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Ein düsterer Blick auf die Welt

Anthony Burgess, der Autor von „A Clockwork Orange“, fantasierte den Zustand der Gesellschaft pessimistisch weiter.
Von Helmut Hein, MZ

  • Anthony Burgess im Jahr 1989: Gegen Ende seines Lebens begann er, sein populärstes Werk „Clockwork Orange“ zu hassen, weil er zunehmend auf dieses eine Buch reduziert wurde. Foto: Ulf Andersen/Getty Images
  • Malcolm McDowell in der Rolle als Alex in „A Clockwork Orange“, 1970 von Stanley Kubrick verfilmt: Das Buch wurde der größte Erfolg von Anthony Burgess. Foto: WDR

Regensburg.Anthony Burgess war von Anfang an ein Außenseiter, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht: Er wurde als Katholik in das fremde Staatskirchen-England der grauenhaften Schlussphase des Ersten Weltkriegs geboren. Seine Mutter und seine Schwester starben ein Jahr darauf an der Spanischen Grippe. Der Junge wurde notdürftig bei einer Tante untergebracht und kam erst als Fünfjähriger wieder zu seinem Vater, der sich inzwischen wiederverheiratet hatte. Der kleine Burgess fühlte sich wie ein Stiefkind, das keiner wollte und das immer nur störte. Sein Fluchtpunkt, sein uneinnehmbares Exil wurden die Literatur und die Sprachen.

Burgess, der eigentlich gegen den Willen seines Vaters Komponist werden wollte – Auslöser war seine frühe Begeisterung für das Thema von Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ – führte schließlich als Lehrer das nicht untypische Leben eines britischen Beamten der späten Kolonial-Ära. Das heißt, er kam viel herum, lebte und arbeitete unter anderem in Gibraltar, im damaligen Malaya und in Brunei, und er sprach viele Sprachen, was für seine spätere Karriere noch wichtig werden sollte: deutsch, französisch, italienisch, aber auch walisisch oder malayisch.

Er erfand einen ganz eigenen Slang

Als 1959 bei ihm, fälschlicherweise, ein Hirntumor diagnostiziert wurde, kehrte er nach England zurück und beschloss, nur noch zu schreiben. Sein Vorbild wurde James Joyce. Kein Wunder: Auch Joyce war von Sprachen besessen, eignete sich viele an und erfand neue. Seine Prosa ist eine Mixtur diversester Idiome. „Finnegans Wake“ gilt deshalb nicht nur als unübersetz-, sondern auch als unlesbar.

Anthony Burgess hatte sorgfältig gelesen, genau hingehört – mit Folgen. Einerseits verfasste er eine Einführung in Joyces Werk mit dem etwas irreführenden Untertitel-Vermerk „für den einfachen Leser“. Andererseits schrieb er das Buch, das ihn reich und berühmt machen sollte: „A Clockwork Orange“, eine radikale Dystopie, die nicht zuletzt von dem ganz eigenen Slang lebt, den er für seine jugendlichen Protagonisten entwarf.

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Dystopie? Ja, so nennt man die Utopien, die nicht mehr zukunftsfroh eine neue Welt entwerfen, sondern mit äußerstem Pessimismus die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft weiterfantasieren. Das 20. Jahrhundert war ein Zeitalter der Dystopien, man denke nur an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Und zumindest einer dieser düsteren Zukunftsentwürfe, George Orwells „1984“, landete jüngst, als sei er für den Tag geschrieben, auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Trump sei Dank! Der ist ja auch ein Meister von „Neusprech“ und „Doppeldenk“, auch wenn er seine „fake news“ einstweilen noch nicht vom „Ministerium der Wahrheit“ verbreiten lässt.

Haltlose, sexbesessene Jungs

Und Anthony Burgess? Der spitzte in gewisser Weise George Orwells Ängste noch zu, gerade weil er sie mitten im Alltag einer verkommenen Mittelstandsgesellschaft situierte. Alex und seine Jungs lieben zwar den großen Ludwig van, also Beethoven, sind aber ansonsten vollkommen halt- und orientierungslos und streifen gewalt- und sexsüchtig durch die Mega-Städte, die in jeder Hinsicht bröckeln. Wer dieses vitalistische Wüten sieht (Burgess’ Roman wurde ja noch bekannter durch die Verfilmung Stanley Kubricks), das zunächst mit einer aggressiv-euphorischen Zustimmung rechnen kann, der würde vielleicht nicht sofort vermuten, worum es Burgess ging: um eine Reflexion über Freiheit und Moral. Bereits Dostojewski hatte ja dekretiert, dass, wenn es keinen Gott gebe, alles erlaubt sei – und der Erz-Katholik Burgess versucht, gründlich säkulare Schlussfolgerungen aus Dostojewskis Einsichten zu ziehen.

Wenn man „A Clockwork Orange“ liest, dann sind es sehr düstere Einsichten – und sie sind heute aktueller denn je. Denn der Täter Alex, der im Gefängnis umerzogen und resozialisiert werden soll, wird auf eine willensfreiheitslose Reiz-Reaktions-Maschine reduziert. Die Bekämpfung der explosiven Gewalt der Jugendbanden führt zu einer neuen, fast noch böseren strukturellen Gewalt der genauso überforderten wie subtil sadistischen staatlichen Institutionen und ihrer Funktionäre.

Anthony Burgess hat übrigens gegen Ende seines Lebens das Buch gehasst, das ihm Ruhm und ein sorgenfreies Leben verschaffte. Und zwar, weil er, der überaus produktive Schriftsteller, zunehmend auf dieses eine Werk reduziert wurde.

Meister des „Ein-Hand-Klatschens“

Die Themen auch seiner anderen Bücher waren, wie bei seinen katholischen Schriftstellerkollegen, die die englische Literatur des 20. Jahrhunderts prägten (Graham Greene, Somerset Maugham, Gilbert Keith Chersterton), Schuld und Sühne. Dabei war der Blick bei ihnen nie bigott. Burgess schrieb über seine kolonialen Erfahrungen und er schrieb aus der Sicht eines katholischen homosexuellen Autors (das Vorbild war William Somerset Maugham). Er schrieb über Terror und Selbstzerstörung im 20. Jahrhundert („Der Fürst der Phantome“), aber auch über autobiografisch grundierte Ehebruchserfahrungen („Beard’s Roman Woman“) und er verfasste einen experimentellen Roman wie „Napoleon Symphony“.

Gegen Ende seines Lebens lehrte Anthony Burgess, mittlerweile berühmt, an amerikanischen Elite-Universitäten und verfasste Bücher über Schriftsteller, die er schätzte: neben Joyce auch Hemingway, Shakespeare und D.H. Lawrence.

„Ein-Hand-Klatschen“ lautet der Titel eines frühen Romans. Er charakterisiert sehr gut das düster-ironische Selbst- und Weltverhältnis von Anthony Burgess.

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