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Neuveröffentlichung

Die Zukunft ist schon lange da

Die 90er sind zurück, mit drei Alben von „Stereolab“, der stilprägenden Band dieses schwierigen Jahrzehnts.
Von Helmut Hein

Stereolab mit den Masterminds Lætitia Sadier (rechts) und Tim Gane (Mitte vorne). Links die 2002 tödlich verunglückte Mary Hansen. Foto: Jean Claude Dhien
Stereolab mit den Masterminds Lætitia Sadier (rechts) und Tim Gane (Mitte vorne). Links die 2002 tödlich verunglückte Mary Hansen. Foto: Jean Claude Dhien

London.Das Jahr 2002 wurde für Stereolab zur Katastrophe. Mary Hansen, Keyboarderin und wichtige zweite Stimme, starb bei einem Autounfall. Und Lætitia Sadier und Tim Gane, die seit ewigen Zeiten zusammen waren und Ende der 1980er die Band gegründet hatten, trennten sich. Stereolab, die in den 1990er Jahren wie kaum eine andere Band den Post-Rock neu definierten, erholten sich von diesem Schock nie so recht und lösten sich schließlich 2009 auf.

Das Stereolab-Album „Emperor Tomato Ketchup“ erschien 1996. Jetzt gibt es davon eine erweiterte und überarbeitete Ausgabe via Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks.
Das Stereolab-Album „Emperor Tomato Ketchup“ erschien 1996. Jetzt gibt es davon eine erweiterte und überarbeitete Ausgabe via Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks.

Aber zehn Jahre später gilt wieder, was sie in einem Song ihres legendären „Emperor Tomato Ketchup“-Albums (1996) besangen: „Tomorrow Is Still Here“. Die Zukunft ist schon da, wir müssen nicht länger warten. Auf dem „Primavera“-Festival in Barcelona überwältigte die neuformierte Band um den bleibenden Nukleus Sadier, Gane und dem famosen Andrew Ramsay (Drums) das Publikum, eine Tournee quer durch England wurde zum großen Erfolg. Daraufhin entschlossen sich Sadier und Co., drei ihrer besten Alben neu aufzulegen – nicht einfach so, sondern gründlich remastered und angereichert mit einer Fülle von Bonus- und Demo-Tracks, die einen Blick in die Werkstatt dieser stilprägenden Combo erlauben.

„Diese Musik ist nicht gealtert, sie ist nie (nur) ‚past‘, sondern mindestens ‚presence‘, oft sogar ‚future‘.“

In den letzten ein, zwei Jahre erlebten die 90er Jahre ein Revival, eine Fülle bemerkenswerter Produktionen erschienen „neu“ auf dem Markt – jedenfalls für die nachwachsenden, meist geschichtsvergessenen Generationen „neu“. Aber das „Stereolab“-Relaunch ist noch einmal etwas anderes. Aus mindestens zwei Gründen: Erstens ist diese Musik überhaupt nicht gealtert, sie ist nie (nur) „past“, sondern mindestens „presence“, oft sogar „future“. Und dann begreift man zweitens beim Hören, wie sich die Evolution des Pop vollzieht, weg vom Rock-Authentizismus, der sich im Grunge-Krach à la Nirvana und bei Oasis ein letztes Mal glänzend aufbäumte, hin zur Montage widerstreitender Elemente und zu post-rockistischen Formen, in denen alles gemacht wird.

Stereolab veröffentlichen auch „Dots and Loops“ von 1997 bei Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks neu remastered.
Stereolab veröffentlichen auch „Dots and Loops“ von 1997 bei Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks neu remastered.

Stereolab, das sind: Andrew Ramsays nie ermüdendes, fast schon metronommäßiges Getrommel, das es an Exaktheit und Wucht mit jeder Drum-Machine aufnehmen kann und doch noch einen humanen, seelenmäßigen (oder sexuellen) Mehrwert bietet; dazu elektronische Parts, die oft perkussiv wirken, aber darüber hinaus sich zu betörenden Melodien verdichten, die sich dann wieder, wenn es zu schön wird, atonal in interessanten Lärm auflösen. Und schließlich die auf paradoxe Weise zugleich entschiedenen und doch engelsgleichen Stimmen von Sadier und Hansen.

„Cobra and Phases Group Play Voltage in the Milky Night“ von 1999 ist ebenfalls frisch bearbeitet und mit Bonus- und Demo-Tracks versehen via Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks erhältlich.
„Cobra and Phases Group Play Voltage in the Milky Night“ von 1999 ist ebenfalls frisch bearbeitet und mit Bonus- und Demo-Tracks versehen via Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks erhältlich.

Was die Lyrics angeht bildet Sadier die Gegen-Fraktion zu Bob Dylan, der metaphernreicher als jeder andere Autor seit Shakespeare, dabei das Groteske und Surreale nicht scheuend, das Innenleben und den Alltag der Menschen erkundet, während hier, bei Stereolab, sich alles zur Formel verdichtet, die sich der Psyche einbrennt. Etwa wenn es um die „Organisatio“ des Lebens geht und Lætitia Sadier darauf besteht, dass die Rollen, die wir spielen (weil wir sie spielen müssen) nur das „Revers“, die andere Seite der Institutionen sind, in denen die Werte, Normen und sonstigen Vorschriften festgeschrieben sind, als handele es sich um unverrückbare Naturgesetze, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sadier widerspricht dem, hält an den Unwägbarkeiten von Glück und Trauer fest, wenn auch so kühl (oder cool?), dass man meinen könnte, einen „Kraftwerk“-Wiedergänger vor sich zu haben.

2019 traten Stereolab unter anderem beim Pitchfork Music Festival in Chicago auf. Der Song „Miss Modular“ vom Album „Dots and Loops“ klang dort so:

Im September erschienen die Stereolab-Alben „Emperor Tomato Ketchup“ (1996), „Dots and Loops“ (1997) und „Cobra and Phases Group Play Voltage in the Milky Night“ (1999) erweitert und überarbeitet via Warp Records und dem bandeigenen Label Duophonic UHF Disks; MP3, CD, Vinyl 20-30 Euro.

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