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Ausstellung

Die Traumwelten der Isabella Berr

Momente äußerster Intensität: Die Regensburger Galerie Bäumler zeigt unter dem Titel „Walking Dreams“ die wunderbaren Arbeiten der Münchner Fotografin.
Von Helmut Hein, MZ

Eine junge Frau in einem Meer aus Rot: Tänzerin, Träumende, Liebende? Bei Isabella Berr entscheidet die Fantasie des Betrachters. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Gleich hinter dem Eingang der Galerie Bäumler verliert man den Boden unter den Füßen. Da schwebt, scheinbar zumindest, eine junge Frau in einem Meer aus Rot. Eine Tänzerin? Eine Passantin? Eine Träumende oder Liebende? Jedenfalls flattert das luftige Kleid, so wie auch die Arme und die Haare flattern. Wir werden Zeuge eines Augenblicks der Ekstase oder des Exzesses.

Sind wir wirklich Zeugen? Das ist bei Isabella Berr immer die Frage. Sie zeigt uns etwas – aber so, dass das Gezeigte zugleich merkwürdig abwesend, entzogen, jedenfalls diffus wirkt. Auf unsere Augen können wir uns da nicht verlassen. Die Fantasie leistet die Hauptarbeit. In die Wahrnehmung rutschen die Wünsche und Ängste, die Erinnerungen und Projektionen. Das Bild entsteht erst im Betrachter. Was er „sieht“, verrät mehr von ihm als von der Fotografin.

Isabella Berr legt Wert darauf, dass sie nichts verändert. Alles ist reine Fotografie, auch wenn es wie Malerei wirkt. Aber es ist keine Fotografie, wie wir sie gewohnt sind. Ein realistisches Abbild der Welt? Das wäre zu einfach. Bei Isabella Berr ist alles mehrfach gebrochen: die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Das Theatrum mundi, das sie in Szene setzt, spielt auf der Bühne der Seele. Sie präsentiert Traumwelten, durch die wir wie Schlafwandler schreiten.

Der intensive Augenblick, der Moment der äußersten Intensität: So ließen sich Isabella Berrs Sujets zusammenfassen. Aber ihre Methode lässt noch das Nächste fern erscheinen. Stets geht es um das Spiel von Intimität und Distanz, deren prekäres Verhältnis nicht nur die Ästhetik fundiert, sondern auch die Erotik und, genau betrachtet, alle sozialen Beziehungen. Wenn es nur entweder Intimität oder Distanz gibt, dann verbrennt oder erstarrt die Welt und wir in ihr. Das Leben hat im Extremen keine Chance.

Schutz für Voyeur und Opfer

Und der direkte Blick ist oft unverschämt, entblößt den Betrachter genauso wie das Betrachtete. Isabella Berr vermeidet die Unmittelbarkeit einer Begegnung. Sie favorisiert den Blick von draußen in Innenräume. Die erzwungene Distanz schützt den Voyeur und sein Opfer. Das Fensterglas, über das oft Regen rinnt oder in dem sich die Umgebung spiegelt, wird zur Projektionsfläche. Das Wirkliche wirkt so entrückt, fast somnambul. Das unbezweifelbar Reale ist zugleich abwesend. Die Fülle des Körpers verdünnt sich zum Schattenriss.

Manches erinnert an Film-„Stills“, an die fernen Welten einer Cindy Sherman. Nur dass Isabella Berr Kitsch und Sentimentalität, die „große Geste“, genauso meidet wie das Groteske und Gewalttätige, in dem die Existenz aufbricht, obszön wird. Bei ihr ist alles in einen Geheimniszustand erhoben, den entziffern kann, wer will. Man kann es aber auch bei der Chiffre belassen. Dann nutzt man sie als Passage für den Eintritt in die eigene Bilderwelt, die präsent und absent zugleich ist. Man meint, dass die Bilder, an die wir uns erinnern, unser Innerstes enthalten. Und doch ist, was sich uns aufdrängt, zugleich abwesend.

Bei Isabella Berr verdankt sich die Klarheit ihrer Menschen- und Milieu-Studien der Tatsache, dass alles verwischt. Manchmal fällt es schwer, überhaupt noch zu identifizieren, was sie zeigt. Dann werden ihre Fotos, was man von der Malerei längst gewohnt ist: abstrakt. Aber Abstraktion bedeutet ja, dass die Figur, die Ur-Szene noch erhalten ist. Auch Bilder haben einen Sub-Text. Er ist das, was uns anzieht.

In Berrs Arbeiten gibt es ein Moment, das sich der Auflösung widersetzt: das Architektonische. Ihre Bilder sind sehr strukturiert. Die Fensterrahmen, die Vertikalen und Horizontalen der oft nur erahnbaren Möbel unterteilen die Fläche der Wahrnehmung, separieren, was wir sehen. Sie definieren nicht nur den Blick, sondern auch die Beziehungen, die wir erahnen. Was die Menschen schützt, treibt sie zugleich in die Isolation: der Abstand, der noch zwischen den Nächsten besteht. Isabella Berr ist eine Anthropologin, die sich den Subjekten und ihren Geschichten über die Räume nähert, die sie bevölkern. Die Menschen sind verschlossen, aber sie hinterlassen Spuren.

Fotografie ist einen Schritt voraus

Mit dem „Piktorialismus“ will Isabella Berr nichts mehr zu tun haben. Das verblüfft zunächst. Denn natürlich fällt sofort auf, wie „malerisch“ sie mit den Farben und Formen umgeht. Aber die Fotografie hat sich in den letzten Jahrzehnten endgültig etabliert. Sie ist ein Genre unter anderen. Sie muss sich nicht mehr rechtfertigen. Isabella Berr kann jetzt in ihren Arbeiten das hervorheben, was die Fotografie der Malerei voraushat: dass sie im Bild die Welt immer schon vorfindet; dass jede Referenz deshalb in der Fotografie, sofern sie mehr sein will als „Abbild“, immer schon reflexiv, also den anderen bildenden Künsten in ihrem Raffinemt immer schon einen Schritt voraus ist.

Info: Die Ausstellung „Walking Dreams“ von Isabella Berr ist bis zum 7. November in der Galerie Bäumler, Obere Bachgasse 16, Regensburg zu sehen.

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