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Ausstellung

Die Welt eines Ausnahmetalents

Der katalanische Europäer Javier Mariscal ist nicht auf Kategorien festzulegen. Seine Schau ist im Leeren Beutel zu sehen.
Von Matthias Kampmann, MZ

Ausstellung Javier Mariscal „mariscal world in regensburg“ in der Städtischen Galerie Leerer Beutel
Ausstellung Javier Mariscal „mariscal world in regensburg“ in der Städtischen Galerie Leerer Beutel Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Das alles ist wie Zauberei“, beschreibt Javier Mariscal. Seine Ausstellung im Leeren Beutel, die am Sonntag eröffnet wird, verdanke sich intensiver Internet-Nutzung. „Ich bin ja im technischen Denken noch ein Dinosaurier, ein Kind der 1980er Jahre, Xerox-Generation.“ Womit der unaufgeregte Katalane auf das Gestaltungsmittel Fotokopierer anspielt. Und nun das Netz.

Dabei ist der 1950 geborene Tausendsassa mit seiner eigens für die Städtische Galerie konzipierten, umfangreichen Schau, ein Heavy User. Das Tablet immer dabei, zeichnet er flugs ein Porträt seines Gegenübers, das er zudem umgehend per E-Mail versendet. Also nicht nur Raumpläne, sondern auch die Werke selbst entstehen so. Immerhin gut 80 Prozent der Schau. Und warum? Der britische Kollege Ron Arad machte ihm den Mund wässrig. Mit dem W-LAN, das Mariscal damals noch nicht kannte. Da konnte er nun seine Bilder direkt an Freunde verschicken.

Keinen Bock auf Künstler-Freunde

„Früher habe ich Postkarten gemalt und verschickt. Aus Japan hatte ich wunderbare Blöcke“, beschreibt er. „Immer muss ich zeichnen, aber wenn sie im Café sitzen und in Ruhe arbeiten wollen, kommt irgendjemand, der sie nervt, so nach dem Motto: ,Mein Bruder ist auch Künstler. Können Sie mich nicht mal zeichnen?‘ Das ist fürchterlich.“ Außerdem seien viele der kleinen Kostbarkeiten auf dem Postweg geblieben. Und als er dann bemerkte, wie das Netz die Arbeit erleichterte, gab es kein Zurück mehr. „Heute sitze ich da und falle überhaupt nicht auf“, beschreibt er. Sollte zu viel Licht scheinen, was in Spanien oder Kuba, wo er häufig weilt, ja der Fall ist, zieht er sich einen Schirm über.

Mariscal merkt man nicht an, dass er und sein Studio in der Design-Champions League spielen. Es ist, als träfe man einen Freund. Dass er beispielsweise der Erfinder von Cobi ist, der 1992 zum Maskottchen der Olympischen Spiele avancierte, nachdem ihn der Gestalter, der eigentlich besser unter dem Label Künstler firmiert, schon in den 1980ern erfunden hatte. Dass er später das Signet der Expo 2000 in Hannover kreierte, hat ihn, den Vielgereisten, in keiner Weise abheben lassen.

Wenn man mit ihm spricht, herrscht freundschaftliche Verbindlichkeit und ein spontanes Vertrauen, dass beinahe schon verwundert. „Ich rauche viel zu viel“, gesteht er beispielsweise. Nicht ohne anzuhängen, dass er deswegen wohl verrückt sein müsse. Natürlich kann man sich fragen, warum er gerade jetzt an der Donau gastiert. Das ist jedoch kein Rätsel und hat erst einmal nicht viel damit zu tun, dass der überzeugte Europäer Deutschland liebt.

Geburtsort im Filmprogramm

Seit Ende April läuft zum neunten Mal CinEScultura, das spanische Film- und Kulturfestival des SUR-Forschungszentrums Spanien an der Universität Regensburg. Als Stadt steht Spaniens Valencia, Geburtsort von Javier Mariscal, neben dem Land Ecuador im programmatischen Zentrum. Festivalleiter Pedro Álvarez Olañeta schwärmt für „Chico & Rita“, dem Animationsfilm von Mariscal aus dem Jahr 2010, der im Rahmen des Festivals (Samstag 20.45 Uhr, Sonntag 12 Uhr, Filmgalerie) gezeigt wird. „Er wurde 2012 für den Oscar nominiert.“ Es ist die große Liebe zwischen einem jungen kubanischen Pianisten und einer wunderschönen Sängerin die als Liebespaar nach New York gehen und unter dem Einfluss von Bebop der Güte eines Dizzy Gillespie alle Höhen und Tiefen des Exils erleben.

Im Labor des Gestalters

Nebenbei revolutionieren sie mit ihrer musikalischen Herkunft den Jazz in Big Apple. Die Ausstellung belegt den Gestaltungsprozess. Auch hier geht es nicht ohne Rechner. Wenn plötzlich kleine Zeichnungen lebensgroß erscheinen, dann in Schwarz und Weiß von der Decke hängen, wenn man sieht, wie sich die Bilder peu a peu vollenden, bekommt man einen Eindruck vom schöpferischen Laboratorium dieses Ausnahmegestalters.

Übrigens sucht man das Produktdesign hier vergebens. „Ich habe so viele Hotels, Bars, Sofas, Stühle und Porzellan entworfen.“ Aber das sei es alles nichts: „Mein ganzes Leben ist das Zeichnen.“ Im ersten Raum flaniert man etwa durch einen Irrgarten aus kleineren Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Das sind Signets, Porträts, typographische Experimente. „Hier bekommen sie erst einmal einen freien Kopf, denn die Vielzahl der Eindrücke fegt alles andere raus“, beschreibt er.

Drumherum wird es ruhiger. Man sieht Plakatentwürfe für eine Werbekampagne, Porträts von Freunden. Zeichnen ist zudem Bewegung, beschreibt er. Kein Wunder, dass ihm die animierende Kraft neuer Medien so liegt. „Eine Freundin hat mir das Foto einer malerischen Bucht auf Ibiza geschickt. Da habe ich mit ein paar Strichen Hochhäuser darübergelegt. Das ist doch vielerorts die touristische Realität. Sie war sehr entsetzt.“

Ein nachdenklicher Mensch

Die kurze Animation wird in der Ausstellung gezeigt. Und dann erkennt man auch, dass vielleicht doch nicht alles so happy ist, wie der erste Eindruck scheinbar vermuten lässt. Ja, er hat Comics etwa über die Zukunft der Menschheit, aber auch über die Entstehung des Universums in der Pipeline. Er ist eben auch ein nachdenklicher Mensch.

Es gibt Gründe für das obsessive Überführen des Sichtbaren in Zeichnungen. „Ich litt als Kind unter Dyslexie. Meine Brüder lasen Bücher und schrieben, und ich tat mich immer sehr schwer damit, also habe ich fortwährend Bilder produziert“, erklärt er. Daraus ist eine Überzeugung erwachsen: „Ich bin so froh und glücklich, mit Bildern arbeiten zu können, denn sie sind es, die uns die Welt erklären, die uns alles verstehen helfen.“ Für die Menschheit sei eine symbolische, grafische „Sprache“ daher extrem wichtig.

Designer, Grafiker, Künstler? Keine Kategorien für Mariscal. Fragen nach Festlegungen weicht er mühelos aus, um dann ohnehin intelligentere Schlüsse zu ziehen, als sein Tun in eindimensionale Kategorien einzuordnen. Abschließend spricht er den unglaublichen Satz, der ahnen lässt, welche Erfüllung in diesem Schaffen liegt: „Ich habe für viele große Unternehmen eine Identität erschaffen. Diese Leute bezahlen mich dafür, dass ich Spaß habe.“

Javier Mariscal ist ein humorvoller Mensch, der gern seine Mitarbeiter schockt. Anruf aus Barcelona in die Regensburger Ausstellungsräume: „Wie ist es geworden?“ Mariscal: „Nicht gut.“ Entsetzen, Stille am Ende der Leitung. Atemholen. „Nein, es ist sehr gut geworden.“ Befreiendes Lachen hier wie dort.

Diesen Menschen, dem die Struktur und die Konzeptualität hierzulande zupasskommen, kann man sich hier als Artist in Residence sehr gut imaginieren. Als Mitlebender würde er etwa von den Winzerer Höhen herab ein ähnlich schönes Panorama der Stadt zeichnen wie von Havanna oder Barcelona. Beide hängen in der Ausstellung. Und vielleicht brächte er dann die Corporate Identity von Ratisbona nebenbei auf den neuesten Stand und in Bewegung.

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