MyMz

Lesung

Ein Hochstapler, schrecklich und genial

Der Roman „Der falsche Überlebende“ des spanischen Schriftstellers Javier Cercas bot viel Diskussionsstoff.
Von Claudia Böckel, MZ

Mit Herzblut diskutierte der spanische Schriftsteller Javier Cercas mit seinen Gästen.     Foto: Widmann
Mit Herzblut diskutierte der spanische Schriftsteller Javier Cercas mit seinen Gästen. Foto: Widmann

Regensburg.Eine Autorenlesung, aber kaum jemand liest aus dem Buch vor, um das es geht. Autor Javier Cercas hat gerade eine Stelle in der spanischen Originalsprache gelesen, schon kommt eine Diskussion in Gang zwischen den vier Gästen auf dem Podium, aber auch mit den Zuhörern, die schnell geführt wird, auf Spanisch, auf Deutsch, mit Herzblut, mit Missverständnissen und deren Klärung, mit historischen Exkursen, mit überraschenden Beiträgen.

Es geht um den Katalanen Enric Marco, einen Mann, der sich über drei Jahrzehnte als Holocaust-Überlebender ausgab und als solcher höchst populär war. In vielen Interviews präsentierte er sich als Widerstandskämpfer gegen Franco, jahrelang war er Vorsitzender der Vereinigung der ehemaligen spanischen KZ-Häftlinge. Noch 2005 hielt Marco eine bewegende Rede im spanischen Parlament, als das erstmals des Holocausts gedachte. Seine Ansprache bei einem Festakt in Mauthausen fiel allerdings aus, nachdem der spanische Historiker Benito Bermejo nachgewiesen hatte, dass mit Marcos Biografie etwas nicht stimmte. Denn Marco war nie in einem KZ gewesen, vielmehr freiwillig nach Deutschland gekommen, um dem Kriegsdienst in Spanien zu entgehen. Ein weltweiter Skandal.

„Wieso berührt uns das?“

Autor Javier Cercas formuliert davon ausgehend drei Fragen: Warum macht jemand so etwas? Warum haben wir ihm alle geglaubt? Und wieso berührt uns das so? Zur Beantwortung dieser Fragen schrieb Cercas seinen „Roman ohne Fiktion“ mit dem Titel „Der falsche Überlebende“.

Es sei die Aufgabe von Literatur, Dinge verständlich zu machen, sagt der Autor. Sein Buch gäbe Instrumente an die Hand, dass so etwas nicht mehr passieren könne. Jörg Skribeleit von der Gedenkstätte Flossenbürg kannte Enric Marco seit dem Jahr 1998. Marco sei zuckersüß, sentimental, kitschig und nett gewesen. Mit Flossenbürg habe er sich absichtlich ein über Jahrzehnte vergessenes Lager ausgesucht. Im Publikum der Lesung in der Buchhandlung Dombrowsky ist auch Journalist Thomas Muggenthaler, dessen Fragen Marco immer nur ausweichend und philosophierend beantwortet hätte, niemals jedoch sachlich.

Marco war ein einfacher Mechaniker aus Barcelona, wollte aber wichtig sein. Er erzählte, was die Leute hören wollten, er erfand für sich ein Heldenleben, war Opfer und Held gleichermaßen, wollte bewundert und geliebt werden. Javier Cercas sagt, für ihn sei der wichtigste Aspekt des Buches, dass wir alle irgendwie Marco seien: „Wir schauen in eine Art Spiegel.“

Nobelpreisträger Vargas Llosa schrieb über Marco, er sei der größte Hochstapler der Geschichte, ein sehr geschickter Mann, schrecklich und gleichzeitig genial.

Mehr Kulturnachrichten gibt es hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht