mz_logo

Kultur
Freitag, 17. August 2018 31° 2

Musik

Drei exquisite Konzerte zu Pfingsten

Vox Luminis präsentiert ein starkes Bach-Programm. Auch bei InAlto und Tenebrae Consort erweist sich alte Musik als zeitlos.
Von Juan Martin Koch

  • Vox Luminis aus Belgien präsentierte die Doppelchörigkeit auch optisch durch die Aufstellung. Fotos: altrofoto.de
  • Tenebrae Consort singt in der Schottenkirche.
  • InAlto gab venezianische Musik zum Besten.

Regensburg.Das Video der denkwürdigen „Stand by me“-Version vom Royal Wedding ist über Nacht zum Youtube-Hit geworden. Ganz so geschmeidig wie die Leiterin dort ihren Gospel Chor animiert, ist Lionel Meunier nicht. Doch wie der hochgewachsene Bass in seinem Ensemble Vox Luminis als mitsingender Ganzkörperdirigent agiert, das ist schon auch eine Schau. Für den Auftritt bei den Tagen Alter Musik in der Basilika Sankt Emmeram hatte er ein exquisites Bach-Programm zusammengestellt, in dem dessen fünf wichtigsten Motetten durch zwei Instrumentalsätze aus Kantaten gegliedert wurden.

Die Doppelchörigkeit der vier kürzeren Werke, die jeweils paarweise am Beginn und am Ende des Konzerts erklangen, kennzeichnete die belgische Formation nicht nur durch die Aufstellung – zwei jeweils vierköpfige Gruppen links und rechts –, sondern auch durch die Zuordnung von mitspielenden Streichern für den einen und Bläsern (Oboen und Fagott) für den anderen Chor. Von der Mitte des Raumes aus ergab das eine exquisite Klangmischung, die die Satzsstruktur hervorragend hörbar machte.

Prägnant, aber nie aufdringlich

Die Stimmkultur der Sänger, ihre genaue Diktion und Wendigkeit, erlaubt eine subtil vorwärts drängende, natürlich fließende Gangart. Für die Harmonik entscheidende Stimmen treten bisweilen prägnant, aber nie aufdringlich aus dem trotz der solistischen Besetzung homogenen Ensembleklang hervor – ideale Voraussetzungen also für bewegende Interpretationen dieses Schlüsselrepertoires. Besonders gelungene Momente herauszugreifen (etwa der Einstieg der Bässe bei „Alles, was Odem hat“ in „Singet dem Herrn ein neues Lied“), wird der Geschlossenheit des Gesamteindrucks kaum gerecht.

In den Instrumentalnummern entwickelte das Begleitensemble wenig Ambitionen, sich in den Vordergrund zu spielen. Jasu Moisio blies allerdings im Adagio aus dem Osteroratorium eine herrliche Oboe. Zu Recht an zentrale Stelle rückte mit der Motette „Jesu meine Freude“ Bachs Gipfelwerk der Gattung. Die kluge Beschränkung auf eine Continuo-Begleitung fokussierte das Hören auf die überragend erfüllte fünfstimmige Struktur, innerhalb derer die dreistimmigen solistischen Passagen und das traumverlorene „Gute Nacht, o Wesen“ Inseln der inneren Sammlung bildeten – herausragend.

Tags zuvor hatte InAlto (ein weiteres belgisches Ensemble) nach Venedig geladen, wobei St. Oswald als Ersatz für die Redentore-Kirche und Santa Maria della Salute diente. Den roten Faden des Programms bildete venezianische Musik, die in Gottesdiensten anlässlich der Pest von 1630 erklungen sein könnte, mit der Verehrung Mariens als Beschützerin der Stadt im Mittelpunkt.

Der Vergleich zwischen verschiedenen Vertonungen derselben Gebete (Litaneien und Salve Regina) war durchaus erhellend. Freilich ergab sich wieder einmal, dass eben Namen wie Giovanni Gabrieli und vor allem Claudio Monteverdi nicht von ungefähr diejenigen eines Giovanni Rovetta oder Alessandro Grandi überlebt haben. Die gute, aber selten mitreißende Darbietung des Vokalsextetts konnte aus den schwächeren Werken nicht durchweg Funken schlagen. Auch der etwas anämische Zusammenklang mit der von Posaunen und dem hervorragend geblasenen Zink des Leiters Lambert Colson geprägten Instrumentalgruppe trug nicht dazu bei, einen wirklich zwingenden Bogen über das um ein, zwei Nummern zu lange Programm zu spannen. Höhepunkte ergaben sich aber immer wieder durch die Qualität der Werke Monteverdis und feine solistische Leistungen, etwa bei den Sopranen inklusive Echowirkung in dessen Salve Regina (Alice Foccroulle, Perinne Devilliers) oder im Bass-Solo „Ab aeterno ordinata sum“ (Joachim Höchbauer).

Reinheit der zehn Stimmen

„Versa est in luctum cithara mea“ – „Meine Harfe hat sich in Trauer gekehrt“: So tönte es zu Beginn des Nachtkonzerts mit dem Tenebrae Consort aus der Tiefe der Schottenkirche. Die düstere Schönheit der Vertonung Alonso Lobos löste sich dadurch im weichen Nachhall auf, rätselhaft entrückt. So wirkte die Direktheit und Reinheit der zehn Stimmen umso überwältigender, als sie für die Werke Tomás Luis de Victorias (Responsorien und Lamentation zum Karsamstag sowie das Requiem) nach vorne vor den Altar traten.

Nigel Short ist das Kunststück gelungen, aus sechs Frauen und vier Männern einen Klangkörper zu formen, der die polyphonen Strukturen wie ein Organismus ausatmet. Die Übereinstimmung der Timbres wird besonders deutlich, wenn die sechs Frauen eine gregorianische Intonation im Unisono anstimmen und der Chorklang sich aufzufächern beginnt. Wie durch ein Medium scheint diese zeitlose Musik hindurchzufließen. Das bedeutet bei Tenebrae kein ehrfürchtiges Erstarren in stiller Größe. Einzelne Textpassagen des Requiems („… dass die Hölle sie nicht verschlinge …“) werden – immer im Rahmen des stilistisch Gebotenen – mit expressiver Kraft aufgeladen.

Keine Frage: Diese 70 Minuten, in denen die Zeit still zu stehen schien, werden in die Historie dieses bedeutendsten Regensburger Kulturfestivals eingehen.

Weitere Artikel der Kulturredaktion lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht