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Nachruf

Ein Maler, der fühlte wie ein Musiker

Karl Aichinger schuf Bilder, die voller Rhythmus waren. Jetzt ist der Künstler aus Weiden im Alter von 63 Jahren gestorben.
Von Thomas Göttinger, MZ

Karl Aichinger in einer Ausstellung seiner Werke /MZ-Archiv
Karl Aichinger in einer Ausstellung seiner Werke /MZ-ArchivFoto: altrofoto.de

Weiden.Der Karl ist tot. Ende September haben wir noch miteinander gelästert. Auf hohem Niveau, versteht sich. Der Karl wollte damals in einer Konzertpause unbedingt eine rauchen. Also sind wir raus vor die Tür in die Kälte. Es waren da gerade mal wieder „Max Reger Tage“ in Weiden, und der Karl dürfte kaum eines der Konzerte verpasst haben.

An diesem Abend hat ein junger Schauspieler zwischen der Musik Texte aus dem ersten Weltkrieg rezitiert. Dummerweise hielt er es für eine gute Idee, Wikipedia-Halbwissen beizusteuern. Kurzum: Es war ein ziemlicher Schrott, den er da von sich gegeben hat, Schrott, über den geredet werden musste – nicht zuletzt auch, weil der Karl ein hochgebildeter und überaus belesener Mensch war. Bei der zweiten Zigarette hat er mir dann erzählt, dass es ohne starke Schmerzmittel nicht mehr gehe, dass er es ohne sie einfach nicht mehr aushalte. Der Tod war da schon nah.

Fugenschach“ für J. S. Bach

Am Samstag ist der Maler und Bildhauer Karl Aichinger im Alter von 63 Jahren in Regensburg gestorben – nach langer, schwerer Krankheit, wie man so sagt. Vier Jahre lang hat er gegen sie angekämpft, hat gearbeitet, gemalt und unzählige Konzerte besucht. Immer wieder. Sicher, Aichinger war ein bildender Künstler, aber eben einer, der dachte und fühlte wie ein Musiker. Man sieht das seinen Bildern auch an, seinen Kompositionen, die voller Rhythmus sind, aber auch voller Kraft und Lebenslust. Sie transzendieren, wie Musik das tut. Sein bekanntestes (plastisches) Werk, das „Fugenschach“, hat er wohl nicht umsonst Johann Sebastian Bach gewidmet.

Er erschloss sich die Welt auf seine Art

Ja, der Maler Aichinger hatte verdammt viel Ahnung von Musik. Dabei war er auf diesem Gebiet genauso ein Autodidakt wie als bildender Künstler. Er hat das eine oder andere studiert, Mineralogie zum Beispiel, aber nie eine Kunsthochschule besucht; eine Steinmetz-Lehre, nach der Uni und Ausflügen ins Theater mit 30 begonnen, musste reichen. Es reichte auch sonst, um sich die Welt, die „Schöpfung“, hätte er wohl selbst gesagt, auf seine Weise zu erschließen und zu einem der bedeutendsten Künstler der Region zu werden.

Aichinger war eine robuste Type, einer mit Ecken und Kanten, der geradeheraus sagte, was er dachte und kein Blatt vor den Mund nahm. Er war aber auch ein Sensibler, wenn auch gewiss kein Sensibelchen, einer voller Herzenswärme und Güte – auch deshalb wird er fehlen.

An diesem Abend in Weiden habe ich dem Karl versprochen, ihm beim nächsten Treffen eine bestimmte Einspielung der Viola-Suiten von Reger mitzubringen, die er unbedingt hören sollte. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Der Karl ist tot und hört jetzt anderswo Musik.

In der Sammlung des Bezirks

  • Sammlung:

    1993 erwarb der Bezirk Oberpfalz das erste Mal ein Werk von Karl Aichinger: „Komposition 01.07.1989“. Ein weiterer Ankauf erfolgte 2013. In der Ausstellung „Sammlung Bezirk Oberpfalz“ (8. Februar bis 29. März 2015) im Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf werden beide Werke zu sehen sein.

  • Reaktion:

    Andrea Lamest, Leiterin des Oberpfälzer Künstlerhauses, sagte zum Tod von Karl Aichinger: „Innerhalb der sehr kurzen Zeit, in der ich Karl Aichinger kennenlernen durfte, ist er mir als außergewöhnlicher Mensch und feinfühliger Künstler begegnet.“

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