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Theaterpremiere

Ein Kleinbauer als Rebell auf der Bühne

Massentierhaltung, Agrarwüste, Bauernsterben - das alles wird in „Die letzte Sau“ mit eindrucksvollen Darstellern verhandelt.
Von Wolfgang Spornraft

Huber, bitte ausmisten: Kleinbauer Huber (Jonas Hackmann, rechts) als Desperado und Schweinefreund Foto: Martin Kaufhold
Huber, bitte ausmisten: Kleinbauer Huber (Jonas Hackmann, rechts) als Desperado und Schweinefreund Foto: Martin Kaufhold

Regensburg.Der Plot ist ein Aufruf zur Revolte – was sonst, wenn man auf eine sich selbst verzehrende Welt mit Massentierhaltung, Agrarwüste, Bauern- und Bienensterben sowie Braunkohleverheizung blickt. Ja, das alles wird an diesem Theaterabend auf der Bühne verhandelt. Der gute Schweinebauer Huber verliert durch Meteoriteneinschlag und persönliche Finanzkrise seine Existenz. Er zieht mit seiner einzigen überlebenden Sau, Lone-Ranger-Regenmantel, Flinte und Moped aus, um die Welt und seine Beziehung zu Freundin Birgit zu retten.

Die filmische Möglichkeit der Darstellung – die Welt einfangen in Bildern, Totalen, Schnitt und Close-up – ersetzt Regisseurin Julia Prechsl mit der Allzweckwaffe der Bühne: Das Ensemble formiert sich in unerbittlichem Stakkato-Bericht zum Chor und treibt das Publikum von Szene zu Szene. Bayerisch ist dabei weniger die Herausforderung als die Fülle an Information in den jeweiligen Textpassagen. Hart und moralisierend haut es einem die Faktenlage in die Ohren. Prolog: Das Bauernleben ist kein Ponyhof und Birgit geht weg aus Speckbrodi in den deutschen Osten, um dort die Mastfabrik zu leiten, die der Papa gekauft hat.

Herzerwärmender Punk

„Servus Huber.“ Der wilde Tanz des Paares hat die Einstreu aufgewühlt, die die schmale Bühne vor den Sperrsitzen bedeckt. Es riecht nach Stroh.

Trashiger Einschlag kommt mit den Songtexten, die gesungen und rezitiert werden. „König von Deutschland“-Rio Reiser und Ton Steine Scherben. Der Punk hätte manchmal nicht ganz so ausführlich sein müssen. Hier arbeiten Schauspieler und keine Sänger. Aber er erinnerte einen nicht kleinen Teil des Publikums vermutlich herzerwärmend an seine wilden Jahre und lustige Partys, als eine Bierdose noch ein Statement und nicht schlicht Umweltfrevel war. Die professionelle Musik füllt mit Schlagzeug und Tuba ein Bühnenende. Da sitzen Florian Burgmayr und Fiete Wachholtz. Cool geleiten sie die Interpreten durch ihre Einlagen. Das gibt einen Eindruck davon, was passiert wäre, wenn Kurt Weil nicht bei Brecht, sondern für Quentin Tarantino gearbeitet hätte. Die Mischung stimmt.

Bilder, die hängenbleiben

Mit fortschreitender Handlung regelt Prechsl das Tempo ein bisschen herunter. Das hilft den Schauspielern von der Predigerebene herab. Es bleibt Zeit für Details und Reflexion. So können Bilder beim Zuschauer entstehen, die hängenbleiben. Das ist es, was Theater stark macht. Exkremente auf dem Boden und nackte Lenden sind im Kino schon fast der Standard. Auf der Bühne und in der Nähe, wie sie ein kleines und volles Haus gebiert, ist so etwas mächtig. Aber es verpufft auch dort schnell, wenn die Verbindung zur Aussage schwach ist, wenn es gleich wieder weiter geht und immer weiter.

„So geht’s nicht weiter“, ist dabei der Slogan des Desperados. Der zentrale Satz des Abends, der auch einmal als Transparent das obere Drittel der Kletterwand füllt. Am Ort des Anschlags, Huber hat auf seinem Weg mal wieder Schweine befreit, sucht die Polizei nach Hinweisen auf „Studenten, Kommunisten, Anarchisten“. Das Publikum johlt. Der Kapitalistenbonze aus dem Off weist die Staatsmacht an, den Stoff endlich abzuhängen und die Polizisten leisten brav Folge. Weiter.

Was die Inszenierung glättet, ist das Spiel der Darsteller, die auch einschlägig moralische Kost schlucken lassen. Die treue Sau gibt Gerhard Hermann krabbelnd am Boden mit schweinepinkem Plastikgel in den Strähnen. Er stellt aus, zeigt nuancenreich die tierisch unschuldige Zuneigung. Franziska Sörensen spielt die vom Tagebau bedrohte Revoluzzerin aus Not in einer Bühnenpräsenz aus, in der die brechtische Wirkgewalt einer Mutter Courage anklingt. So menschlich, so ohnmächtig. Und Hackmann gibt den entfremdeten Zombie mit scheelem Blick, dass die Wirklichkeit Risse bekommt. Dahinter scheint etwas auf, mit dem man sich lieber nicht allzu nachhaltig beschäftigen will an einem geselligen Theaterabend. Diese Details sind es dann auch, für die man knapp zwei Stunden gerne stillsitzt.

Lesen Sie dazu auch, was Regisseurin Julia Prechsl zu ihrer Inszenierung sagt.

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