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Rezension

Die vielschichtige Kälte der Familie

Rolf Lappert strickt in „Über den Winter“ ein Familienporträt. Der Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Von Sebastian Fischer, dpa

Der Schweizer Autor Rolf Lappert gehört zu den Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2015.
Der Schweizer Autor Rolf Lappert gehört zu den Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2015. Foto: dpa

Hamburg.Manchmal erstickt der Hamburger Schnee einfach jeden und alles unter sich. Dann kann man kaum atmen und die Kälte sticht mit spitzen Nadeln in die Lunge. Genau so fühlt sich diese mattgrau angestrichene und grandios unterkühlte Geschichte an, die Rolf Lappert in seinem Roman „Über den Winter“ erzählt und die nun Chancen auf den Deutschen Buchpreis hat. „Nicht der Tod sei der dauerhafte Zustand“, heißt es gleich zu Beginn, „sondern das tägliche Leben.“ Es ist ein Buch, das meist ohne Wärme auskommt.

Der Roman beginnt mit einem toten Flüchtlingsmädchen. Der durchaus erfolgreiche Künstler Lennard Salm entdeckt den Säugling, während er für sein aktuelles Projekt im italienischen Sand Treibgut von versunkenen Schlepperbooten aufsammelt, um es später in europäischer Erde zu vergraben. Der Fund zeigt eine bereits in den Knospen gestorbene Zukunft, ein Ende ohne Anfang. Von dieser grundlegenden Melancholie wird sich der Roman nicht mehr entfernen.

Ich habe die Hamburger Atmosphäre in diesem kalten Winter einzufangen versucht.

Romanautor Rolf Lappert

Auch Salms älteste Schwester im fernen Hamburg ist gestorben. Zur Beerdigung reist er in die Stadt seiner Kindheit, ein Wiedersehen mit den Verwandten gibt es erst am Grab – und alte Wunden reißen auf. „Ich habe die Hamburger Atmosphäre in diesem kalten Winter einzufangen versucht“, sagt Lappert im Interview des Bayerischen Rundfunks.

Aber man merkt: Der norddeutsche Schnee und die zugefrorene Außenalster sind nichts gegen die Kälte in Salms Familie. „Ich finde, der winzige Kosmos einer Familie erzählt viel über eine ganze Gesellschaft, über ein ganzes Land“, sagt Lappert. Trotz der vielen Verwandten muss Salm aber ganz allein zu sich selbst finden.

Ein Buch in Zeitlupe

Im Gegensatz zum rasanten Vorgänger, dem sommerlichen Coming-of-Age-Kammerspiel „Pampa Blues“, legt der Schweizer Autor diesmal einen eisigen Filter über seine Geschichte. „Über den Winter“ ist ein Buch in Zeitlupe, Salm ein Gescheiterter in der Midlife-Crisis, ein Neuanfänger und Rückkehrer. Es sind vor allem Lapperts äußerst fein beschriebene Figuren, die den Roman tragen.

Da ist zum einen der Protagonist, ein knapp 50-jähriger Egoist, „mit weniger Freunden als Fingern“, wie er sich einmal beschreibt, „ein kreativer Allesmacher und Nichtskönner, ein Blender“. Oder Salms Vater, dessen Welt „so groß wie diese Küche war und ihm völlig genügte“ – ein wunderbarer Charakter. Zauberhaft ist auch Salms Schwester Bille, seine engste Vertraute und „Meisterin im Aufhellen, im Schönreden, im Verdrängen“. Eine Figur, die es liebte, „aus einem unbeschwerten Moment einen perfekten Tag zu machen, aus einem guten Sommer eine glückliche Kindheit“. Vielleicht ist Bille der Funken Licht im sonst so tristen „Über den Winter“.

Lapperts Romane entstehen, wie er sagt, aus zahllosen Anekdoten, Charakteren, Schauplätzen, Szenen und Dialogen. „Irgendwann habe ich dann tausend Mosaiksteinchen und mache mich daran, die passende Erzählweise, den Stil, den Rhythmus, also die Sprache zu finden, um daraus eine Geschichte zu machen.“

Jazz-Club-Besitzer, Sitcom-Autor, Kino-Betreiber

Er selbst arbeitete anfangs als bildender Künstler, bevor er übers Lesen zum Schreiben kam. Außerdem war er Jazz-Club-Besitzer, Sitcom-Autor, Kino-Betreiber, Weltreisender. „Was ich brauche ist ein ruhiges Zimmer, einen Schreibtisch, einen Stuhl und eine Steckdose“, sagt Lappert. „Dann kann ich überall auf der Welt schreiben.“ Hat er auch. Seit einigen Jahren lebt der 1958 geborene Autor wieder im Schweizer Kanton Aargau, nahe bei seinen Eltern.

Für „Pampa Blues“, dessen Verfilmung mit Joachim Król Anfang Oktober im deutschen Fernsehen läuft, erhielt Lappert die renommierte Jugend-Auszeichnung „Kibum“, für den Roman „Nach Hause schwimmen“ den Schweizer Buchpreis. „Über den Winter“ steht nun auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das Buch könnte ein eisiger, aber verdienter Gewinner werden.

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