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Literatur

Eckhard Henscheid entlarvt die Idylle

Der Amberger Schriftsteller liest bei Atlantis in Regensburg – und decouvriert Zeitgenossen, die sich zu wichtig nehmen.
Von Florian Sendtner, MZ

Bei der Lesung zum 75. Geburtstag: Eckhard Henscheid am Samstagabend in der Buchhandlung Atlantis – Strauß rezitierend
Bei der Lesung zum 75. Geburtstag: Eckhard Henscheid am Samstagabend in der Buchhandlung Atlantis – Strauß rezitierend Foto: Sendtner

Regensburg.Was für ein Elefantengedächtnis! Und das in einem Alter, in dem andere zunehmend Schwierigkeiten mit ihrer Erinnerung haben! Nein, Eckhard Henscheid hat bei der Lesung zu seinem 75. Geburtstag in der Buchhandlung Atlantis nicht die Aufstellung der Fußballnationalmannschaft von 1954 fehlerfrei vorgetragen (was er sonst gern macht). Aber dafür rezitierte er aus dem Gedächtnis einen Artikel, den Eberhard Woll, sein Volontärskollege bei der MZ, 1969 schrieb. Und der Henscheid ob seiner syntaktisch-stilistischen Verstiegenheit schon damals elektrisierte.

Zwischen zwei Buchdeckeln verewigt wurde der Text 2013 in Henscheids „Denkwürdigkeiten“. Er handelt vom türkischen Vizegouverneur G. Toprak, der seinerzeit in Regensburg Deutsch lernte, und zwar so erfolgreich, dass der junge Volontär Woll (der sich selbst als „Chronist“ bezeichnet) sprachlich schier in Ekstase verfällt: „Der Chronist priese sich glücklich, wenn er des Türkischen sich in ähnlich kurzer Zeit ähnlich mächtig erwiese wie sich des Deutschen Toprak.“ Henscheid: „Nach diesen Adlerflügen inmitten des täglich-üblichen Provinzzeitungsworthühnerhaufens wäre eigentlich ein Pulitzer-Preis fällig gewesen.“

In winzigen Details wird das Unheil sichtbar

Die erste Hälfte der Lesung bestreitet der Amberger Schriftsteller mit seiner Idylle „Maria Schnee“. Der 1988 erschienene Roman hebt an in einer geradezu heimtückisch zu nennenden Belanglosigkeit. Stillstand, Langeweile scheinen die Situation zu beherrschen, als Hermann, der Held, die Pensionsgaststätte Hubmeier betritt: „Für einen kleinen Augenblick verschwand das Sonnenlicht, dann war es wieder da.“ Eine „gelbe, eine rötlichblonde“ Katze „wälzelt“ sich in einem Vorgarten „im fast kniehohen Grase“, eine schlafende Oma und ein Spitz bevölkern die Szenerie. Und doch wird an winzigen Details erkennbar, dass sich hier einiges zusammenbraut. Ein seltsamer Mann im blauen Kittel („der Blaue“) stellt Hermann komische Fragen und bringt ihn mit seiner Penetranz in Bedrängnis.

Gerhard Polt, ein Geistesverwandter

Vorläufiger Höhepunkt des an der Romantik geschulten kafkaesken Romans: Hermann wird von Frl. Anni das Gästezimmer gezeigt, in dem er übernachten kann. Die Kammer, erfährt Hermann zu seinem Entsetzen, sei in den letzten Monaten nacheinander von zwei Dauermietern bewohnt gewesen, die beide in eben diesem Zimmer gestorben seien. Vom vorletzten, einem Steuerberater, seien noch seine vielen Bücher im Schrank, die man nach seinem Tode gefunden habe: „Da habe man die Bescherung gehabt.“ Frl. Annis Räsonieren gipfelt in dem Befund, der Mann sei „überstudiert“ gewesen – und habe, so kann man sich dazudenken, wohl deshalb den Tod gefunden: „Auch ihr Bruder lese fast zuviel. Alle seien heute überstudiert, alle überstudiert, rief Frl. Anni heftig, vorwurfsvoll, fast schon in Wut auf Hermann hin.“

In Frl. Anni könnte man direkt eine Geistesverwandte von Gerhard Polts gleichnamiger Figur sehen. Nicht von ungefähr haben Henscheid und Polt bereits vor zehn Jahren ein gemeinschaftliches Hörbuch herausgebracht („Geht in Ordnung – sowieso – ja mei“).

Sehenswerte Petitessen

  • Die Buchhandlung Atlantis:

    Atlantis ist Eckhard Henscheid besonders verpflichtet. Sie nimmt den 75. Geburtstag des Schriftstellers zum Anlass, ihn besonders zu würdigen: mit der Lesung am Samstagabend sowie einer Ausstellung.

  • Die Ausstellung:

    Die Schau zeigt vor allem das breite Spektrum von Henscheids feuilletonistischen Arbeiten, eingebettet in einen Überblick seines gesamten literarischen Schaffens. Neben vielen interessanten Petitessen und Kuriosa aus Henscheids Leben gibt es außerdem Material zur Arbeitsweise des Autors und zu seinem engen Verhältnis zu Musik und Malerei zu sehen. Die Ausstellung ist bis zum 8. Oktober geöffnet: jeweils Mittwoch und Samstags von 11 bis 16 Uhr, in der Buchhandlung Atlantis, Wahlenstraße.

Gastgeber Buchhändler Alfred Strohmaier, der Henscheid auch mit einer ebenso umfangreichen wie vorzüglichen Ausstellung in den Räumen seiner Buchhandlung Atlantis ehrt, rühmte den Jubilar zu Beginn der Lesung als „jemanden, der die Demokratie ernst nimmt“, als „kritischen“, ja „radikalen Demokraten“.

Henscheid bestätigt diese Attribute, indem er zum Finale gescheiterte Romananfänge vorträgt, die teils bereits im zweiten Satz Schiffbruch erleiden. Da durchfährt Franz Josef Strauß die plötzliche Erkenntnis, dass alle die ihn umschwänzelnden Parteifreunde entweder auf „-er“ (Tandler, Stoiber, Huber), oder auf „-el“ (Goppel, Streibl, Waigel) enden. Woraus, so Straußens Geistesblitz, ja schon unumstößlich seine Einzigartigkeit und Genialität ersichtlich sei.

Wie hieß er gleich? Seethaler?

Nach diesem kraftvollen, ja paukenschlagartigen Romananfang bricht der (alte) Text leider ab. Henscheid fügt hinzu: Diese Eigentümlichkeit der Namensendungen setze sich ja bis heute fort, siehe Söder, Scheuer, See- – Henscheid bricht ab. Der Name des Staats- und Parteichefs will ihm nicht über die Lippen, ja anscheinend nicht einmal in den Sinn. „See-?“ blickt er fragend ins Publikum. „See-thaler?“ Erst auf Zuruf erinnert er sich an den richtigen Namen. Die Wortfindungsstörung eines 75-Jährigen? Achwo! Gut gespielt! Die wahre Botschaft ist: Da macht sich einer pausenlos wichtig, der gar nicht der Rede wert ist.

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