Vicente Martin y Soler toppte einst Mozarts „Figaro“, wird heute aber selten gespielt und ist in Regensburg erstmals zu erleben (Regie: Andreas Baesler).

Markus Lüpertz, hier mit Maria Baumann (Diözesanmuseen) und Jens Neundorff von Enzberg (Theater Regensburg) beim Aschermittwoch der Künstler: Der Bildhauer stattet in der neuen Spielzeit in Regensburg eine Barockoper aus. Foto: Sperb
Markus Lüpertz, hier mit Maria Baumann (Diözesanmuseen) und Jens Neundorff von Enzberg (Theater Regensburg) beim Aschermittwoch der Künstler: Der Bildhauer stattet in der neuen Spielzeit in Regensburg eine Barockoper aus. Foto: Sperb

Zwei weitere Regensburger Erstaufführungen sind „Chess“, das populäre Musical der Abba-Boys Benny Andersson und Björn Ulvaeus (Leitung: Christina Schmidt / Alistair Lilley) und „Die Herzogin von Chicago“ von Emmerich Kálmán, die die operettenlustigen Regensburger juchzen lassen dürfte. Hier tritt Jazz gegen Csárdás an und Money gegen Monarchie. Aaron Stiehl inszeniert den vergnüglichen Clash der Kulturen.

Wer den „Holländer“ im Hafen mochte, wird auch „Tosca“ sehen wollen: Puccinis bekannteste Oper zieht’s zum Saisonausklang ans Wasser.

Klaus Kusenberg, der neue Schauspieldirektor am Theater Regensburg Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de
Klaus Kusenberg, der neue Schauspieldirektor am Theater Regensburg Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Klaus Kusenberg, neuer Schauspiel-Chef, löst Stephanie Junge ab. Er geht gleich in die Vollen und führt fort, wofür er am Staatstheater Nürnberg steht: Theater der Gegenwart. Mit sechs Ur- oder deutschsprachigen Erstaufführungen stürzt er sich in seine erste Regensburger Saison. Viele Kollegen führt er an der Donau ein. Die Regisseure in Kusenbergs Spielplan inszenieren durch die Bank erstmals in Regensburg.

Das hat Klaus Kusenberg in Regensburg vor: hier ein Interview

Zwei Produktionen nimmt sich Kusenberg selbst vor. „Wer hat Angst vorm weißen Mann?“ (Uraufführung, nach dem Film von Dominique Lorenz) zeigt einen erzkonservativen Metzger, der die Hilfe eines Kongolesen braucht: Schwarzer Humor zielt auf Angst vor Fremden. Kusenbergs zweite Arbeit steht noch als großes X im Spielplan. Er inszeniert das Gewinnerstück aus dem internationalen Dramenwettbewerb „Talking About Borders – über Grenzen sprechen“; der Sieger steht im Juni fest. Der Wettstreit um die besten aktuellen Dramen aus Osteuropa war zuletzt fest mit dem Staatstheater Nürnberg verbunden. „Schön wäre es“, sagt Kusenberg, „den Wettbewerb nach Regensburg zu holen.“ Aber dazu braucht es Geld: rund 100 000 Euro an Sponsoring.“

Die letzte Sau im Kino: ein paar Eindrücke im Trailer

„Die letzte Sau“, das anarchische Roadmovie von Aaron Lehmann um einen grünen Don Quijote, kam beim Kino-Publikum saugut an. In Regensburg zieht Schweinebauer Huber erneut los. Julia Prechsl hat den Kinofilm bearbeitet und wird die schräge Hommage an Außenseiter auch inszenieren.

Christina Gegenbauer, Regieassistentin am Burgtheater Wien, taucht ein in „Die Domäne“ (deutschsprachige Erstaufführung): Ein Familie zerbricht am Tod eines Kindes; im Internet, als virtuelle Mitglieder einer streng religiösen Dorfgemeinschaft, brechen sich Trauer und Wut endlich Bahn.

#MeToo lässt grüßen: Im Stück „Locker Room Talk“ collagiert der Schotte Gary McNair, was Männer so über Frauen reden. Es geht um Sexismus, Frauenverachtung und Rollenklischees. Ein wirkungsvoller Kniff: Die Worte der Männer sprechen Männer, die von Frauen gespielt werden (deutschsprachige Erstaufführung, Regie: Patricia Benecke). Noch ein deutschsprachiger Erstling: „Wish List“, knallharte Sozialkritik, verpackt in eine berührende Geschichte um zwei Geschwister, die sich durchschlagen. Die junge Autorin Katherine Soper erzählt in ihrem preisgekrönten Debüt von Opferbereitschaft und Freundschaft, Regie: Oliver D. Endreß.

Die interessantesten Premieren 2018/2019

  • Musik: „Nabucco“ 15. September, „Una cosa rara“ 27. Oktober, „Die Herzogin von Chicago“ 8. Dezember, „Elizabetta“ 26. Januar, „Chess – Das Musical“ 16. März, „Der Freischütz“ 11. Mai 2019, „Lucia di Lammermoor“ 30. Juni 2019, „Tosca im Hafen“ 13. Juli 2019

  • Schauspiel:

    „Käthchen von Heilbronn“ 22. September, „Die Domäne“ 23. September, „Wer hat Angst vorm weißen Mann?“ 17. November, „Locker Room Talk“ 30. November, „Frankenstein“ 2. Februar, „Wish List“ 8. Februar, „Ewig Jung“ 5. März, „Vor Sonnenaufgang“ 6. April, „Die letzte Sau“ 12. April

  • Junges Theater:

    „Yoda ich bin! Alles ich weiß“ 29. September, „Die Schneekönigin“ 25. November, „Rose und Regen, Schwert und Wunde“ 23. Februar, „Es war einmal...“ 14. April, „Und dazwischen ich“ 18. Mai 2019, „Das verrückte Wohnzimmer“ 23. Juni 2019, „No Future Forever“ 20. Juli 2019

  • Tanz:

    „Der Tod und das Mädchen“ 28. Oktober, „Gefährliche Liebschaften“ 16. Februar, „Tanz.Fabrik! sieben“ 7. Juli 2019

  • Specials:

    Gala „Und die Sterne leuchten“ 29. September, Filmkonzert „Finis Terrae“ 1. Februar, Operettenkonzert ab 19. Mai 2019

„Richtig stolz“ ist Intendant Neundorff auf das Regieteam der neuen Spielzeit, auch mit Blick auf „Frankenstein“. Mary Shelleys berühmte Story über eine fränkische Familie und ein liebebedürftiges Monster, das in der Fassung von Nick Dear Seelentiefe zeigen darf, wird von Sam Brown inszeniert. Der 34-Jährige Brite macht seit Jahren vornehmlich als Opernregisseur Furore auf Europas Bühnen. „Frankenstein“ ist also keine für Sam Brown typische Wahl. Aber als in einem Vorgespräch der Titel des Stücks fiel, schildert Neundorff, da war der Regisseur „kaum zu halten“.

Das Motto „Kontraste“ setzt Tanz-Chef Yuki Mori seit Jahren um. Jede Spielzeit bringt er zusammen mit einem Gastchoreografen einen Zweiteiler auf die Bühne, 2018 mit Fabien Prioville. Der Franzose hat lange bei Pina Bausch in Wuppertal getanzt und ist heute als gefragter Choreograf unterwegs ist. Yuki Moris Kreation gibt dem Abend den Namen: „Der Tod und das Mädchen“ umreißt die existenziellen Eckpunkte Beginn und Ende, Verlust und Neuanfang.

Der Tanz-Zweiteiler 2018 war „BilderRausch. Klimt. Bacon“: hier mehr

Im Wort Lebensgefährte steckt die Lebensgefahr. Choderlos de Laclos hat die Mechanismen und Manipulationen der Seele in seinem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ seziert. Mehrfach wurden die Intrigen der Marquise de Merteuil verfilmt. In Regensburg werden die erotischen Machtspiele jetzt zur Folie für einen neuen Tanzabend von Yuki Mori.

Weltpremiere eines Mini-Orakels

Ein Junge trägt auf seinem Finger einen Origami-Yoda spazieren. „Yoda ich bin! Alles ich weiß!“ behauptet das Mini-Orakel. Tommy will wissen, ob Yoda nur ein Hirngespinst ist oder ihm bei seiner ersten zarten Liebe helfen kann. Der Roman von Tom Angleberger kommt am Jungen Theater als Weltpremiere für Besucher ab zehn Jahren auf die Bühne. Noch nie wurde die witzige Geschichte auf einer Theaterbühne erzählt. Eva Veiders, früher Leiterin der Sparte, inszeniert.

Yuki Mori, Chef der Sparte Tanz am Regensburger Theater: In der neuen Saison kreiert der „Der Tod und das Mädchen“ und den Kino-Blockbuster „Gefährliche Liebschaften“. Foto: MZ-Archiv/Scheiner
Yuki Mori, Chef der Sparte Tanz am Regensburger Theater: In der neuen Saison kreiert der „Der Tod und das Mädchen“ und den Kino-Blockbuster „Gefährliche Liebschaften“. Foto: MZ-Archiv/Scheiner

Das Junge Theater (Leitung: Maria-Elena Hackbarth/Claudia Erl) verhandelt gesellschaftliche Fragen auf Augenhöhe seines jungen Publikums und greift, auch in drei Uraufführungen, heiße Eisen auf. Die Debatte um das dritte Geschlecht und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2017 sind die Anstubser für ein Tanztheaterstück von Alessio Burani und Claudia Erl. „Und dazwischen Ich“ fragt, wie das ist – sich fremd fühlen im eigenen Körper. Der Kinderclub befasst sich mit Märchen; Agnes Gerstenberg entwickelt „Es war einmal...“ mit Kindern ab acht Jahren. Der Jugendclub mit Claudia Erl knöpft sich an einem utopischem Ort die Zukunft vor, Titel: „No Future Forever“.

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Keine Zukunfts-, aber viel Musik der Gegenwart lassen die Regensburger Philharmoniker hören. Vor allem die Sinfoniekonzerte sind geprägt von zeitgenössischen Komponisten. Knapp 20 Programme (inklusive Kammermusik- und Sonatenabende) sind für neue Saison zum Konzertpaket geschnürt. Wer das Orchester nach dem Abschied von Generalmusikdirektor Tetsuro Ban künftig leitet, ist bald raus, sagt Neundorff. „Wir liegen auf der Zielgeraden.“

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