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Ausstellung

Drastische Werke fordern Humanität

Seit 20 Jahren gibt es Kunstausstellungen in der Regensburger St. Oswald-Kirche. Zum Jubiläum sind kritische Bilder und Skulpturen von Horst Meister zu sehen.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • Zwei Engel aus Bronze und Zeichnungen von Horst Meister im Altarraum von St. Oswald Foto: Scheiner
  • Horst Meisters Schildkröte aus dem Jahr die 1999 Foto: Scheiner

Regensburg.Kunst und Kirche – das ist oft ein heikles Thema. Als Georg Baselitz, der damals in Schloss Derneburg bei Hildesheim lebte, zu Beginn der 90er Jahre sein sechs Quadratmeter großes Gemälde „Tanz ums Kreuz“ mit einer kopfstehenden Christusfigur als Geschenk für die Dorfkirche von Luttrum anbot, kam es in der evangelischen Kirchengemeinde zu einem erbittert geführten Streit um das angeblich „gotteslästerliche“ Werk. Toleranz und Aufgeschlossenheit blieben auf der Strecke, die Bilderstürmer setzten sich durch, der frustrierte Künstler musste das verschmähte Geschenk zurücknehmen.

Da war es recht mutig, dass dann ausgerechnet dieses Gemälde mit seinen hellen und leuchtenden Farben für eine Ausstellung nach Regensburg geholt wurde und einen Monat lang in der St. Oswald-Kirche die bedrückend-düstere Kreuzigungsgruppe des Altarbilds ersetzen durfte.

Seit 20 Jahren wird in dieser Kirche immer wieder aktuelle Kunst zur Diskussion gestellt. St. Oswald besitzt zwar eine reiche Ausstattung mit Deckenbildern und einem Bilderfries an den Empore-Brüstungen. Aber die schmucklosen und weißen Wände des Langhauses bieten sich geradezu an, hier Bilder zu präsentieren. Marc Chagalls Grafik-Zyklus „Bilder zur Bibel“ war hier zu sehen sowie die „Radierungen zur Bibel“ von Thomas Zacharias.

Gedenkausstellungen gab es für die Regensburger Künstler Winfried Tonner und Jörg Traeger, aber auch themengebundene Ausstellungen wie „Mensch oder Unmensch“ oder „Menschen im Bilde“ mit zahlreichen Künstlern der Region. Zu verdanken sind diese Aktivitäten dem kunstsinnigen Pfarrer Dr. Gustav Rosenstein und dem „Förderverein Dreieinigkeitskirche und St. Oswald-Kirche“, dessen Vorsitzende seit 2006 die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Heidrun Stein-Kecks ist.

Begonnen hat es 1993 mit Horst Meister, der jetzt zum Jubiläum erneut zu einer Ausstellung eingeladen wurde. „Diesseits von Eden“ ist der Titel, denn der inzwischen 76 Jahre alte Künstler rückt die so gar nicht paradiesischen Zustände auf unserer Erde in den Blickpunkt. Horst Meister hat an der Kunstakademie Karlsruhe studiert, wo er Schüler von HAP Grieshaber war. Humanität und Menschenwürde, der Schutz der Natur, der Kampf gegen Atomwaffen und Atomkraftwerke gehörten zu den großen Themen des berühmten Holzschneiders.

Auch Horst Meister, dieser höchst sympathische und liebenswerte Mensch, ist ungeheuer engagiert, ist aktiv bei Amnesty International, bei der Asylantenhilfe, bei Tierschutz und bei Umweltschutz. Das Wort „Empört Euch!“ hat schon sein Leben geprägt, lange bevor Stéphane Hessel mit diesem Aufruf für Furore sorgte. Und seine Kunst stellt Horst Meister ebenfalls ganz in den Dienst der guten Sache.

Aber anders als Grieshaber, der seine Botschaften in den wuchtig-kantigen Holzschnitten eher verschlüsselt darstellte, mag es Horst Meister eindeutig und plakativ. Er hat keine Scheu vor Drastik und Pathos. Da mag mitspielen, dass er auch als Bühnenbildner tätig war, dass er also um die Wirkung theatralischer Inszenierung weiß.

Von 1975 bis 1981 lebte Horst Meister in Regensburg, seine Frau Almut Grytzmann war hier als Schauspielerin am Theater engagiert. Einige der jetzt zu sehenden Bilder stammen aus dieser Zeit wie das „Regensburger Requiem“, wo Figuren wie Strauß, Filbinger und Schleyer einen Clown zur Verzweiflung bringen, oder ein Triptychon „Adam und Eva“ mit dem alt gewordenen biblischen Paar auf einer verwüsteten Erde. Auf einem erschreckenden Passionsbild von 1981 zeigt er die Folteropfer der Gegenwart. Und das Thema Atomtod – angefangen vom WAA-Protest mit dem Grafik-Zyklus „Schwandorfer Totentanz“ bis zum aktuellen Gemälde „Fukushima-Totentanz“ – hat ihn nie losgelassen.

Quälend in ihrem Realismus sind auch einige Skulpturen wie das auf dem Boden hingestreckte und in Lumpen gehüllte Hungeropfer oder das apathische Kind mit aufgetriebenem Hungerbauch, das einen leeren Napf in der Hand hält. Zwei Figuren „Engel für Jerusalem“ und „Träumender Engel“ wirken dann fast beruhigend inmitten all dieses Grauens.

Hieronymus Bosch und Matthias Grünewald, Otto Dix und Käthe Kollwitz nennt Horst Meister als Vorbilder. Aber seine Ausdrucksform ist dann doch ganz anders, denn da treffen sich radikaler Realismus und überzeichneter Manierismus, manchmal wird man sogar an die mexikanischen Revolutionskünstler erinnert. Meisters Bilder fordern den Betrachter heraus, sie sind ein Appell: Macht mit, kämpft mit für eine bessere Welt!

Service

Die Ausstellung „Diesseits von Eden“ mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen von Horst Meister dauert bis zum 22. September. Die Öffnungszeiten der St. Oswald-Kirche sind: Donnerstag, Freitag, Samstag von 15 bis 19 Uhr, Sonntag von 11 bis 19 Uhr.

Als Begleitveranstaltung gibt es am 5. September um 20 Uhr eine szenische Lesung mit Almut Grytzmann zu Henry Millers Clowns-Geschichte „Das Lächeln am Fuß der Leiter“. Begleiter am Klavier ist Gregor Pronobis. Am 21. September um 20 Uhr findet eine Lesung statt, bei der Horst Meister sein kürzlich erschienenes Buch „Kunst.Macht.Politik“ vorstellt.

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