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Literatur

Ein Blick in die Bonner Republik

Brigitte Glaser macht in „Rheinblick“ Kanzler Willy Brandt zur heimlichen Hauptfigur – auch wenn der nicht sprechen kann.
Von Ruppert Mayr

Willy Brandt wurde 1969 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Foto: picture alliance / dpa
Willy Brandt wurde 1969 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Foto: picture alliance / dpa

Berlin.Wie schreibt man einen Roman? Nein, nicht indem man einfach drauflos schreibt, was einem gerade im Kopf herumschwebt. Vielmehr bedarf es zuvor einer intensiven Recherche, man kann fast sagen, wie bei einer akribischen wissenschaftlichen Arbeit. Dies hat jetzt Brigitte Glaser mit ihrem neuen Roman „Rheinblick“ vorgemacht. „Zum Schluss“ erläutert sie, ungewöhnlich für die Zunft, warum sie sich gerade das Jahr 1972 als Zeitraum ihrer Erzählung ausgesucht hat und wem sie für zahlreiche Informationen zu danken hat.

„Willy Brandt war für mich der prägende Kanzler. Der Kanzler, der im Widerstand gegen die Nazis stand, der erste Kanzler, der einen demokratischen Führungsstil praktizierte“ und schließlich „der Kanzler, der so wichtige Reformen im Bereich Bildung und Recht umsetzte, die besonders den Jungen, auch mir, zugute kamen“. Es sei ihr „ein großes Anliegen und eine Freude“ gewesen, „in „Rheinblick“ Willy Brandt und die Aufbruchstimmung nach 1968 in den Mittelpunkt meiner Geschichte zu rücken“.

Nie um eine Parole verlegen

Alt-Bonner und Studenten, die in den 1970er Jahren in Bonn studiert haben, erinnern sich gut. Eine WG in der Dorotheen- oder Breitestraße, Stau am Bertha-von-Suttner-Platz, weil drum herum ständig gebaut wurde, um dem Hauptstadt-Provisorium endlich auch ein bisschen Haupt- und Weltstadtflair zu verpassen. Das Koblenzer Tor. Die sogenannte Diplomatenrennstrecke B9. Die Songs und Lieder der Zeit und die Sprüche der Zeit.

Da ist Kurt, nie um einen revolutionären Marxismusspruch verlegen. Glaser legt ihm mit einem wohlwollenden Augenzwinkern die alt-linken Parolen in den Mund – „Solidarität mit den Werktätigen“ und so. Aber im Grunde kocht Kurt gerne und ist eigentlich die Seele der WG, das linke Pendant eben zum konservativen Spießer. Als Lotti, die junge Journalistin und Bekannte aus seiner Heimat in der Nähe von Offenburg auftaucht und ihn wie früher – ein bisschen entlarvend – mit „Zwuggele“ (kleiner, gedrungener Mensch) begrüßt, stellt er klar: „Zwuggele ist passé, hörst du? Hier in Bonn nennen mich alle Kurt.“

Der stumme Kanzler

Da ist auch Max, der Taxi fahrende Student und Spross eines hochgestellten Beamten aus dem Finanzministerium, der immer klamm ist. Und da ist die Logopädin Sonja, die vor ihrem prügelnden Vater aus Köln in die Bonner WG geflüchtet ist. Sonja soll Brandt nach einer Stimmbandoperation wieder zum Sprechen verhelfen.

Brandt, der gerade einen glänzenden Wahlsieg für die Sozialdemokraten hingelegt hat, muss sich der OP unterziehen, und ist damit in den Koalitionsverhandlungen stark gehandicapt. Er versucht, schriftlich darauf Einfluss zu nehmen. Ob Willy Brandt damals logopädisch behandelt worden sei, wisse man nicht, sagt Glaser. „Diese Leerstelle verschaffte mir die Möglichkeit, die junge Logopädin Sonja Engel in die Nähe des stummen Kanzlers zu rücken und ihn so durch Krankheit und Krise zu begleiten.“

Ebenfalls erfunden ist Hilde Kessel und ihr „Rheinblick“. „Bei Hilde habe ich mich von Ria Maternus, der legendären Wirtin des Weinhauses ,Maternus‘ in Bad Godesberg inspirieren lassen, bei der alles verkehrte, was in Bonn Rang und Namen hatte.“ Und Hilde kennt deshalb den Politbetrieb wie kaum eine andere.

Nicht nur für Alt-Bonner, Alt-Bonner Beamte und Politiker oder Alt-Bonner Studenten ist das Buch sehr lesenswert. Es gibt jedem Interessierten einen wunderbaren Einblick in die Bonner Republik. Und ein bisschen Krimi ist auch noch dabei. In dem vorherigen Roman Glasers „Bühlerhöhe“ habe der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) die „heimliche Hauptrolle“ gespielt, 20 Jahre später Willy Brandt. Und wer kommt jetzt, wieder 20 Jahre später: der Einheitskanzler Kohl? Oder macht Glaser einen größeren Sprung: Gerhard Schröder, der Hartz IV-Kanzler, oder die erste Kanzlerin Angela Merkel.

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Besonderer Erzählstil

  • Versatzstücke:

    Das Buch spielt vom Samstag, 18. November 1972, bis Montag, 4. Dezember 1972. Es ist geschrieben, als ob Tagebuchversatzstücke der handelnden Personen durcheinandergewürfelt worden wären.

  • Service:

    Die Form der Erzählung verleiht der Geschichte eine ordentliche Portion Spannung. Brigitte Glasers (Foto: Kalaene/dpa) Buch „Rheinblick“ ist im Ullstein-Verlag (ISBN 978-3-4713-5180-2, 432 Seiten) erschienen.

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