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Kultur
Dienstag, 19. Juni 2018 26° 4

Konzert

Domspatzen: Berührende Bitte um Frieden

Die Regensburger Domspatzen und Concerto Köln eröffneten die Tage Alter Musik mit Mendelssohns „Lobgesang“.
Von Andreas Meixner

Gänsehaut beim Konzert der Regensburger Domspatzen und Concerto Köln: Die Zuhörer feierten die Aufführung in der Regensburger Dreieinigkeitskirche mit Standing Ovations. Foto: altrofoto.de
Gänsehaut beim Konzert der Regensburger Domspatzen und Concerto Köln: Die Zuhörer feierten die Aufführung in der Regensburger Dreieinigkeitskirche mit Standing Ovations. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Welt der Musik schreibt ihre eigenen, tragischen Geschichten. Eine davon ist, dass Felix Mendelssohn-Bartholdy zu Lebzeiten als Komponist, Pianist und Organist in ganz Europa gefeiert wurde, nach seinem Tod aber vor allem durch die antijüdische Propaganda und Richard Wagners Hetzschrift „Das Judenthum in der Musik“ bis auf wenige Werke fast völlig in Vergessenheit geriet. Hinzu kam eine schleichende, teils bewusst gesetzte Geringschätzung: Als weichlich und vorhersehbar, bestenfalls elegant und gefällig ohne großen Innovationswillen bezeichnete die Kritik seinen Kompositionsstil. Ihn ereilte für fast ein halbes Jahrhundert dasselbe Schicksal wie Bach und Händel, deren Musik er selbst wieder in das Bewusstsein der Menschen brachte. Allein das macht seinen „Lobgesang“ zum idealen Werk, um die Tage Alter Musik 2018 in Regensburg würdig zu eröffnen.

Als Prolog erklang aber zunächst die Choralkantate „Verleih uns Frieden“. Und das Konzert war keine paar Minuten alt, da konnte man sich der Rührung und Gänsehaut kaum mehr erwehren. Mendelssohns innige, überkonfessionelle Friedensbitte strömte durch die Dreieinigkeitskirche, in einem sanften Crescendo unter dem stufenweise aufblühenden und dichter werdenden Choral, als eine flehende Bitte um Frieden für uns alle.

Strahlende Vierstimmigkeit

Concerto Köln spielt, als wäre es ein einziger musikalischer Atem, mit Zug immer nach vorne, ohne Nachlassen. Das machte es den Domspatzen so ungemein leicht, den Faden bei den Einsätzen aufzunehmen, erst einstimmig, dann zum Höhepunkt in weich strahlender Vierstimmigkeit. Schon jetzt war die Klasse und hohe Güte des Konzerts in jeder Faser zu spüren. Roland Büchners Dirigat wirkte von Anfang an eine Spur energischer und zwingender, als man es von ihm sonst gewöhnt ist. Da erlebte man am Pult einen Mann, der einen ganz besonderen Moment an diesem Abend schaffen wollte: für seine Spatzen, für die Musiker und Solisten, aber vor allem für die Zuhörer. Mächtig eröffnen dann die Posaunen im Unisono den Lobgesang. Eine symphonische Kantate, teils Symphonie, teils Oratorium, in jedem Falle ein Unikum, das zu Unrecht in seiner Form mit Beethovens 9. Symphonie in Vergleich gebracht wird.

Der Lobgesang verdichtet alles, was Mendelssohns Musik ausmacht. Sie bereitet dem herausragenden Originalklang-Orchester und den Domspatzen einen idealen Boden zu musikalischer Synergie. Die Knaben und jungen Männer des Chores sind in ihrem Gesang ein Abbild des Klangideals, das Büchner über 25 Jahre geformt hat: klare Strahlkraft, eine akzentuierte Deklamation, sowie eine Homogenität, die sängerische Individualität nicht verleugnet. Das beinhaltet die nötige Schlagkraft, um gegen eine symphonische Orchesterbesetzung bestehen zu können. Es gelingt mühelos, nie ist die Balance in Gefahr, das Dirigat muss selten das Orchester um Zurückhaltung bitten. Der Rest macht die Begeisterung der Jungs für die Musik. Sie schmeißen sich förmlich hinein, finden aber genauso schnell zurück in Momente, in denen es darum geht, einen Choral sauber zu setzen und fließen zu lassen. „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen“, war ein Moment völliger Entrücktheit. Davor wird eindrucksvoll im Chor „Die Nacht ist vergangen“ der Tag heraufbeschworen, in mitreißender Exaltiertheit.

Concerto Köln nahm mit seiner enormen Klangfarbigkeit und dynamischer Feinzeichnung dem Werk die wuchtige Trägheit, die der romantischen Musik oft wie Blei an den Hüften hängt. Schwingende Leichtigkeit und die schärfere Akzentuierung schafften vielmehr eine höhere Dramatik und Kraft, blitzsaubere Holz- und Blechbläser waren das Sahnehäubchen auf einen überragendem Klangeindruck.

Lyrisch und zärtlich setzte sich Miriam Alexandra mit ihrem schwebenden Sopran in Szene, ließ der Musik ihren Lauf, ohne unnötig dramatisch zu werden. Werner Güra tat es ihr nach, führte seinen Tenor unaufgeregt und klangschön durch die hohe Partie, konnte aber jederzeit kurz zupacken, wenn es verlangt war. Entscheidend war, dass sich die herausragende Solistenbesetzung bestens in das große Ganze einfügte, sängerisch aber auch stilistisch.

Friedenssehnsucht und Freude

So konnte Roland Büchner das gelingen, was man gerne als „aus einem Guss“ bezeichnet. Eine Homogenität über den ganzen Klangapparat war das eine Ergebnis, das andere war die lodernde Beherztheit des Vortrags, die den Lobgesang zu jenem überkonfessionellen Jubel machen, den Mendelssohn damit erreichen wollte. Die berührende Friedenssehnsucht am Anfang und die exaltierte Freude zum Ende bildeten die Eckpunkte eines phänomenalen Konzerts, das sicher als eine große Sternstunde in die Geschichte der Tage Alter Musik eingehen wird. Die Zuhörer feierten jedenfalls mit Standing Ovations eine Aufführung von europäischem Rang.

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