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Literatur

Die Zeit der zitternden Frauen

Star der Stunde: Siri Hustvedt mit neuem Roman, einem aufregenden Essay-Band und Erläuterungen zum Leiden der Kanzlerin.
Von Helmut Hein

„Damals“ von Siri Huistvedt ist eine Montage verschiedener Textsorten. Foto: GARCIA /Perry/ dpa
„Damals“ von Siri Huistvedt ist eine Montage verschiedener Textsorten. Foto: GARCIA /Perry/ dpa

New York.Siri Hustvedt ist derzeit in aller Munde. Das hat mindestens drei Gründe. Erstens gibt es von ihr einen raffinierten neuen Roman („Damals“) über Zeit, Identität und die Tücken der Erinnerung. Dann hat sie einen dicken Band mit Essays zu fast allen Wissensgebieten (Neurologie, Psychoanalyse, Philosophie, Film, Kunst und Geschlechterfragen) veröffentlicht. Und schließlich ist sie eine gefragte Gesprächspartnerin, wenn es darum geht, die Zitteranfälle der Kanzlerin zu erklären.

Dass Angela Merkel drei Staatsempfänge in kürzester Zeit nur bedenklich am ganzen Leib schlotternd absolvieren konnte, hat viele beunruhigt. Vor allem, weil die gern angerufenen Experten aus Medizin und Psychologie jede Ferndiagnose verweigerten und darüber hinaus den Eindruck vermittelten, sie wüssten in dieser Sache auch nicht so recht weiter.

Merkel trotzt Irritation

Merkels Beschwichtigungen („Es ist nichts“, „Mir geht es gut“) verstärkten die allgemeine Irritation eher noch. Dabei hat sie vermutlich einfach recht. Siri Hustvedt kann als ihre Kronzeugin dienen. Denn sie hat Ähnliches durchgemacht. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters begann sie plötzlich bei öffentlichen Auftritten zu zittern. Weil die Ärzte „nichts fanden“, begann sie selbst zu recherchieren, verband ein skrupulöses Psychogram ihres gestörten Lebens mit exzessiver Lektüre. Die Resultate dieser Tour de force durch die conditio humana veröffentlichte sie schließlich als Buch. „Die zitternde Frau“ (2010) wurde prompt zum Bestseller, weil zwar vielleicht nicht alle Frauen (und Männer!) zittern, sie sich aber von Hustvedts Befunden in irgendeiner Form doch mitgemeint fühlten. Und die Kanzlerin? Muss, meint Siri Hustvedt, nicht zurücktreten. Jedenfalls nicht wegen der Zitteranfälle. Ihre eigene Leistungsfähigkeit hatte schließlich auch nicht gelitten – und irgendwann hörte das Zittern von selbst auf.

Der „Krankheitsgewinn“, wie das einst die Psychoanalyse nannte, ihrer Zitteranfälle liegt jetzt gebunden vor – und Siri Hustvedt, die Expertin (nicht nur) in eigener Sache wird seit längerem ganz selbstverständlich zu Neurologen-, Psychologen- und Philosophenkongressen geladen. Im Vorwort von „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ (Rowohlt, 2019) zitiert sie einen längst legendären Vortrag, den C.P. Snow, der Physiker war und zum Romancier wurde, 1959 in Cambridge hielt. Darin diagnostizierte er, die westliche Zivilisation sei längst in zwei Kulturen, man könnte auch sagen: Stämme, zerfallen, die einander nicht mehr verstünden und auch nichts miteinander zu tun haben wollten: die Welt der durchmathematisierten Naturwissenschaft und Technik einerseits und die der weitgehend literartischen Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits. Siri Hustvedt, seit langem frei von falscher Bescheidenheit, meint, das sei gewissermaßen ihr Alleinstellungsmerkmal: Brücken zu bauen zwischen den Disziplinen: als versierte Übersetzerin in sich verkapselter Fachsprachen. Ihr Geheimnis: obsessive Lektüre. Siri Hustvedt kürzlich in einem ZEIT-Gespräch: „Meistens weiß ich sehr viel.“ Der Preis, den sie bezahlt: dass sie gewissermaßen am eigenen Leib erfährt, was C. P. Snow mit den „zwei Kulturen“ ansprach; dass also die Rezensenten ihres neuen Essay-Bandes zwar kundig und mit Liebe auf ihre Revision von Susan Sontags Pornographie-Studien („Fünfzig Jahre später“) oder auf ihre Erkundungen zu Mapplethorpe und Almodóvar eingehen, angesichts ihrer hirnphysiologischen Expertisen jedoch resignieren.

Und was hat das mit dem Roman zu tun? Sehr viel. So viel, dass sie vor allem bei Kritikerinnen halb in Ungnade gefallen ist, die ihr, ein wenig paradox, einerseits die Arroganz der Viel-Wissenden und andererseits Banalität vorwerfen. Das Erste stimmt vielleicht zum Teil. Letzteres definitiv nicht. „Damals“ ist so aufregend, wie die besten Romane der literarischen Moderne, die schon immer Essay und Erzählung verbanden und die schlichte Narration durch im weitesten Sinn poetologische Metatexte unter- und durchbrachen. Der deutsche Titel „Damals“ ist übrigens nicht so schlecht, vor allem, weil der Originaltitel „Memories of the Future“ gern falsch verstanden wird. So als handele es sich dabei um „Erinnerungen an die Zukunft“, was immer das sein soll, und nicht darum, dass unser Gedächtnis das, was einst war, aus unserer heutigen Sicht „fälscht“ oder zumindest neu deutet. Denn wir erinnern uns ja, wie Hustvedt betont, immer „jetzt“, selbst wenn es um längst vergangenes geht.

„Damals“ eine Montage

„Damals“ ist die faszinierende Montage verschiedener Textsorten: der souveränen Prosa der alternden S. H., der Abenteuer der ganz jungen S. H. im New York der spätern 1970er Jahre, eines spät wiederaufgefundenen Tagebuchs aus dieser Zeit, das die alternde S. H. verblüfft, weil es mit ihren „eigenen“ Erinnerungen nicht übereinstimmt, Fetzen des Detektivromans, an dem die junge S. H. damals schrieb, mit einem anderen S. H., Sherlock Holmes nämlich, als Vorbild, der nächtlichen Monologe der Zimmernachbarin, die sich auf ein ewiges „Bin traurig“ zuspitzen und dann natürlich noch all der anderen Leben und „Stories“, von denen die verschiedenen S. H.s „penetriert“, ein Lieblingswort Hustvedts, also durchdrungen werden. Vielleicht läuft am Ende alles auf Minkowskis „Raumzeit“ hinaus, die von einer universellen Koexistenz kündet. Denn dieser Hermann Minkowski, ein früh verstorbener Einstein-Zeitgenosse, der den Erfinder der Relativitätstheorie mit überlegener Mathematik ein wenig stresste, ging ja davon aus, dass Zeit, gar gerichtete Zeit, keine Eigenschaft der „objektiven“ Welt sei, dass die Physik in den meisten Fällen ganz gut ohne sie auskomme. Siri Hustvedt findet dafür eine Metapher, so dass auch wir einfache Leser es verstehen können: die Bibliothek. Dort finden sich Bücher auf engstem Raum, die von ganz verschiedenen Zeiten und diversesten Geschichten handeln – und wir können uns auf die aufregendste Weise zwischen ihnen hin- und herbewegen. So wie übrigens auch in Siri Hustvedts Buch, das man nicht nur einmal und dann auch nicht brav von vorne nach hinten lesen sollte.

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