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Theater

Ein heiterer Abend der Züchtigung

„Schlafe, mein Prinzchen“: Franz Wittenbrink bringt in Berlin Strafwut und Missbrauch bei den Domspatzen auf die Bühne.
Von Florian Sendtner, MZ

„Schlafe, mein Prinzchen“: Annemarie Brüntjen, Andreas Lechner und der Chor in einer Szene des Franz-Wittenbrink-Abends in Berlin
„Schlafe, mein Prinzchen“: Annemarie Brüntjen, Andreas Lechner und der Chor in einer Szene des Franz-Wittenbrink-Abends in Berlin Foto: Barbara Braun

Berlin.„Silentium!“ Seit der Verfilmung des gleichnamigen Wolf-Haas-Krimis 2004 muss man das eigentlich nicht mehr übersetzen: „Silentium! heißt Halt’s Maul! auf lateinisch.“

Die Bühne des Berliner Ensembles hat sich zur Eröffnung der neuen Spielzeit in den Studiersaal eines berühmten Musikgymnasiums verwandelt. Die Knaben sitzen an ihren Bänken, machen ihre Mathe- und Lateinhausaufgaben, und der Präfekt Fortner schreitet die Bankreihen ab. Bis die gespannte Stille durch einen heruntergefallenen Bleistift wie eine Blase zerplatzt.

„Müller! Ruhestörung!“ brüllt es aus dem Präfekten Fortner heraus. Aber der zehnjährige Manni Müller kann sich nicht so stillhalten, wie er sollte. Es folgt Ruhestörung zwei und Ruhestörung drei, und dann ist er fällig: er muss auf den ausgestreckten Armen einen Stapel Bücher halten. Das hält der Junge nicht lang durch, die Bücher fallen auf den Boden. Die Strafwürdigkeit des Delinquenten ist nun endgültig erwiesen: Er muss niederknien und bekommt vom Präfekten eine festgesetzte Zahl von Ohrfeigen verabreicht. Links, rechts, links, rechts. Der Studiersaal zuckt bei jeder Ohrfeige zusammen.

Das Grauen in schönsten Tönen

Franz Wittenbrink: Der Komponist und Arrangeur kam als Neunjähriger zu den Domspatzen und hat bei ihnen auch seine großartige musikalische Ausbildung erhalten, wie er sagt.
Franz Wittenbrink: Der Komponist und Arrangeur kam als Neunjähriger zu den Domspatzen und hat bei ihnen auch seine großartige musikalische Ausbildung erhalten, wie er sagt. Foto: Barbara Braun

Was Franz Wittenbrink unter dem trügerischen Titel „Schlafe, mein Prinzchen“ und dem ebenso arglosen Untertitel „Ein musikalischer Abend“ auf die Bühne des Berliner Ensembles bringt, ist eine fein austarierte Bombe. Das „Silentium strictissimum“ kommt über dem Grundton eines drohenden Cello-Pizzicato daher und der anschließende (innerliche) Wutausbruch des Knaben Manfred Müller („Ich bringe ihn um!“) ist eine Wittenbrink-Komposition nach Bachs Arie „Ich freue mich auf meinen Tod“. Und so geht das fast zwei Stunden lang dahin: Ein gnadenloser Blick auf das gut gehütete Innenleben des Katholizismus, vorgetragen in den schönsten und reinsten Tönen der Kirchenmusik. Und wie vorgetragen! Man meint, eine Kammerchor-Auswahl eines gewissen weltberühmten Knabenchors zu hören, dazu Wittenbrink am Flügel, begleitet von einem Bläser und einem Cellisten.

Ja, natürlich geht es hier um die Domspatzen (auch wenn sie nicht genannt werden). Franz Wittenbrink, Jahrgang 1948, hat sie schließlich am eigenen Leib erfahren. Er verdankt ihnen, wie er jederzeit bekennt, seine „großartige musikalische Ausbildung“. Bis heute für ihn untrennbar verbunden mit dem musikalischen Himmel: die Hölle der schwarzen Pädagogik. „Das Prügeln auf den nackten Hintern, das ausgeklügelte System sadistischer Bestrafungen, der direkte sexuelle Missbrauch, dem ich glücklicherweise entkommen konnte, weil mein Onkel prominenter bayerischer Politiker war“ (nämlich der langjährige Ministerpräsident Alfons Goppel).

Doch der Strafwut der Erzieher entrinnt auch der kleine Franz Wittenbrink nicht: Der arme Manni Müller, an dem sich der Präfekt Fortner austobt, das ist er selbst. In dem Dokumentarfilm „Sünden an den Sängerknaben“ von Mona Botros, der Anfang Januar in der ARD Furore machte (und der in der ARD-Mediathek zu sehen ist), erzählt er genau diese Szene.

Sie singen wie der echte Chor

Die jungen Schauspielerinnen in Berlin verkörpern die Domspatzen sehr glaubwürdig – und sie singen auch ganz wunderbar.
Die jungen Schauspielerinnen in Berlin verkörpern die Domspatzen sehr glaubwürdig – und sie singen auch ganz wunderbar. Foto: Barbara Braun

Auf der Bühne des Berliner Ensembles wird Manni Müller von Maike Schmidt gespielt, der es mit sechs anderen jungen Schauspielerinnen und zwei männlichen Kollegen erstaunlich gut gelingt, die Internatszöglinge und Sänger im Knabenchor darzustellen. Noch verblüffender als die schauspielerische Leistung der jungen Frauen ist ihre gesangliche. Nach der Vorstellung fragen Zuschauer immer wieder, ob hier nicht doch echte Domspatzen mitsingen, oder ob man vielleicht Playback hört. Die Antwort geben die Schauspielerinnen selbst: Ein dreiwöchiger Intensivkurs bei Wittenbrink hat sie auf dieses unglaubliche stimmliche Niveau katapultiert.

So viel steht fest: Brecht hätte er gefallen, dieser Liederabend. Nicht nur, weil Brecht die Katholiken mit ihrer Doppelmoral auf dem Kieker hatte, sondern auch, weil Wittenbrink sich nicht mit den Domspatzen begnügt. Mit einer regelrechten Detonation wechselt er plötzlich zur Odenwaldschule, jener reformpädagogischen Vorzeigeschule, in der alles so wahnsinnig locker zuging. Und wo die Kinder und Jugendlichen ebenfalls dem Chef persönlich sexuell zu Diensten sein mussten. Die gleichen Schauspieler, die eben noch Präfekt und Direktor im hohen gotischen Gewölbe waren (Bühne: Alfred Peter), sind nun antiautoritäre Pädagogen – die ihren Schutzbefohlenen genauso in die Hose langen. Diesmal eben nicht zu einem Mozart’schen „Agnus Dei“, sondern zu „Keine Macht für niemand“ von Ton Steine Scherben.

Jens Neundorff: „Ein starker Abend“

Es gruselt einen ob dieser Verwandlung. Brecht wäre begeistert gewesen – auch weil dieses Stück Kunstgenuss und Aufklärung so mühelos vereint, wie er das immer gefordert hat. Das sagt auch der Jesuit Georg Maria Roers, seines Zeichens Beauftragter des Erzbistums Berlin für Kunst und Kultur, zur MZ: „Merkwürdigerweise ist es ein sehr unterhaltsamer Abend – über groteske Verbrechen an Kindern.“

Jens Neundorff von Enzberg ist der gleichen Meinung: „Ein starker Abend, ein lohnenswerter Abend!“ Der Regensburger Intendant ist nur für diese zwei Theaterstunden nach Berlin gefahren und hat es nicht bereut: „Ein diskutabler Beitrag zu dem, was Theater leisten kann. Und nachdem Franz Wittenbrink das alles selbst erlebt hat, ist es ja auch unanfechtbar.“ Doch ein Gastspiel des Berliner Ensembles am Theater Regensburg wird es nicht geben: „Das können wir uns finanziell nicht leisten.“

Dorothée Neff mit dem aus Regensburg stammenden Schauspieler Thomas Wittmann in „Schlafe, mein Prinzchen“: Der musikalische Himmel und die Hölle der schwarzen Pädagogik lagen nahe beieinander.
Dorothée Neff mit dem aus Regensburg stammenden Schauspieler Thomas Wittmann in „Schlafe, mein Prinzchen“: Der musikalische Himmel und die Hölle der schwarzen Pädagogik lagen nahe beieinander. Foto: B. Braun

Es sind noch andere von weither gekommen. Drei Herren sitzen noch lange nach der Vorstellung aufgewühlt im Biergarten hinter dem Berliner Ensemble: Michael Sieber, Udo Kaiser und Alexander Probst. Alle drei sind Jahrgang 1948, wie Wittenbrink, und alle drei waren Leidensgenossen bei den Domspatzen. Kaiser und Probst werden zusammen mit Georg Auer in dem ARD-Film „Sünden an den Sängerknaben“ porträtiert. Beim Regensburger Katholikentag 2014 demonstrierten sie in eigener Sache, Kaiser trug eine gelb-weiße Schärpe mit der Aufschrift: „Verprügelt und missbraucht“.

Die Diözese Regensburg wollte lange nichts wissen von Kinderschändung bei den Domspatzen, obwohl ein Direktor 1959 wegen Unzucht mit Abhängigen ins Gefängnis ging. Ein ehemaliger Direktor des Internats wurde 1969 wegen seiner „Umtriebe“ in einer Oberpfälzer Blaskapelle verurteilt. Da tut es unendlich gut, wenn die eigene Geschichte auf einer so berühmten Bühne nachgespielt wird. Udo Kaiser und Alexander Probst danken den Schauspielerinnen, die ihre Rolle übernommen haben, und auch die sind sehr bewegt: Sie kennen die Männer natürlich aus der Doku. Die jungen Frauen und die älteren Herren fallen sich um den Hals. „Grandios!“ bringt Udo Kaiser nur noch heraus. Er ist kurz vorm Heulen.

Nochmal der Jesuit Georg Maria Roers: „Die Kinder von damals sind heute Männer, die auf die 70 zugehen. Ihr Leid ist nicht vergessen, dank des Berliner Ensembles. Es schreit in den Berliner Himmel!“

„Schlafe, mein Prinzchen“

  • Die Inszenierung

    „Schlafe, mein Prinzchen“ läuft am Berliner Ensemble (Theater am Schiffbauerdamm), Bertolt-Brecht-Platz, nächste Termine: 6. September, 13. Oktober, 19.30 Uhr. Regie hat Franz Wittenbrink, mit Mathias Weibrich hat er auch die musikalische Leitung. Wittenbrinks Markenzeichen ist seit über 20 Jahren der Liederabend, der gleichzeitig Theaterstück ist.

  • Der Regisseur

    Franz Wittenbrink wuchs als sechstes von 13 Kindern einer streng katholischen Bauunternehmer-Familie aus Bad Bentheim auf. Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel war sein Onkel. Mit neun Jahren kam Franz Wittenbrink in das Musikinternat der Regensburger Domspatzen. Dort erhielt er Unterricht in Klavier, Violoncello, Orgel, Trompete, Tonsatz und Kontrapunkt.

  • Die jungen Jahre

    Nach dem Abitur rebellierte Wittenbrink gegen sein konservatives Umfeld. Er studierte Soziologie in Mannheim und Heidelberg, engagierte sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund und war Mitbegründer des Kommunistischen Bunds Westdeutschland. Ab 1981 absolvierte Wittenbrink Lehren als Klavierbauer und Maschinenschlosser, arbeitete als Müllfahrer, Fernfahrer und Drucker.

  • Die Karriere

    Erst mit über 30 Jahren kehrte er Anfang der 1980er als Keyboarder einer Band wieder zur Musik zurück: als Komponist, Dirigent, Arrangeur, Regisseur und Interpret. Der freischaffende Künstler lebt heute in Hamburg und arbeitet für zahlreiche Bühnen und Festspiele.

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