MyMz

Ein Kompendium mit Suchtpotenzial

Erstmals befasst sich ein Lexikon umfassend mit der menschlichen Gesangsstimme und behandelt wirklich alle Facetten.
Von Andreas Meixner, MZ

Mariah Carey – eine aus der großen Künstlerschar, die das neue Lexikon versammelt Foto: dpa
Mariah Carey – eine aus der großen Künstlerschar, die das neue Lexikon versammelt Foto: dpa

Regensburg.Es ist eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften des Menschen, seine Stimme über die reine Form der Kommunikation und Verständigung zur Sprache und zum Gesang zu erheben und zu kultivieren. So selbstverständlich wir dem menschlichen Gesang im Alltag begegnen – selten spüren wir noch das unmittelbare Faszinosum dieser einzigartigen Fähigkeit, Stimmlaute in eine musische und emotionale Form zu gießen. Wann sich in der Evolution die Sprache vom Gesang deutlich trennte, wissen wir nicht. Möglich, dass der Ursprung in lauten Ruf- und Warnsignalen liegt. Charles Darwin vermutete, dass die Vorfahren des Menschen – ähnlich dem Vogelgesang – einander mit Melodie und Rhythmus umwarben, bevor sich die Sprache entwickelte.

Das ist aber freilich nur ein kleiner Auszug von vielen Aspekten, mit denen sich das Lexikon der Gesangsstimme beschäftigt. Es ist ein mächtiges Buch geworden. Gut 60 Autoren aus verschiedenen Disziplinen wirkten bei der über acht Jahre dauernden Entstehung mit. Erstmals widmet sich ein Nachschlagewerk ausschließlich dem ältesten Musikinstrument der Menschheitsgeschichte. Auf 800 Seiten öffnet sich das gesammelte Wissen über alles, was mit Singen zu tun hat. Wer glaubt, dass es sich dabei vorwiegend um ein Werk für die Leute der klassischen Musik handelt, täuscht sich gewaltig.

Legenden werden durchleuchtet

Nach Mariah Carey folgt unmittelbar Enrico Caruso. Deutlicher kann man die Zusammengehörigkeit von E- und U-Musik nicht zum Ausdruck bringen. Nicht nur die Technik der neuen Musikformen des 20. Jahrhundert (Blues, Jazz, Rock’n’Roll, Pop) erfahren eine akribische Beleuchtung, sondern auch die individuellen Fähigkeiten einzelner Sängerlegenden. Auf fast zweieinhalb Seiten erfährt man unglaublich präzise Einzelheiten zu Michael Jacksons Stilrepertoire, die für den Leser ein völlig neues Licht auf den Poptitan werfen. Das gilt auch für viele andere Künstler, auch längst vergessene, die wieder zum Leben erweckt werden (z. B. Peter Alexander, Dean Martin, Freddie Mercury, Ella Fitzgerald). Spannend auch, weil bei der Bewertung der sängerischen Fertigkeiten die biographischen Aspekte mitherangezogen werden. Die Einträge über Maria Callas, Jim Morrison oder Jessye Norman dürften in ihrer Klarheit und Präzision zu den besten Texten über die großen Sänger zählen.

Das Lexikon

  • Das Lexikon:

    Starsänger Thomas Hampson konnte für das Vorwort gewonnen werden. Gut 60 Autoren haben an der Entwicklung des Lexikons mitgewirkt.

  • Die Reihe:

    Das Lexikon gehört zu einer Lexika-Reihe des Laaber Verlags. Bisher sind sieben weitere Bände zu Instrumenten erschienen.

  • Die Details:

    800 Seiten mit 174, z. T. farbigen Abb. und 24 Notenbeispielen. Leinen mit Schutzumschlag. 98,-€ (Subskriptionspreis bis 31.3.2017; danach ca. 118,- €)

  • (Instrumenten-Lexika 5), ISBN 978-3-89007-546-4

Ein anderes Gewicht liegt auf den zahlreichen Gesangstechniken und physiologischen Aspekten. Nicht nur werden bekannte Begrifflichkeiten (Falsett, Koloratur, Vibrato, Sängeratmung) ausgiebig erklärt, sondern auch scheinbar banale Themen am Rande (Flüstern, Fistelstimme, Räuspern, Lautstärke) thematisiert. Vieles findet sich darin, dass man zunächst nicht in einem solchen Lexikon vermuten würde. Überhaupt nimmt der medizinisch-anatomische sowie der akustische Bereich großen Raum ein. Da geht es um Phonochirurgie, Primärschall, Schädelresonanz, Stimmpflege und die genauen Formen der vielfachen Dysfunktionen.

Ein Muss für jede Bibliothek

Zahlreiche Abbildungen komplettieren ein Nachschlagewerk, das einen schnell in den Bann zieht und zum ständigen Blättern und Verweilen einlädt. Über eine dichte Verweisstruktur sind Sach- und Personenartikel eng miteinander verknüpft, das hat Suchtpotential. Ein Kompendium, dass zukünftig in keiner musisch interessierten Bibliothek mehr fehlen sollte. In seinem Geleitwort schreibt der große Thomas Hampson dazu treffend: „Die menschliche Stimme ist zugleich Tor unserer Gedanken, Sprachrohr unserer Standpunkte, Trost für jene, die wir lieben, einzigartiger Ausdruck unseres Schönheitsempfindens.“ Recht hat er.

Viele Künstler, auch längst vergessene, wie Peter Alexander, Dean Martin, Freddie Mercury und Ella Fitzgerald, werden in dem Buch wieder zum Leben erweckt.
Viele Künstler, auch längst vergessene, wie Peter Alexander, Dean Martin, Freddie Mercury und Ella Fitzgerald, werden in dem Buch wieder zum Leben erweckt.

Nur: Was fehlt, ist das Pendant zur legendären Steinlaus von Loriot im medizinischen Wörterbuch Pschyrembel. Die amerikanische Millionärin Florence Foster-Jenkins (1868-1944) wäre ideal gewesen: Ihre Unfähigkeit zu singen und es selbst nicht erkennen zu wollen, wäre für einen Eintrag mindestens so würdig und tragisch wie die Geschichte der Callas. Und gar nicht so falsch.

Weitere Beiträge aus der Kultur finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht