MyMz

Festival

Ein Heimspiel für große Filmkunst

In Regensburg sind Kino-Perlen abseits des Mainstreams zu entdecken. Zum Festival reisen Ulrich Seidl und Klaus Lemke an.
Von Fred Filkorn, MZ

  • Karl Glusman und Aomi Muyock in „Love“: Der Film des subversiven Kino-Grenzgängers Gasper Noé ist im Garbo zu sehen. Foto: Alamode Film
  • Eine Szene aus „Paradies: Hoffnung“ von Ulrich Seidl Foto: Ulrich Seidl Film Production
  • Regisseur Ulrich Seidl ist während des Heimspiel-Festivals zu Gast in Regensburg. Foto: Ulrich Seidl Film Production
  • Ein expressionistischer Gruselklassiker: „Das Cabinet des Dr. Caligari“ wird im Ostentor-Kino vom Trio Elf live vertont. Foto: Heimspiel

Regensburg. „Innovativ, progressiv, Meisterwerk, so noch nie dagewesen“: Vielversprechende Vokabeln kündigen die siebte Auflage des Heimspiel-Filmfests an. Vom 19. bis 25. November zeigen Regensburger Programmkinos wieder die Highlights des zu Ende gehenden Kinojahres. Die sechs Kinoenthusiasten des Sichtungsteams nahmen weite Wege auf sich, um in Berlin, München und Hof interessante neue Streifen und aktuelle Tendenzen im nationalen wie internationalen Filmgeschehen ausfindig zu machen.

„Der Trend geht ganz klar zum politischen Film“, erklärt Pressefrau Christina Grundl. Wie andere des vierköpfigen Kernteams unter der Leitung des Regensburger Medienwissenschaftlers Sascha Keilholz ist auch sie im Laufe der vergangenen sieben Jahre ins Festival hineingewachsen. Zusammen mit einer jährlich wechselnden Studierendengruppe der Uni Regensburg erarbeitet das Team ein so anspruchsvolles wie unterhaltsames Programm, das im Freistaat seinesgleichen sucht.

Klaus Lemke reist nach Regensburg

Banken, Griechenland, Flüchtlinge – die Krisen gaben sich 2015 die Klinke in die Hand. Und das geht nicht spurlos an der Bevölkerung vorbei, die Leute werden wieder politischer. „Die Politisierung der Gesellschaft spiegelt sich im Kino wider“, sagt Grundl. Von Jacques Audiard („Der Geschmack von Rost und Knochen“) zeigt das Festival das bewegende Flüchtlingsdrama „Dheepan“, das in diesem Jahr die Goldene Palme von Cannes gewonnen hat. „Wir sind jung. Wir sind stark“ arbeitet die rechtsradikalen Umtriebe von 1992 auf, als in Rostock-Lichtenhagen ein Flüchtlingsheim brannte. Als Bindeglied zur historischen Reihe „Protestkino“, die sich mit den gesellschaftlichen Verwerfungen der 1960er und 70er Jahre auseinandersetzt, passt ganz wunderbar „Une Jeunesse Allemande“, der mit gänsehauterzeugenden Archivaufnahmen, Fernsehmitschnitten und Kurzfilmszenen das künstlerisch-kreative Vorleben der späteren RAF-Terroristen zeigt.

Während Dokumentarist Harun Farocki dem Film treu blieb – von ihm zeigt das Festival frühe Kurzfilme – schlug sein Kommilitone und Kameramann Holger Meins den Weg in die Illegalität ein. Klaus Lemke, dem die diesjährige Hommage gewidmet ist, hat die Anfänge der RAF in „Brandstifter“ fiktionalisiert. Sein Kultfilm „Rocker“ nimmt den Zuschauer mit in die derbe Biker-Subkultur St. Paulis. Laiendarsteller in Leder sorgen für alkoholgeschwängerte Authentizität.

Lemke, das Enfant terrible des Neuen Deutschen Films, hat sein Kommen ebenso zugesagt wie Peter Fleischmann, dessen „Jagdszenen aus Niederbayern“ in der Protestkino-Reihe zu sehen ist. Um die Ausgrenzung von Minderheiten geht es auch in Fassbinders „Katzelmacher“, der von Darsteller Rudolf Waldemar Brem präsentiert wird.

„Im Laufe der sieben Jahre hat sich beim Heimspiel eine Tendenz zum provokanten Film herauskristallisiert“, sagt Grundl. War es vor zwei Jahren der freizügige Cannes-Gewinnerfilm „Blau ist eine warme Farbe“, so könnte heuer Gasper Noés „Love“ für Kontroversen sorgen. Das intensive Erotikdrama wird in hautnahem 3D im Garbo gezeigt, das heuer erstmalig als Abspielstätte mit dabei ist.

Das Regiedebüt von Ryan Gosling

Dass möglichst viele der Regensburger Filmtheater am Festival partizipieren, liegt den Organisatoren ebenso am Herzen, wie die Kooperation mit anderen Festivals und Filmreihen der Stadt. Die Kurzfilmwoche hat eine Rolle mit ausgesuchten Streifen zusammengestellt, unter anderem von Jan Soldat und Jean-Gabriel Périot, die mit ihren Arbeiten „Haftanlage 4614“ und „Une Jeunesse Allemande“ in der Langfilmsektion vertreten sind.

Markus Prasse widmet sich im Rahmen seiner PopKultur-Reihe den wilden 80er Jahren Westberlins („B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“). Und Queer-Streifen, eine Reihe des schwul-lesbischen Films, zeigt „The Duke of Burgundy“ von Peter Strickland. Ein britischer Regisseur, der mit „Berberian Sound Studio“ bereits beim Heimspiel 5 vertreten war.

Meisterwerk des absurden Humors

Überhaupt setzt das kleine, feine Festival auf Kontinuität. Mit Ryan Gosling, der mit seinem Regiedebüt „Lost River“ aufs Filmfest zurückkehrt, oder Philipp Leinemanns „Wir waren Könige“, der in bester Dominik-Graf-Manier die internen Prozesse eines Polizeisondereinsatzkommandos in spannungsgeladenes Genrekino überträgt, verfolgt Heimspiel den Werdegang interessanter Filmschaffender. Auch der Franzose Quentin Dupieux gehört in diese Kategorie. Mit „Réalité“ hat er ein weiteres Meisterwerk des absurden Humors geschaffen. Neben Highlights, die ihre Zugkraft bereits an der Kinokasse bewiesen haben, zeigt das Festival eben auch außergewöhnliche Filmperlen, die man sonst höchstens im Nachtprogramm von Arte oder 3Sat zu sehen bekommt.

Ulrich Seidl hingegen hat es spätestens mit seiner „Paradies“-Trilogie in den Programmkino-Olymp geschafft. Dem Österreicher, der in seinen Filmen auf unnachahmliche Weise dokumentarische mit fiktionalen Elementen verbindet, ist in diesem Jahr die Werkschau gewidmet. Seine geometrisch-genauen Bilder wirken zuweilen wie Fotografien oder Gemälde. Die Stilisierung ist aber kein Selbstzweck. Vielmehr hält Seidl seinen Landsleuten einen Spiegel vor, der ein wenig schmeichelhaftes Bild der Alpenrepublik zeichnet. Wie etwa sexuelle Praktiken abseits des Mainstreams, die er in seinem letztjährigen „Im Keller“ festgehalten hat.

Auch Kati Karrenbauer kommt

Auch Jan Soldat hat sich in seinem Dokumentarfilm „Haftanlage 4614“ ihrer angenommen. Beide Regisseure diskutieren mit der Filmwissenschaftlerin Miriam Jakobs über „Politik, Praxis und Ästhetik des Dokumentarfilms“. Der Eintritt ist hier ebenso frei wie am darauf folgenden Tag, wenn Seidl noch einmal solo dem Publikum Rede und Antwort steht. Weitere prominente Gäste beim Heimspiel sind Schauspielerin Kati Karrenbauer, die eine von der Kritik hochgelobte Rolle in Seidls „Härte“ spiele, sowie Gerd Schneider, der mit seinem Film „Verfehlung“ über Missbrauch in der katholischen Kirche für Aufsehen sorgte.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht