MyMz

Kriminalität

Ein Kirchenmaler auf der Anklagebank

Die Staatsanwaltschaft Passau stellt den niederbayerischen Künstler Christian Goller und vier seiner Helfer vor Gericht.
Von Harald Raab, MZ

Das Gemälde „Die Quellnymphe“ ging bei Christie’s in London für 20 000 Britische Pfund weg.
Das Gemälde „Die Quellnymphe“ ging bei Christie’s in London für 20 000 Britische Pfund weg.Foto: Raab

Passau.Es sollte der größte Betrugsfall im weiten Feld deutscher Renaissance-Malerei werden. An die 60 Gemälde mit der falschen Zuschreibung Lucas-Cranach, Cranach-Werkstatt oder dessen Umfeld glaubt der Heidelberger Cranach-Forscher Michael Hofbauer dem niederbayerischen Kirchenmaler und Restaurator Christin Goller zuweisen zu können. Übrig bleibt jetzt eine Provinzposse, auf die international agierende Auktionshäuser hereingefallen sein sollen. Beziehungsweise hätten sie in der bekannten Gier nach frischer, teurer Ware über weite Strecken die gebotene Sorgfaltspflicht außer Acht gelassen.

Hofbauer hat vor zwei Jahren das Bayerische Landeskriminalamt auf altmeisterlichen Produkte aus dem Untergriesbacher Atelier Gollers aufmerksam gemacht. Um eine halbe Million Euro seien Sammler auf der ganzen Welt betrogen worden. Damals erklärte der Münchner LKA-Chef, Peter Dathe: „Sollte sich der Tatverdacht bestätigen, stellt dieser herausragende Fall einen Eingriff in die deutsche Kunstgeschichte dar.“

In dieser Woche übergibt die Staatsanwaltschaft Passau dem dortigen Amtsgericht eine Anklageerhebung. In ihr geht es – so bestätigt Oberstaatsanwalt Walter Feiler – nur noch um sechs Bildwerke. Sie sollen aus der Hand Gollers stammen und von vier Mittätern in den Kunsthandel gebracht worden sein. Die Schadenssumme belaufe sich auf etwa 80 000 Euro.

Kein bandenmäßiges Vorgehen

Die angeblichen Cranach-Gemälde tragen die Titel: „Melanchthon“, „Luther und Katharina von Bora“, „Herkules bei Omphale“, „Heilige Agatha“, „Quellnymphe“ und „Martyrium einer Heiligen“. Die Bildtitel sollen laut den Ermittlungsbehörden aber nicht von Goller oder den Mitbeschuldigten stammen. Die Gemälde seien von den Auktionshäusern so benannt worden. Die Goller-Freunde hätten die Bilder mit einer fragwürdigen Herkunftslegende präsentiert, aber selbst nicht behauptet, dass es Cranach-Bilder seien. Dazu wurden sie erst im Kunsthandel mit entsprechenden Expertisen gemacht.

Da die Einlieferer aber wussten, dass es Machwerke Christian Gollers waren, dennoch nicht gegen eine Aufwertung zu Cranach-Bildern eingeschritten seien, ergebe sich der dringende Betrugsverdacht gegen Goller und seine Helfer.

So wurde das Melanchthon-Porträt 2010 bei Neumeister in München für 4500 Euro versteigert. Die „Quellnymphe“ ging bei Christie’s in London für 20 000 Britische Pfund weg. Das Gemälde „Herkules bei Omphale“ fand 2009 bei Sotheby’s in London für 34 850 Pfund einen Käufer. Weitere Auktionshäuser die mit Goller-Bildern in Berührung kamen, sind das Dorotheum in Wien, Fischer in Luzern, Koller in Zürich, Weidler in Nürnberg und Schlosser in Bamberg.

Warum wird der Fall juristisch nun so klein gefahren? Oberstaatsanwalt Feiler klärt auf: „Es konnte kein bandenmäßiges Vorgehen nachgewiesen werden. Die Mittäter Gollers kannten sich untereinander nicht. Es konnte also keine Absprache vorgenommen worden sein. Deshalb verjähren derartige Betrugsfälle schon nach fünf Jahren.“ Ein bandenmäßig vorgenommener Betrug gehe erst nach zehn Jahren straffrei aus. Der größte Teil der Goller zuzuordnenden Cranach-Bilder seien vor dem Zeitraum von fünf Jahren in den Handel gebracht worden, darunter vor allem die, mit denen viel Geld erlöst worden sei.

Ein produktiver Niederbayer

Goller selbst und sein Anwalt, Hanns Stefanowicz, geben zu der Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft keine Stellungnahme ab. Es heißt aber aus eingeweihten Kreisen, Goller bestreite, der Urheber der Bilder zu sein. Außerdem habe er noch nie seine Arbeiten als Cranach-Originale verkauft.

Mit dieser Argumentation hat sich Goller schon vor 40 Jahren entlastet und vor einer Verurteilung wegen Betrugs gerettet. Damals erwarb das auf altdeutsche Meister spezialisierte Cleveland Museum of Art in Ohio für eine Million Dollar eine Bildtafel, die von Matthias Grünewald stammen sollte. Als tatsächlicher Meister stellte sich der niederbayerische Kirchenmaler Christian Goller heraus. Er entlastete sich: Er habe das Gemälde auf einer Ahornplatte zwar gemalt, es aber unter seinen Namen verkauft. Wer es zu einem Grünewald-Werk gemacht habe, wisse er nicht.

Cranach-Spezialist Hofbauer, der in Heidelberg ein Nachschlagportal über das gesamte Cranach-Werk betreibt, zieht ein bitteres Fazit: „Es ist schon beängstigend. Gerade Goller, der am längsten und intensivsten Cranach-Bilder nachgeahmt hat, wird glimpflich davon kommen. Wer auch immer diese Arbeiten in den Handel gebracht hat.“ Es würden immer noch weitere Gollersche Cranach-Gemälde auftauchen. Der Niederbayer sei äußerst produktiv tätig. Damit habe er sich öffentlich gebrüstet.“

Alte Meister zu fälschen, das ist hohe Schule“, erkennt Hofbauer an. Auf dem ersten Blick falle das gar nicht auf. Vor allem auch deshalb, weil keine bekannten Werke kopiert würden. Es würden angeblich verschollene oder als zerstört gemeldete Bilder angeboten. Freilich trage der Kunsthandel mit Schuld daran, dass es den Fälschern so leicht gemacht werde.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht