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Kultur
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Roman

Ein Erdling spricht mit einem Marsianer

Abbas Khider schildert brillant das Fremdsein in Deutschland. Am 8. März liest er in Regensburg aus „Ohrfeige“.
Von Florian Sendtner, MZ

Abbas Khider, vor 20 Jahren aus dem Irak geflohen, heute Schriftsteller in Berlin: Am 8. März liest er in Regensburg aus „Ohrfeige“. Foto: dpa

Regensburg.Es gibt diese Karikatur: Ein Ozeandampfer stößt auf ein mit Flüchtlingen vollgepfropftes Schlauchboot. Von der Reling des Luxusdampfers herab fragt der Kapitän: „Where are you from?“ Vom Schlauchboot kommt als Antwort das einzige Wort: „Earth“. Das Argument ist ebenso schlicht wie schlagend – dass der Erdball längst zu klein geworden ist, als dass man sagen könnte: die Not in einem drei Flugstunden entfernten Land geht mich nichts an.

Und doch ist diese Karikatur zu geozentrisch gedacht, sie lässt die anderen Planeten außer Acht, wie der Schriftsteller Abbas Khider in seinem soeben erschienenen Roman „Ohrfeige“ gleich auf der zweiten Seite vor Augen führt. Ein irakischer Flüchtling sitzt da seiner Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde gegenüber und will sich mit ihr unterhalten. Doch er stellt fest, dass hier buchstäblich zwei Welten aufeinanderprallen: „Ein Erdling spricht gerade mit einem Marsianer.“

Eine 220 Seiten lange Wutrede

Die Ohrfeige, die dem Roman den Titel gibt, ist zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. Frau Schulz hat sie einstecken müssen, die Marsbewohnerin und Sachbearbeiterin, die sich normalerweise „hinter ihrem Schreibtisch verschanzt, den Flachbildschirm wie einen Schild vor ihrem Gesicht und den Oberkörper geschützt durch Aktenberge“. Doch jetzt sitzt sie gefesselt auf ihrem Drehstuhl und muss sich den 220 Seiten langen Monolog dieses Erdlings und Flüchtlings anhören. Karim Mensy heißt er, und er erzählt seiner unfreiwilligen Zuhörerin sein ganzes Leben: seine gut vorbereitete Flucht aus dem unerträglichen Bagdad, seine ungeplante Ankunft in Dachau (statt in Paris), seine Festnahme, seine Internierung in Zirndorf. Und natürlich seine Bekanntschaft mit der deutschen Polizei und dem deutschen Winter, zwei Naturgewalten, die sich an eiskalter Unerbittlichkeit gegenseitig übertreffen. Karim Mensy steckt fest im deutschen Bürokratenpackeis.

Abbas Khider in Regensburg

  • Der Autor:

    Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Nach Haft und Folter floh er 1996 aus dem Irak und schlug sich als illegaler Flüchtling durch, bis er 2000 in Deutschland Asyl erhielt. Hier studierte er Philosophie und Literatur in Potsdam und München. Abbas Khider lebt in Berlin.

  • Die Lesung:

    Abbas Khider liest aus „Ohrfeige“ am Dienstag (8. März, 20 Uhr) in der Buchhandlung Dombrowsky in Regensburg. Die Romane, die von ihm erschienen sind: „Der falsche Inder“ (2008), „Die Orangen des Präsidenten“ (2011), „Brief in die Auberginenrepublik“ (2013), „Ohrfeige“ (2016, Carl Hanser Verlag, 224 Seiten, 19,90 Euro)

Abbas Khider weiß, wovon er schreibt. Der 43-Jährige ist selbst vor 20 Jahren aus dem Irak geflohen, schlug sich jahrelang als Illegaler durch, bevor er 2000 in Deutschland Asyl erhielt. „Ohrfeige“ ist sein vierter, und es besteht nicht der geringste Zweifel, dass dieser furiose Monolog, der alttestamentarische Wucht und brillanten Witz in sich vereint, noch in Jahrzehnten Bestand haben wird.

Günter Grass ist tot, Martin Walser ist mit seinem Alter Ego beschäftigt, doch Abbas Khider hat den Roman zum alles beherrschenden Thema der Zeit geschrieben, ihm ist der Einbruch der Wirklichkeit in den Roman gelungen.

Alles erfunden? Das ist eine Lüge

Khiders „Ohrfeige“ ist das poetische Pendant zu Navid Kermanis zeitgleich erschienener Reportage von der „Balkanroute“ mit dem Titel „Einbruch der Wirklichkeit“. Die Formel „Alle Personen, Ereignisse und Orte in diesem Roman sind frei erfunden“, die auch der „Ohrfeige“ voransteht, ist eine glatte Lüge. Praktisch jede Szene dieses Romans spielt sich in jedem Moment im Deutschland des Jahres 2016 genau so ab. Historiker des 22. und 23. Jahrhunderts werden zur Beschreibung des beginnenden 21. Jahrhunderts die Erhebungen des Statistischen Bundesamts bemühen – und Khiders „Ohrfeige“ als literarisch authentische Quelle zum Thema Flüchtlinge.

Lesen Sie mehr über den Literarischen Frühling bei Dombrowsky: hier

Literaturgeschichtlich knüpft Khiders fulminanter Roman an „Transit“ (1944) von Anna Seghers an, den Klassiker der deutschen Exilliteratur, nicht nur wegen der dialogisch-monologischen Erzählweise (in beiden Fällen bleibt das Gegenüber stumm). Doch schon „Transit“ ist bei deutschen Politikern der Gegenwart völlig unbekannt, sonst würden sie nicht auf die wahrlich romanhafte Idee verfallen, Internierungslager ausgerechnet als „Transitzonen“ kaschieren zu wollen. Denn wenn jemand die Katastrophe des (damals deutschen) Flüchtlingsdaseins zeitlos gültig literarisch verarbeitet hat, dann Seghers in „Transit“.

„Ohrfeige“ werden die Seehofers und ihre Anhänger freilich genauso wenig in die Hand nehmen. Denn nach 50 Seiten wäre ihre ach so sichere Antiflüchtlings-Position pulverisiert.

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