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Kultur
Samstag, 21. April 2018 28° 2

MZ-Schwerpunkt

Die Weltspitze zu Gast im Jura

Konzerte im Reitstadel, Kunst im Museum Lothar Fischer, Vorträge zur Architektur: Kultur wird in Neumarkt großgeschrieben.
Von Marianne Sperb

Lothar Fischers Reiterbrunnen vor dem Reitstadel Neumarkt, mittenmang: Kulturamtsleiterin Barbara Leicht. Neumarkt zieht Weltklasse-Künstler an. Foto: Marianne Sperb

Neumarkt.Auch wer als Oberpfälzer noch nie in Neumarkt war: vom Museum Lothar Fischer, vom Reitstadel oder vom Maybach-Museum hat er wohl schon gehört. Die drei Einrichtungen – das Bildhauer-Museum, die Musikreihe und die Vorträge zu Baukultur – leuchten als Fixsterne am Neumarkter Kunst- und Kulturhimmel weit hinaus in die Region.

Die drei Institutionen fußen auf privatem Engagement. Die Stadt selbst treibt das Kulturrad mit verschiedenen Veranstaltungsreihen an. Der „Sommer im Park“ ist seit der Landesgartenschau 1998 eine Tradition. Von Mai bis Juni bespielen Matinéen das Areal: mit versiert dargebotener Volksmusik, mit Jazz, Konzerten des Gesangsvereins, Evergreens oder Soul. „Die 300 Plätze der Arena sind dann voll besetzt, bei gutem Wetter kommen auch 600 Menschen“, erzählt Barbara Leicht, Leiterin des Kulturamts.

Neumarkt jazzt

Von Oktober bis April nimmt Kultur den Gewölbekeller der Residenz in Beschlag. Jazz, Kleinkunst und Literatur bündelt die Reihe „Kunst im Keller“, Musiker wie Andreas Dombert und Chris Gall stehen auf der Bühne. Nicht selten bringt sich die Musikschule ein, deren Mitglieder vielfach das Musikleben prägen. Drei Ausnahme-Talente stechen heraus: die Klin-Geschwister aus Sengenthal, die als junge Violonisten Preise am laufenden Band holen.

Die Talente, die auf dem Sprung zur großen Karriere sind, versammelt die IMA, die Internationale Musik Akademie Neumarkt, kräftig gefördert von der Stadt und ebenfalls aus privatem Antrieb entstanden. In Regie von Professor Edith Wiens und in Kontakt mit der Juilliard School New York besuchen die Klassik-Stars von morgen hier Meisterklassen, tauchen ins Stadtleben ein und geben hinreißende Galas.

Neumarkt jazzt: Beim Jazzweekend im Residenz-Keller gastieren internationale Stars wie Hilde Pohl sowie regionale Größen oder Solisten der Musikhochschule Nürnberg. Heftigen Zulauf findet die Kunstnacht der Stadt, 2017 kamen 300o Besucher. Die nächste, 2019, steht unter dem Motto „Vier Elemente“. Zahlreiche Kulturadressen locken aufs Land: der Kulturstadel Lauterhofen oder der Spitalstadl Freystadt, die Sulztaler Kunst- und Kabaretttage oder Oberhembach mit „Kunst im Dorf“, der Kunsthof Klapfenberg oder die Kulturfabrik Berching. Die Berchinale mit Lichtkunst, Bildern und Musik, die außergewöhnlichen „Landpartien“ der Gluck-Freunde, der Bayerisch-Chinesische Sommer in Dietfurt: Das Publikum findet hier Kultur satt.

Stefan Rohrer, Lothar-Fischer-Preisträger 2015, •vor „Bluebird“: einem Roller, der sich um einen Laternenpfahl windet. Foto: Sendtner/MZ-Archiv

Auf dem Feld Bildende Kunst landete die Stadt 2017 einen Riesenerfolg. Angestoßen von Galerist Thomas Herrmann, wurde die Residenz für zwei Monate ein James-Rizzi-Hauptquartier, bestückt mit den knallbunt-fröhlichen Bildern des Pop-Art-Stars. Sogar das Atelier des New Yorkers wurde bis ins Detail nachgebaut. Knapp 18 000 Besucher kamen, schauten, staunten. „Neumarkt ist keine große Kleinstadt“, sagt Barbara Leicht, „sondern eher eine kleine Großstadt.“ Eine Reihe überregional bekannter Künstler fühlen sich in der Region wohl, Franz Weidinger etwa, der Schöpfer fragiler Figuren, oder Kunst-Bauer und Landart-Künstler Franz Pröbster Kunzel, der die Verbindung von Kunst und Natur lebt.

Einer der besten Säle in Europa

Weltstadt-Niveau bietet der Reitstadel mit seiner phänomenalen Akustik; er zählt zu den besten Kammermusiksälen Europas. Als er 1991 saniert war, sagten einige Unternehmer, aus diesem Schatz müsse man etwas machen, was ihm entspricht: einen Ort für Künstler auf internationalem Spitzenniveau. Die Konzertfreunde – fast alle der zehn Gründer sind bis heute an Bord – geben seit 36 Jahren in steigendem Maß ihren Obolus, damit im Saal mit 460 Plätzen der Eintritt niedrig und das künstlerische Niveau hoch bleiben. Der Pfleiderer-Konzern mischte von Anfang an stark mit, seit 2004 deckt die Ernst-Herbert und Christiane Pfleiderer Stiftung zwei Drittel der Beiträge – ein außerordentliches mäzenatisches Engagement.

Philippe Jaroussky im Reitstadel Neumarkt: In dem Saal mit seiner phänomenalen Akustik gastieren Weltklasse-Künstler. Foto: MZ-Archiv/Koch

Ernst-Herbert Pfleiderer freut vor allem das Feedback – die Abonnenten kommen bis aus München – und dass nicht nur die Gäste die Konzerte lieben, sondern umgekehrt auch die Künstler den Reitstadel. Spitzeninterpreten wie Philippe Jaroussky und András Schiff schwören auf den Saal. „Sie sind Freunde geworden“, sagt Pfleiderer. „Das ist eine ganz große Freude.“

Ein zweiter Neumarkter Kultur-Tatort mit erstaunlichem Zulauf ist das Maybach-Museum. Architekt Johannes Berschneider, Impulsgeber etwa im Baukonvent der Bundesstiftung Baukultur, holt seit 2001 Vordenker und die Stars der Szene ins Jura, von Hadi Teherani bis Mario Botta und Meinhard von Gerkan. Zwei Dinge verblüffen an der Reihe: Im Saal sitzen vor allem Menschen, die mit Baukunst wenig am Hut haben, aber interessiert sind an Einsichten darüber, was gutes Bauen ausmacht. Und: Das Publikum strömt. Der „harte Kern“ sind 300 Besucher, oft kommen mehr, und viele sagen: „Ich kannte Neumarkt vorher nicht.“

Ein Haus für Kunst-Rebellen

Mit dem Museum Lothar Fischer ist Neumarkt eine bayernweit beachtete Adresse für zeitgenössische Kunst, mit 10 000 bis 12 000 Besuchern im Jahr. Das Haus zeigt das Werk des berühmten Bildhauers, seines Umfelds sowie aktuelle Positionen und wird kräftig angeschoben von Lothar & Christel Fischer Stiftung und dem Verein der Freunde mit beachtlichen 300 Mitgliedern. Fischer und die Gruppe SPUR eckten an; die Justiz hatte die Kunst-Rebellen einst auch unter dem Verdacht von Gotteslästerung und Pornografie. Bevor das Haus 2004 eröffnete, gab es Widerstand gegen das Projekt. „Heute identifizieren sich die Neumarkter mit dem Museum“, sagt Leiterin Dr. Pia Dornacher, und: „Kunst wird kontrovers diskutiert. Ich finde diese lebendige Auseinandersetzung auch extrem wichtig.“

Die Debatte um Kunst wirkt offenbar; sie macht wach und offen. Jedenfalls: Als Stefan Rohrer, Lothar-Fischer-Preisträger 2015, seinen Riesenroller „Bluebird“ um einen Laternenpfahl wickelte, wollten viele Bürger das humorvolle Werk für immer behalten; die Stadt kaufte die Skulptur an. Aktuell setzt sich Neumarkt wieder mit zeitgenössischer Kunst auseinander: Das „Syrmel“ von Robert Schad erregt die Gemüter. In ein paar Jahren könnte es zu einem Wahrzeichen geworden sein.

Hier lesen Sie alle Teile unserer Streifzüge zu Kultur auf dem Land:

„Draußen blüht die Kultur“: Kultur im Landkreis Regensburg.

„In die Welt und zurück“: Kutlur in der Region Schwandorf.

„Kulturanker am Fluss“: Kultur in der Region Kelheim Abensberg

Lichtgestalten im Bayernwald“: Kultur in der Region Cham/Bad Kötzting

„Die Weltspitze im Jura“: Kultur in der Region Neumarkt

Mehr Kultur in Regensburg können Sie hier entdecken.

Hier geht es zur Kultur.


Kultur in der Region

  • Kultur pulsiert

    Kultur pulsiert in der Stadt und sie blüht auf dem Land. Eine fünfteilige MZ-Serie wirft einen Blick auf die Kultur-Landschaft zwischen Amberg und Abensberg, zwischen Bad Kötzting und Neumarkt.

  • Die Streifzüge

    Die Streifzüge zu Leuchttürmen und versteckten Perlen, die zeigen: Heimat schließt Weltläufigkeit nicht aus. In Gesprächen mit Kulturverwaltern und freier Szene entsteht eine kleine Bestandsaufnahme – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Dazu ist das Kulturleben in der Region viel zu reich.

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