MyMz

Schauspiel

Ein Blick in die dunklen Ecken

Im Theater am Haidplatz feierte die deutschsprachige Erstaufführung von „Wish List“ Premiere. Sie ist rundum gelungen.
Von Michael Scheiner

„Wish List“ nimmt die Arbeitsverhältnisse im Neoliberalismus und deren Auswirkungen auf die Menschen aufs Korn. Foto: Marion Bührle
„Wish List“ nimmt die Arbeitsverhältnisse im Neoliberalismus und deren Auswirkungen auf die Menschen aufs Korn. Foto: Marion Bührle

Regensburg.Ob sie daran denke, woher „ihr T-Shirt kommt und wie viel das Kind daran verdient?“ Es ist eine gehässige Frage, die der Teamleiter (Gero Nievelstein) der Packerin Tamsin (Inga Behring) stellt. Denn die strampelt sich in ihrem prekären Job redlich ab. Dennoch erreicht sie nie die Norm, die ihr der Teamleiter vorgibt und nach Laune munter erhöht. Zwei Punkte von maximal dreien, bevor sie gefeuert wird, hat die junge Frau bereits kassiert. Weil sie zu lange auf der Toilette war, nicht die zu ihrem Arbeitsplatz nächstgelegene Toilette benutzt hat oder der Computer fünf Minuten ohne Aktivität registriert hat.

Es ist nicht nur eine boshafte Frage, mit welcher der Teamleiter Tamsins Argumente wegwischen und sie bloßstellen will. Sie ist auch hinterhältig. Indem er die junge Arbeiterin, auf die er ein Auge geworfen hat, in die Hierarchie einer globalen Ökonomie einbindet, rechtfertigt er die miserablen Bedingungen unter seiner Kontrolle. Durch den Kauf eines Billigshirts würde sie die Rechte anderer, eines Kindes gar, nach gerechtem Lohn und anständigen Arbeitsbedingungen verletzen. Und er dreht die Schraube noch eine Windung weiter. In einer (alb-)traumartigen Showszene, in welcher sich Tamsin rechtfertigen muss, fängt der Unter-Manager auch noch zu jammern an. Er würde nur die Vorgaben „von oben“ befolgen, müsse so handeln. Zudem habe er eine pubertierende Tochter mit Ansprüchen. „Die da oben interessieren sich nicht für Sie“, lautet sein Fazit, ohne dass er sich mit seinen Teammitarbeitern solidarisiert.

In der Zwickmühle

Zu denen gehört auch Luke (Murat Dikenci), der schon länger bei dem, Amazon nachempfundenen, Onlinehändler arbeitet. Er verliebt sich in seine neue Kollegin. Die zwei kommen sich näher, der erste zarte Kuss weckt wirre Gefühle. Luke versucht Tamsin zu überreden die abgebrochene Schule wieder aufzunehmen und in Teilzeitkursen das College zu besuchen. Doch Tamsin bremst. Ihr psychisch kranker Bruder Dean (Kristof Gellén), wegen dem sie nach dem Tod ihrer Mutter den Job angenommen hat, ist fälschlicherweise vom Arbeitsamt für gesund erklärt, seine Unterstützung gestrichen worden. Sie steckt in einer Zwickmühle und muss weiter im Sekundentakt Pakete packen. Andere prekär Arbeitende liefern diese an Kunden aus, die sich keinen Deut darum zu scheren scheinen, unter welchen Bedingungen die günstigen Preise ihres Onlinehändlers zustande kommen.

Das Team und die Insznierung

  • Bühne:

    Für die smarte, sehr gelungene Bühnenausstattung zeichnet Emanuel Schulze verantwortlich, unterstützt von Lena Scheerer. Die Lichtregie führt Wanja Ostrower; die Dramaturgie verantwortet Nadine Wiedemann. Die Musik hat Cico Beck geschrieben.

  • Termine:

    Die nächsten Vorstellungen von „Wish List“ sind heute und am 13., 15. und 16. Februar. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.

„Wish List“ der jungen englischen Autorin Katherine Soper wurde 2016 in London uraufgeführt. Im Theater am Haidplatz erlebte es eine kräftig bejubelte, deutschsprachige Erstaufführung, inszeniert von Oliver D. Endreß. Am berechtigten Erfolg hatten die vier durchweg überzeugenden Schauspieler ebenso ihren Anteil wie die eigens kreierte Musik und die so treffliche Bühne. Auf einer Drehscheibe montiert, erschließt sich das Thema von zwei Seiten. Während in der beengten Wohnung der halb nackte Dean seine Ängste und Störungen durch ritualisierte Handlungen und Wiederholungen zu bändigen versucht, kämpft auf der anderen, knallgelben Seite Tamsin mit maschinenhaften Abläufen gegen die unmenschlichen Zeit- und Stückvorgaben. Ähnliches hat Charlie Chaplin 1936 mit seinem letzten Stummfilm „Modern Times“ parodiert.

Zwänge und Unsicherheiten

„Wish List“ wirft einen aufschlussreichen Blick in die dunklen Ecken unserer globalisierten Ökonomie. Es nimmt die Arbeitsverhältnisse im Neoliberalismus und deren Auswirkungen auf die Menschen aufs Korn, ohne dabei mit erhobenem pädagogischen Zeigefinger umherzulaufen. Diesem Fallstrick ist Endreß souverän und mit wachem Auge für menschliche Schwächen und Stärken aus dem Weg gegangen. In der eher pragmatischen Darstellung der Verhältnisse und einer sehr genauen, lebensnahen Zeichnung der Beziehungen der Figuren zueinander zeigen sich die Zwänge und Unsicherheiten modernen Lebens mit emotionaler Kraft. Das ist manchmal anrührend, lässt aber auch hilflose Wut hochkommen. Cico Becks an Stimmungen und repetitiven Soundeffekten orientierte, latent düstere Musik unterstreicht diese differenzierte Darstellung unerbittlich.

Weitere Artikel aus dem Ressort Kultur lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht