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Ausstellung

Die Wildnis ist in unseren Köpfen

Kirsten Wesemann und Herbert Grabe erschaffen „Wilde Räume“ in Donaustauf.
Von Peter Geiger

Kirsten Wesemann und Herbert Grabe staffieren den Chinesischen Turm mit ihrer Kunst aus.  Foto: Peter Geiger
Kirsten Wesemann und Herbert Grabe staffieren den Chinesischen Turm mit ihrer Kunst aus. Foto: Peter Geiger

Donaustauf.„So schön habe ich mir die Wildnis gar nicht vorgestellt!“ Herbert Grabe muss unweigerlich lachen über diesen Satz. Dabei ist sich der Fotograf nicht einmal ganz sicher, ob die Besucherin, die er damit zitiert, loben wollte? Oder tadeln?

Eines aber ist ganz gewiss: Die von ihm gemeinsam mit der bildenden Künstlerin Kirsten Wesemann konzipierte Ausstellung „Wilde Räume“ im Chinesischen Turm in Donaustauf (noch bis Sonntag zu sehen) ist tatsächlich „schön“ – und zwar im wahrsten und eigentlichsten Sinne des Wortes. Und damit ganz bestimmt das Gegenteil dessen, was Wildnis auch sein kann. Bluttriefend beispielsweise, grausam oder zähnefletschend.

Wenngleich: Oben, im ersten Stock des seinerseits so ganz und gar dem Ästhetischen verpflichteten Bauwerks (das sich in vorglobalisierten Zeiten als Hommage begriff, ans unerreichbar Fernöstliche), da ist ein Foto zwischendrin, das einen solchen Alptraum zeigt. Ein abgetrennter Reh-Schädel. Zerfetzt liegt er im Eichenlaub. Stummes Zeugnis einer im Überlebenskampf mit einem Wolf unterlegenen Kreatur.

Aber diese Aufnahme von Naturfotograf Herbert Grabe ist tatsächlich die grausame Ausnahme angesichts der Fülle schöner Gegenstände. Kirsten Wesemann ist ohnehin der Ansicht, dass wir Menschen die Wildnis in uns tragen, dass sie fixer Bestandteil ist des Denk- und Gefühlshaushalts. Als ersten Beitrag hat sie deshalb aus Wachs ein menschliches Gehirn nachgebildet – und zeigt damit nicht nur die Zartheit jenes nun schutzlos daliegenden Organs. Sondern auch, dass es die zentrale Schnittstelle bildet von Natur und Kultur, von Wildheit und Zähmung.

Überhaupt liebt sie, die Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in München studiert hat, einfache Materialien wie Filz, Keramik oder Butterbrotpapier. Das ist ohnehin das Verblüffende an ihrer Kunst: Wie sie aus scheinbarer Simplizität Objekte zu schaffen vermag, die verschlungen sind und Komplexitäten entwickeln, ganz unabhängig von deren Größe.

Und beide Künstler verstehen es, ihre jeweiligen Beiträge zu den „Wilden Räumen“ zueinander in Beziehung zu setzen. Das, was in der Natur Symbiose genannt wird und gegenseitige Abhängigkeiten zum Zwecke gemeinsamen Nutzens bezeichnet, kommt hier zum Ausdruck, etwa in Gestalt farblicher Korrelationen. Da ein großformatiges Foto von Herbert Grabe, auf dem Basaltgestein von Salzwasser überspült wird. Und dort? Die zarte, kohlschwarze Übernahme des Farbtons in einer Keramikwölbung. Oh ja, handgemachte Wildnis zweier Könner kann auch sehr feinsinnig sein!

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