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Kultur
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Kunst

Die wundersamen Wesen des Joan Miró

An der Biskaya sind fast 100 „lebendige Monster“ gelandet: So betitelte Joan Miró einmal selbst seine fantasievollen Skulpturen. Bekannt sind die naiv-farbenprächtigen Bilder des Spaniers - weniger seine bildhauerischen Werke. Die sind jetzt in Santander zu sehen.
Von Carola Frentzen, dpa

  • Wundersame Wesen von Joan Miró im Centro Botín. Foto: Belen de Benito/Centro Botín
  • Miró-Enkel und Kurator Joan Punyet Miró vor dem Werk „Femme et oiseau“ (Frau und Vogel). Foto: Belen de Benito/Centro Botín
  • Joan Miró, L'Oeil attire les diamants (Das Auge lockt die Diamanten an), 1974. Foto: Belen de Benito/Centro Botín
  • Kuratorin und Miró-Expertin María José Salazar vor der Skulptur „Femme assise et enfant“ (Sitzende Frau mit Kind) aus dem Jahr 1967. Foto: Belen de Benito/Centro Botín
  • Wundersame Wesen von Joan Miró im Centro Botín. Foto: Belen de Benito/Centro Botín

Santander.Sein Lehrer wies Joan Miró einst den Weg zur kreativen Formgebung. Mit verbundenen Augen. „Er hat mir beigebracht, aus dem Tastsinn heraus zu zeichnen, indem er mir Objekte gab, die ich nicht anschauen durfte, aber dann skizzieren sollte“, erinnerte sich der Meister einmal an jene frühen Tage mit Francesc Galí.

Dessen Technik habe er stets beibehalten, vor allem später, als er sich mehr und mehr mit Form befasste und in die facettenreiche Welt der Skulpturen eintauchte. Denn eigentlich ist der katalanische Künstler hauptsächlich mit seinen farbenfrohen, spielerischen Gemälden zu Weltruhm gekommen. Das „Centro Botín“ im nordspanischen Santander widmet Mirós bildhauerischem Schaffen eine große Ausstellung - mit teilweise noch nie öffentlich gezeigten Werken.

Kuratiert wurde die Schau von der Miró-Expertin María José Salazar und dem Enkel des Künstlers, Joan Punyet Miró, der als einer der großen Wahrer des Erbes seines Großvaters gilt. „Er hatte die Objekte in seinem Atelier gelagert und wartete darauf, dass sich ein Dialog zwischen ihnen ergab“, erläutert er die intuitive Arbeitstechnik seines Opas. „Die Welt seiner Träume war eine Welt der Montagen.“

Tatsächlich sind Mirós Skulpturen aus allen möglichen Gegenständen zusammengesetzt, fügen sich aber letztlich harmonisch ineinander, obwohl augenscheinlich keine greifbare Verbindung zwischen ihnen besteht. Miró arbeitete besonders gern mit dem „objet trouvé“ (Fundobjekt), also mit zufällig entdeckten Dingen, auf die er bei ausgedehnten Spaziergängen, im Haus oder auch im Abfall stieß. Ob Muscheln, Mistgabeln, rostige Schaufeln, Marmeladengläser, Kastanien, Flaschen, Servietten, Wurzeln oder gar Luftpolsterfolie - sie alle bahnten sich einen Weg in Mirós plastische Welt.

Versehen mit meist poetischen Titeln wie „Femme soleil“ (Sonnen-Frau), L'Horloge du vent (Wind-Uhr) oder „Jeune fille s'evadent“ (Fliehendes Mädchen) setzt Miró der Fantasie des Betrachters keinerlei Grenzen. Er selbst soll die Assoziationen schaffen - wie etwa beim großformatigen „Femme et oiseau“ (Frau und Vogel) aus dem Jahr 1967, einer bemalten Bronzeskulptur, die aus einer schwarz lackierten Kiste, einer zitronengelben Heugabel und einer roten Kugel besteht. Oder beim erstmals vom New Yorker MoMA ausgeliehenen „L'Oeil attire les diamants“ (Das Auge lockt die Diamanten an), einem bemalten Holzbrett mit Regenschirm und Blumenstrauß.

„Übrigens hat Miró allen seinen Werken französische Titel gegeben, obwohl er ja Spanier war. Er tat dies in Erinnerung an seine Ausbildungszeit in Paris“, erklärt Kuratorin Salazar. Die Stadt war damals der Nabel der Kunstwelt, und auch Miró zog es seit Anfang der 1920er Jahre immer wieder an die Seine, wo er Bekanntschaft mit anderen Größen seiner Zeit machte.

Blieb die Sprache auch die gleiche, die Materialien veränderten sich immer wieder. Ob Holz, Ton, Kunstharz, Glasfaser oder Bronze: Miró hat sie alle zu Kunst gemacht. Besonders Bronze wurde später zu seiner Lieblingslegierung. Oft bemalte er diese so bunt, als seien die Skulpturen einem seiner Bilder entsprungen. Das Ergebnis: Die farbenfrohen, wundersamen Wesen wirken spielerisch leicht, obwohl sie zentnerschwer sind. „Dies ist eine sehr komplexe Ausstellung, die sehr schwer zu organisieren war. Es war eine lange Reise hierhin“, sagt Salazar. Viele der Exponate seien extrem zerbrechlich, der Transport gefährlich.

Die Werke stammen vor allem aus der Privatsammlung der Familie Miró, aber unter anderem auch aus der „Pierre and Tana Matisse Foundation“ in New York, der Fondation Maeght in Südfrankreich und dem Museo Reina Sofía in Madrid. Zeichnungen, Videos, Fotografien und private Objekte des Künstlers ergänzen die Schau.

Der Zeitrahmen erstreckt sich über 50 Jahre und reicht von Mirós erster Skulptur „Danseuse espagnole I“ (Spanische Tänzerin I) aus dem Jahr 1928 bis hin zu zwei großen Bronzewesen aus dem Jahr 1982, kurz vor seinem Tod. Die Exponate sind in fünf Räumen zu bewundern, wobei gerade der letzte die Besucher begeistert - erwartet ihn hier doch eine wahre Farbexplosion in typischer Miró-Manier. „Espectacular!“, haucht eine Spanierin entzückt.

„Mir selbst ein großes Atelier zu bauen, voller Skulpturen, die Dir das überwältigende Gefühl geben, eine neue Welt zu betreten, (...), die Skulpturen müssen lebendigen Monstern gleichen, die im Atelier leben, in einer Welt für sich“, hat der Künstler einmal seine Begeisterung für die Welt der Plastiken umschrieben. Was er auch tat, ob er malte oder Objekte zusammenschweißte, er tat es mit Hingabe und Passion. Sein Enkel erinnert sich: „Mein Großvater hat bis zum letzten Tag seines Lebens gearbeitet.“ Da war Miró 90 Jahre alt.

Die Ausstellung „Joan Miró. Skulpturen 1928-1982“ in dem von Stararchitekt Renzo Piano entworfenen Centro Botín - idyllisch zwischen dem Wasser der Biskaya und den Bergen „Picos de Europa“ gelegen - bleibt bis zum 2. September geöffnet.

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