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Chansons

Die vielen Facetten der Hildegard Knef

Ein Trio erinnert in Regensburg an Hildegard Knef. Die Überraschung: Die Sängerin war auch eine großartige Literatin.
Von Stephan Grotz, MZ

Annette Ebmeier, Eberhard Geyer und Ursula Gaisa (von links)
Annette Ebmeier, Eberhard Geyer und Ursula Gaisa (von links) Foto: B. Kreuzer

Regensburg.Lebte sie noch, wäre sie Ende dieses Jahres 90 Jahre alt: die Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef. Anlass genug, um an das Leben, die Lieder und Texte der Knef zu erinnern. Zu dritt hatten sie sich am Freitagabend im Regensburger Turmtheater aufgemacht, um alte Zeiten wieder lebendig werden zu lassen: Annette Ebmeier als Sprecherin, Ursula Gaisa als Sängerin und Eberhard Geyer am Piano gestalteten ein Programm unter dem Titel „Mir sollten sämtliche Wunder begegnen“. Im Wechsel von Gesang und Lesung entstand ein plastisches Porträt der Knef und ihrer Zeit, mit hohem Wiedererkennungswert, aber auch mit einigen überraschenden Momenten.

Ein Bild von Hildegard Knef, 2007 in einer Sonderausstellung des Theatermuseums in Hannover: Die Diva starb 2002, im Alter von 76 Jahren.
Ein Bild von Hildegard Knef, 2007 in einer Sonderausstellung des Theatermuseums in Hannover: Die Diva starb 2002, im Alter von 76 Jahren. Foto: dpa

Bewegt war das Leben der Hildegard Knef wahrlich, mit vielen Aus- und Tiefschlägen auf der Erfolgsskala. Die kleine Hilde, in Ulm geboren, kommt als Halbwaise nach Berlin, der Stadt ihres Lebens. Sie geht zum Film, 1948 sogar nach Hollywood, und kehrt nach Deutschland zurück – zwar nur für ein kurzes Intermezzo, aber das hatte es in sich: Der Film „Die Sünderin“, in dem sich Knef ganze sechs Sekunden lang nackt zeigt, wird zum großen Skandal der jungen Bundesrepublik. „Pfarrer bekamen einen Herzinfarkt“, erinnert sich Knef später in ihren Memoiren.

Die Schauspielerin flieht zurück in die USA. Sie begegnet zwei anderen Ikonen des Films: Marilyn Monroe wird von der Knef als ein offenes und naives „Kindergesicht“ beschrieben, das Rilke liest, aber keine Ahnung von Thomas Mann hat. Bei der großen und unnahbaren Marlene Dietrich bricht das Eis erst, als Knef in ihrer Gegenwart zu berlinern anfängt. „Sie ist wie ich, als ich jung war“, soll die Dietrich, eine gebürtige Berlinerin, gesagt haben.

Eine „Stimme, die keine ist“

Cole Porter holt Knef für sein Musical „Silk Stockings“ an den Broadway und entdeckt sie als Sängerin. Doch singen kann man das eigentlich nicht nennen, was die Chansonnière dann mit großem Erfolg tut. Ihre typische „Stimme, die keine ist“, umfasst eine unglaubliche Bandbreite, vom zart rauchigen Hauchen bis zum lauten Sprechgesang. Ursula Gaisa versucht da gar nicht erst, zu einem Klon von Hildegard Knef zu werden. Angenehm unaufgeregt ist ihr Vortrag, gerade bei den Liedern, die von Knefs Berlin-Sehnsucht handeln: „Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ oder bei „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, Knefs großer Hommage an Marlene Dietrich. Doch das Schnoddrige der Songs bleibt auf der Strecke. Knefs Version von „The Lady is a Tramp“ fällt bei Gaisa etwas quäkend aus. Das hat durchaus seinen Reiz, weil es eine ironische Brechung in das Ganze bringt. Heiliggesprochen wird die einstige Sünderin an diesem Abend nicht.

Anrührend, aber nie rührselig

Eine echte Überraschung aber präsentiert Annette Ebmeier: Wie witzig, präzise und wortgewaltig Hilde Knef doch schreiben konnte. Lustige Verslein im Ringelnatz-Stil – über Fische mit Neuralgie oder eine irritierte Auster, die aus Unzufriedenheit eine Perle gebiert – hatte Knef ebenso drauf wie die lakonische Erinnerung an das Verschwinden ihrer jüdischen Mitschülerin in der Nazizeit. Das hat etwas Anrührendes, das weit über rührseligen Memorialkitsch hinausgeht. Am Ende meinte man dann doch, Berliner Luft zu schnuppern. Das begeisterte Publikum dankte mit großem Applaus.

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