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Kino

Die verbleibende Zeit sinnvoll nutzen

Die Tragikomödie „Das Ende ist erst der Anfang“ von Bouli Lanners vereint Kaurismäki-Lakonie mit Tarantino-Absurdität.
von Fred Filkorn , MZ

Fragile Figuren mit prekären Familienkonstruktionen: Gilou (Bouli Lanners, l.) und Cochise (Albert Dupontel)   Foto: Kris Dewitte/NFP/dpa
Fragile Figuren mit prekären Familienkonstruktionen: Gilou (Bouli Lanners, l.) und Cochise (Albert Dupontel) Foto: Kris Dewitte/NFP/dpa

Regensburg.Triste Herbstlandschaft, fahler Himmel. Kalter Wind pfeift über die weiten Ebenen dieses kargen Landstrichs. Post-industrielles Brachland mit verfallenden Fabrikgebäuden und verwilderndem Schrott. In schummrigen Kneipen läuft rauer Männer-Blues. Ein typisches Western-Setting – im Hinterland von Paris.

Der belgische Regisseur und Schauspieler Bouli Lanners entdeckte diesen unwirtlichen Ort auf einer Zugfahrt: „Ich sah etwas, das aussah wie eine Startrampe aus Beton, die sich über Kilometer durch die Landschaft zog.“ Es war eine Einschienenbahn im Südwesten der französischen Kapitale, die 1968 als Verbindung zwischen Orléans und Paris gebaut und 1977 wieder aufgegeben wurde.

Am Rande der Gesellschaft

Vernachlässigt wirkt auch das junge Pärchen, das sich im Schatten der Rampenpfeiler gen Süden vorarbeitet. Die beiden sind auf der Suche nach etwas oder jemandem. Esther und Willy sind Außenseiter, die am Rande der Gesellschaft leben und an den baldigen Weltuntergang glauben. Über ein geklautes Handy und diverse Verwicklungen geraten sie an Truppe lokaler Kleinkrimineller, die ebenso unbeholfen wie gewalttätig ihre Claims absteckt.

Auf der Suche nach dem Mobiltelefon sind auch Cochise (Albert Dupontel) und Giloud (Lanners): Sie sollen es einem Pariser Gangsterboss zurückbringen. Die beiden Auftragsschläger sind gestandene Mannsbilder mit wettergegerbten Gesichtern und Strubbelbärten, mit verranzten Arbeiterhosen, Kapuzenpulli, Lederjacke und bestickten Jeans-Joppen. Ganz der Typus Biker oder Lastwagenfahrer sprechen sie wenig, und wenn, dann nur das Notwendigste. Zwei Kleinganoven, die sich in einer Raststätte auch mal über völlig Belangloses unterhalten können: Kaurismäki-Lakonie trifft auf Tarantino-Absurdität.

„Wollte dunklen Film drehen“

Die Filmfigur Gilou kommt dem Privatmenschen Bouli Lanners sehr nahe. Rein äußerlich – der Belgier ist der bodenständige Rock’n’Roller unter den europäischen Filmschaffenden –, aber auch von der inneren Haltung her. Selbst von Depressionen geplagt, wollte Lanners keinen reinen Unterhaltungsfilm drehen, sondern etwas mit Substanz: „Einen dunklen Film.“

Sein Gilou hat Herzprobleme und glaubt, wie das junge Pärchen auch, an das nahende Weltenende. Eine mumifizierte Leiche, die vergessen in einer Gewerberuine liegt, und ein angeschossener Hirsch, der zuvor für einen kurzen surrealen Moment gesorgt hat, führen Gilou die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Erst der Kontakt mit einem gebrechlichen Motelbetreiber, der auch mit 85 Jahren noch ein Bäumchen pflanzt, bringt ihn zurück auf die Spur.

Jesus zieht auch mal die Waffe

Michael Lonsdale verkörpert diesen Altersweisen. Viele werden ihn als James-Bond-Schurken Hugo Drax aus „Moonraker“ noch in Erinnerung haben. Ein weiterer Grandseigneur des europäischen Kinos hat einen Gastauftritt: Max von Sydow spielt einen singenden Bestatter. In der Auseinandersetzung mit diesen beiden älteren Herren lernt Gilou das Leben wieder zu schätzen.

Auch ein umherwandernder Geselle namens Jesus (Philippe Rebbot), der immer wieder unvermittelt auftaucht, sorgt für Hoffnung – nahbar und alltäglich, so, wie man sich den Heiland gerne vorstellt. Jesus stellt die Schönheit des unendlichen Universums einer angeblich bevorstehenden Apokalypse gegenüber. Und schießt, wenn es denn sein muss, einem Ganoven auch mal ins Bein.

Humoriges Feelgood-Movie

Der Originaltitel der belgisch-französischen Koproduktion verweist bereits auf die Bibel: „Les premiers les derniers“. Nach Matthäus werden „die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein“, also auch Esther und Willy. Die beiden Außenseiter finden ihre Erlöser allerdings bereits im Diesseits, in Gestalt von Cochise und Giloud. „Ich war tot und bin ins Leben zurückgekehrt“, verkündet Lonsdales Figur und bezieht sich damit auf das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukas-Evangelium. Lanners Film handelt von Mitmenschlichkeit und dem Füreinander-da-Sein. Ein Feelgood-Movie für Melancholiker, ein europäischer Hinterland-Western mit feinem Humor. Und ein apokalyptischer Film, der Hoffnung macht.

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