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Kultur
Montag, 18. Juni 2018 26° 2

Konzert

Düstere Songs voll Zerbrechlichkeit

Cherilyn MacNeil stellte in der Alten Mälze Songs aus ihrem neuen Album vor. Den Text der Zugabe vergaß sie.
Von Michael Scheiner, MZ

Cherilyn MacNeil hat eine einprägsame Stimme. Foto: Scheiner
Cherilyn MacNeil hat eine einprägsame Stimme. Foto: Scheiner

Regensburg.„Sorry“, kichert Cherilyn MacNeil auf der Bühne halb belustigt, halb selbst ungläubig, sie habe die erste Zeile des Songs vergessen. Die Musikerin, Sängerin und Komponistin von Dear Reader klampfte mehrmals die Akkordfolgen, mit denen das Lied von Joni Mitchell beginnt. Es ist die letzte von mehreren Zugaben, mit denen sich die Band bei ihrem Gig in der Alten Mälzerei in Regensburg von einem hellauf begeisterten Publikum verabschiedet. Beim dritten oder vierten Anlauf auf der akustischen Gitarre schließlich lachte MacNeil erleichtert auf: „I got it!“ – und sang mit ihrer markanten Stimme „Both Sides Now“ ihrer Lieblings-Singer-Songwriterin.

Die Verehrung für die große kanadische Musikerin bricht sich immer wieder – oft ein wenig versteckt – in Songs von MacNeil Bahn. Vor allem wenn sie selbst zur akustischen Gitarre greift, klingt das häufig an. Überwiegend allerdings stand sie während des Konzertes hinter dem Keyboard und nutzte zwei Mikrofone zum Singen. Eines für die Solostimme und das andere, mit einem dunkleren, weicheren Klangbild, wenn sie mit den Bandmitgliedern zusammen im Chor gesungen hat.

Songs sind von Texten dominiert

Das kam immer wieder vor, denn trotz ausgefeilter und manchmal artifiziell schräger Arrangements, sind die Songs dominiert von den Texten und dem Gesang. Bei ihrem ersten Auftritt vor drei Jahren hat die in Berlin lebende Frontfrau das Album „Rivonia“ vorgestellt. Aus diesem hatte sie diesmal den pathetischen Mini-Hit „Down Under, Mining“ und das sozialkritische „City of Gold“ in leicht variierten Fassungen mit im Programm.

Den Einstieg machte sie diesmal allerdings mit dem ersten Song des neuen Albums „Day Fever“ (Hysterie), das im Frühjahr erschienen ist. „Oh, The Sky“ beginnt mit einer mehrstimmigen, vokalen Einlage aus Leadstimme und vokalen Lauten. Da hinein platzte ein verstörend grelles „Ping“ vom Keyboard, das sich wie der Ton einer Überwachungsmaschine im Zimmer eines schwerkranken Patienten anhört. Mit einem starren, aber kräftigen Groove begann das Schlagzeug einen beunruhigenden Akzent zu setzen, der ebenso unerwartet wieder abbrach wie die Stimmen. Es ist eine etwas düstere, deprimierende Stimmung, die der Song vermittelt. Diese herrscht auch in anderen Songs, wie dem trauernden Rückblick „(‚Cos you know me) Then, Not Now“, vor, in welchem MacNeil mit kritischer Distanz eine verflossene Liebe besingt.

Mehr über Dear Reader können Sie hier lesen:

Ein Indiepop-Projekt aus Südafrika

  • Dear Reader

    ist ein Indiepop-Projekt aus Südafrika. Nach dem Umzug nach Berlin 2010 hat die eine Hälfte des ursprünglichen Duos, die Musikerin Cherilyn MacNeil, alleine weitergemacht und inzwischen mehrere Alben mit fast ausschließlich eigenen Songs vorgelegt.

  • Unter den Veröffentlichungen

    befindet sich auch ein Livealbum mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg.

  • In diesem Frühjahr

    ist das Album „Day Fever“ bei City Slang erschienen, wo Dear Reader seit einigen Jahren unter Vertrag steht.

  • Aufgenommen wurde

    das bislang fünfte Album in Kalifornien, in San Francisco, mit dem Produzenten John Vanderslice, der bereits „Death Cab For Cutie“, „Nada Surf“ und „Two Gallants“ produziert hat. (mic)

Schwebend und geheimnisvoll

Musikalisch sind diese zarten und zugleich kantigen Popperlen dagegen keineswegs schwer oder gar niederdrückend. Im Gegenteil wirken die kargen, reduzierten Arrangements oft leicht, schwebend und geheimnisvoll. So als spiele das, was in den poetisch-elegischen Texten ausgedrückt wird, wie in einem leichten Nebel – unwirklich bis zu einem gewissen Grad. Dann aber wieder erschreckend nah, wenn die Singer-Songwriterin mit ihrer einprägsamen und hohen Stimme vom Kind singt, das in ihr sitzt und sein Verlangen verzweifelt nach außen schreit – „Tie Me To The Ground“.

Die gläserne Zerbrechlichkeit des Songs gewinnt in ihrem Gesang eine Wucht, die fast den Atem stocken lässt. Das überwiegend junge und weibliche Publikum saugt diese ambivalenten Stimmungen begeistert auf. Darin kommt auch etwas vom (süd-)afrikanischen Erbe der gebürtigen Johannisburgerin zum Vorschein. In Popsongs im südlichen Afrika werden ernste Themen häufig mit einer rhythmisch beschwingten Leichtigkeit verknüpft, die wie ein Tanz daherkommt.

MacNeil nutzt dieses Erbe in den Tiefenschichten ihrer Songs, die vordergründig deutlich stärker im aktuellen Popgeschehen angesiedelt sind. Ihren manchmal verstörend schönen Melodien verpasst sie oft kantige Rhythmen, von der russischen Drummerin Olga Nosova mit Verve und klanglichen Finessen hervorragend umgesetzt. Melodische und klangliche Akzente setzten die New Yorkerin Evelyn Saylor am Keyboard und auf der Mandoline und der androgyne Bassist Stellan Veloce auf einem elektronischen Cello. Alle drei Bandmitglieder sangen zudem a capella und als Background die jeweiligen Refrains.

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