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Kunst

Dieser Blick ruft nach Menschlichkeit

Regensburg widmet Annette Lucks eine Werkschau. Die Künstlerin reflektiert in den Bildern auch die Jahre als Flüchtlingskind.
Von Matthias Kampmann, MZ

„Garlands“ aus dem Jahr 2007: In Annette Lucks’ Bildern geht es um Not, aber auch um Freundschaft und Miteinander.
„Garlands“ aus dem Jahr 2007: In Annette Lucks’ Bildern geht es um Not, aber auch um Freundschaft und Miteinander. Foto: Benjamin Ganzenmüller

Regensburg.Das erste auffällige Detail dieses Bildes ist ein Gesicht. Aus großen Augen sieht ein Mädchen den Betrachter an. In einem Gespinst aus schwarzen Linien, die sich immer wieder verdicken, in Farbe verlieren, dann wieder zeichnerisch werden und ausfransen, ist der recht pastos dargestellte Kopf mit geradezu lieblichem Blick eingewoben. Der Körper hingegen ist ungreifbar. Man meint, Beine erkennen zu können. Oder sitzt die Figur? Das ist nicht stimmig anzugeben. Es bleibt ein unbestimmbares Mitgefühl; man meint, dieses Gesicht zu kennen.

„Flüchtling“ ist das Werk betitelt. Gemalt hat Annette Lucks es 1998. Es erinnert an die Vergangenheit der Künstlerin und die Gegenwart in Regensburg. In der Städtischen Galerie Leerer Beutel stellt die Tochter von Flüchtlingen, die in der Kaserne an der Zeißstraße als Notunterkunft ihre erste Lebenszeit verbrachte, gut 130 Arbeiten aus. „Es ist keine Retrospektive“, beschreibt Lucks. Doch trage die Ausstellung retrospektive und autobiografische Züge. Ineinander verwoben sind über die Ausstellungsräume hinweg Themen, die sie mit den Schlagworten „Sterben & Tod, Hochzeit, Erinnerung oder im Gefängnis der Zeit“ betitelt. Das hört sich nach bleischwerer Kost an, ist es aber in keiner Weise. Auch nicht, wenn vom Fliehen die Rede ist. Das ist im Gemälde „Flüchtling“ nämlich nicht direkt zu übersetzen. Aber Malerei will ja auch keine eindeutigen Zeichen erschaffen.

Es geht in eine offene Zukunft

„Flüchtling“, eine Arbeit von Annette Lucks von 1998: Die Künstler reflektiert in den Arbeiten auch ihre Erfahrungen als Flüchtlingskind.
„Flüchtling“, eine Arbeit von Annette Lucks von 1998: Die Künstler reflektiert in den Arbeiten auch ihre Erfahrungen als Flüchtlingskind. Foto: Benjamin Ganzenmüller

Gibt es vielleicht eine Leserichtung? Also so etwas wie eine Zeitlichkeit, die sich an der europäischen Sicht auf Text orientiert? Der Kopf ist in der rechten Bildhälfte, und nach rechts vergrößert sich auch das Geflecht. Ebenso wie etwas, das ein Weg sein könnte und ganz einfarbig-glatt und grau den monochrom-beige-grauen Hintergrund durchzieht. Die lose Ordnung, die Auflösung der Bildfiguren zum Rand des Geflechts, das Andeutungshafte lassen sich an den Titel anknüpfen: Es geht in eine offene Zukunft, und nicht wir schauen auf die Flüchtlinge. Sie schauen uns an, und wir sind Adressaten eines dringlichen Appells an unsere Menschlichkeit.

Gegensätzliches zieht sich durch

Das Aquarell von Annette Lucks aus dem Jahr 2010 trägt den Titel „Glückes“.
Das Aquarell von Annette Lucks aus dem Jahr 2010 trägt den Titel „Glückes“. Foto: Benjamin Ganzenmüller

„Dresden“ führt uns den experimentellen Charakter von Lucks’ Arbeiten vor Augen. Denn sie erweiterte schon 1989 ihre Bildsprache, indem sie die Druckgrafik, in diesem Fall die Radierung, nicht so beließ wie sie ist, sondern durch malerische Einwürfe und Beschneidungen verfremdete. Plötzlich ist der Plattenrand versehrt. Was in herkömmlicher Grafik als qualitätsmindernd gilt, ist hier Gestaltungsmittel. Hinzu treten Experimente mit Keramiken, die teilweise im berühmten Faenza realisiert wurden: Urgefäße mit Lucks’ typischer Bildsprache. Aber was heißt schon typisch: Sicher gibt es stets das Gegensätzliche, die Linie trifft auf Malerisches, das Gezeichnete auf reale Schrift, die Tusche auf Öl, und das zieht sich durch alle Ebenen, materiell wie in der Darstellung. Doch die Malerei ändert sich von Bildträger zu Bildträger.

Wie die Bilder sich durchdringen, so durchweben sich auch die Lebensphasen in der Dramaturgie der Schau. Eingeweihte und Freunde werden vielleicht mehr sehen als Fremde. Allerdings braucht es dieses Wissen nicht, und wir brauchen auch keine Bücher des Philosophen gelesen zu haben, um das Bild „Medienwissenschaft (zu Andreas Steffens)“ von 1999 zu verstehen.

Indirekte Erinnerungsarbeit

„Dresden“, eine Arbeit von Annette Lucks von 1989 (Ausschnitt), zu sehen im Leeren Beutel
„Dresden“, eine Arbeit von Annette Lucks von 1989 (Ausschnitt), zu sehen im Leeren Beutel Foto: Benjamin Ganzenmüller

Natürlich ist die Malerei von Annette Lucks eine spannende Gedächtnisstütze, die nicht nur in uns die Klänge der Not anspielen lässt, sondern auch Trost in einer dezidierten Undeutlichkeit bietet. Während sich im Land der Mob gegen die scheinbar Fremden richtet und Flüchtlingsunterkünfte ansteckt, findet in der Ausstellung indirekt zumindest Erinnerungsarbeit statt. In der Zeißstraße leben heute übergangsweise die Vertriebenen von heute. Das erinnert uns an etwas: Deutschland war immer schon Aufnahme- und Einwanderungsland.

Es ist wohltuend, wenn Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) bei der Eröffnung am Sonntag den Maßstab für den Umgang mit den Notleidenden darin sieht, was jeder einzelne sich für einen Umgang wünscht.

So persönlich diese Malerei auch sein mag – wir können nicht das Leben von Annette Lucks aus den Bildern destillieren. So undeutlich wie anspielungsreich geht es in den Bildern um Nöte, Sorgen, Krankheit, Tod, aber auch Freundschaft und Miteinander – also um zutiefst Menschliches. Das allerdings sehen wir alle, wenn wir uns einlassen.

Annette Lucks in Regensburg

  • Die Ausstellung Annette Lucks zeigt in der Städtischen Galerie Leerer Beutel in Regensburg bis 8. November gut 130 Arbeiten; die Ausstellung trägt den Titel „Annette Lucks. Flipflop. flüchtling_metaphernfelder“. Die Arbeiten tragen autobiografische Züge ebenso wie die Ausstellung, die zwar keine stringente Retrospektive ist, aber rückschauenden Charakter besitzt. Verwoben wie die Bilder ist auch die Ausstellungsdramaturgie, in der es um die Zeit als bestimmenden Faktor des Menschseins geht. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

  • Die Künstlerin

    kam 1952 in Regensburg als Flüchtlingskind zur Welt. Sie studierte bei Mac Zimmermann, einem der wichtigsten Vertreter des deutschen Surrealismus, an der Akademie der bildenden Künste in München, war seine Meisterschülerin und leitete dessen Druckwerkstatt. Mit ihrem Mann Norbert Eberl restaurierte sie in Italien jahrelang eine Ruine.

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