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Kultur
Mittwoch, 19. September 2018 31° 1

Kabarett

Dieser Mann schluckt auch Luftstangen

Marc Haller bringt Tische zum Tanzen und gibt Zauberei einen tieferen Sinn. Die Gäste in der Alten Mälzerei sind hin und weg.
Von Florian Sendtner

Er greift Schwarzgeld aus der Luft und versenkt eine Luftstange im Körper: Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz Foto: Tino Lex
Er greift Schwarzgeld aus der Luft und versenkt eine Luftstange im Körper: Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz Foto: Tino Lex

Regensburg.„Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“ Kurze Pause. „Jetzt wissen Sie auch, warum ich so dünn bin.“ Erwin aus der Schweiz steht auf der Bühne der Alten Mälzerei: schwarze Brille, schwarze Fliege, schwarze Weste. Und rote Kniestrümpfe zur Hochwasserhose. Dazu das linkisch-schüchterne Gehabe von einem, der zum ersten Mal auf der Bühne steht. Das stimmt nicht ganz: Marc Haller, 30 Jahre alt, Absolvent diverser Zauber- und Schauspielschulen, räumt gerade einen Preis nach dem andern ab. Und die ausverkaufte Mälzerei bekommt in einem zweistündigen buchstäblich bezaubernden Programm vorgeführt, dass das nicht von ungefähr kommt.

Erwin knotet seine Fingern und berichtet aufgekratzt, wie sehr es ihn gefreut habe, für 5000 Euro engagiert zu werden. Man wundert sich schon über die astronomische Summe, aber die Pointe kommt erst: „Ich habe die 5000 Euro dann auch recht zügig überwiesen.“ Im nächsten Moment hat Erwin einen Zauberwürfel in der Hand, müht sich erst vergeblich damit ab, wirft ihn schließlich in die Luft – und fängt einen Würfel auf, der gelöst ist. „Jetzt wissen Sie auch, wie das in der Schweiz funktioniert, wie man aus Multikulti Monokulti macht!“

Ein Glas Limo aus dem Ärmel

Die Zauberei hat bei Marc Haller meistens eine tiefere Bedeutung, aber während man noch darüber nachdenkt, ist der gelöste Zauberwürfel zur Handgranate mutiert und explodiert, und der Meister ist schon wieder bei der nächsten Nummer: ein Glas Limo aus dem Ärmel zaubern oder Schwarzgeld – große, blinkende Münzen – aus der Luft zu greifen, wobei er nicht versäumt, auf das spezifisch Schweizerische dieser Darbietung hinzuweisen.

Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz Foto: Tino Lex
Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz Foto: Tino Lex

Das Erfolgsgeheimnis dieses Zauberers liegt darin, dass Marc Haller die Magie der Zauberkunst nicht nur mit Kabarett verknüpft, sondern auch der Emotionalität gehörig Raum gibt. Da verblüfft er mit einer rein mathematischen Denksportaufgabe, fragt einen Zuschauer nach dessen Jahrgang, der nennt 1960, Haller schreibt „60“ auf eine Tafel und dann in Windeseile in vier Reihen 16 Zahlen darunter, die in jeder erdenklichen Reihenfolge (hoch, quer, diagonal) immer 60 ergeben. Und im nächsten Moment löst er, wieder auf einer großen Tafel, ein „Lebenspuzzle“, dessen verquere Teile er immer wieder zu einem Ganzen zusammenfügt, das wundersamerweise auch noch in den gleichen Rahmen wie zuvor passt.

Verklemmt und liebenswürdig

  • Zauberei und Schauspiel

    Marc Haller ist ein Hansdampf in allen Gassen. Bereits mit 14 Jahren von der Zauberei begeistert, führte sein Weg ihn nach Verscio (TI) in die Scuola Teatro Dimitri, dann in die Lee Strassberg-Schauspielschule nach New York und nach Wien.

  • Das Alter Ego

    Das schrullige Alter Ego ist „Erwin aus der Schweiz“. Der schräge, etwas verklemmte, jedoch stets liebenswürdige Schweizer ist die Hauptfigur in seiner Show, die eine raffinierte Mischung aus klassischer Comedy und Zauberei ist.

Am Krawattl gepackt

Wenn er auch noch zum Kanon von Pachelbel seinen Großvater wiederauferstehen und sich von ihm sanft streicheln lässt, schrammt das ganze schon hart an der Grenze zum Kitsch entlang. Aber die Zuschauer lassen ihm alles durchgehen. Dieser Erwin versteht es meisterhaft, sein Publikum emotional am Krawattl zu packen und nicht mehr loszulassen.

Man fühlt sich bereits rundum aufgehoben, da bittet Marc Haller wieder einen Mann aus dem Publikum auf die Bühne und dirigiert ihn dort mit der größten Höflichkeit herum: er möge sich doch bitte ein kleines bisschen weiter nach links stellen: „Einfach in die Mitte der Falltür, sonst tut’s bisschen weh!“ In dem Fall ist das natürlich nur ein kleiner Gag nebenbei, aber gedankliche Falltüren tun sich bei Erwin am laufenden Band auf. Da hält er sich das Mikrophon nach einer Playback-Panne ans laut pochende Herz, anschließend ans Hirn, es ertönen Faxgeräusche und als er es versehentlich zwischen die Beine hält, hört man eine sich vor Eigenlob überschlagende Wahlkampfrede von Donald Trump.

Zwischendurch wird das Publikum mit Kalauern bei der Stange gehalten, dabei könnte Marc Haller seinen Zuschauern durchaus ein bisschen mehr zumuten. Aber wenn er am Ende als lebende Sanduhr den Sand abwechselnd aus der linken und dann wieder aus der rechten Faust rieseln lässt, und der Sand kein Ende zu nehmen scheint, gibt es sowieso rauschenden Beifall.

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