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Kultur
Mittwoch, 15. August 2018 27° 3

Literatur

Ein Mann im Spiegellabyrinth

Peter Stamm liest in der Buchhandlung Dombrowsky aus seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“.
Von Florian Sendtner

Der Schweizer Autor Peter Stamm bei Dombrowsky: ein exzellenter Schriftsteller und ein selten guter Beantworter von Leserfragen Foto: Sendtner
Der Schweizer Autor Peter Stamm bei Dombrowsky: ein exzellenter Schriftsteller und ein selten guter Beantworter von Leserfragen Foto: Sendtner

Regensburg.Der Gedanke zuckt wohl einem jeden manchmal durchs Gehirn: Was, wenn man, sagen wir mal mit Anfang 50, sich selbst begegnete, mit sagen wir mal Anfang 20? Seltsame Vorstellung, aus beiden Perspektiven, sowohl des jungen Menschen, der man einmal war, als auch der des alten, der man jetzt ist.

Große Literatur hat schon immer darin bestanden, Ideen, die normalerweise als grillenhaft abgetan werden, aufzugreifen, konsequent zu verfolgen und auszumalen, man denke nur an Kafkas „Verwandlung“. Und wenn jemand das Schreiben so beherrscht wie Peter Stamm, dann findet man sich nach ein paar Seiten in einer unglaublich erscheinenden und gerade deshalb fesselnden Geschichte wieder.

In der rappelvollen Regensburger Buchhandlung Dombrowsky las der Schweizer Schriftsteller am Dienstagabend aus seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (erschienen bei S. Fischer, 156 Seiten, 20 Euro). Und es ist genau so, wie es sein muss: Als der Schriftsteller Christoph nach der Lesung in seinem Heimatdorf, in dem er lange nicht mehr gewesen war, den Nachtportier des Hotels herausklingelt und dieser die Glastür aufsperrt, „sah ich sein Gesicht neben der Spiegelung meines eigenen, aber erst als er mir die Tür aufhielt, erkannte ich, dass er ich selbst war.“ Und der junge Nachtportier? „Erstaunlicherweise schien er nichts von der Ähnlichkeit, von unserer Gleichheit zu bemerken.“

Am nächsten Tag folgt die unweigerliche Frage, „ob ich mir die nächtliche Begegnung mit meinem Alter Ego vielleicht nur eingebildet oder ob ich sie geträumt hatte“. Doch dafür ist der Eindruck zu stark. Christoph beschließt, der Sache nachzugehen.

Schlagfertig und witzig

Die erste Spiegelung zieht weitere nach sich, und wenn man Peter Stamm zuhört, wie er mit ruhiger, fester Stimme aus seinem Buch liest, fragt man sich immer häufiger, von wem jetzt gerade die Rede ist: vom Erzähler? Seinem jungen Alter Ego? Und es dauert nicht lang, bis man sich in einem regelrechten Spiegelkabinett befindet. Eine Zuhörerin nach der Lesung: „Im letzten Kapitel ist mir richtig schwindlig geworden!“

Zurück in der Heimat

  • Zur Person:

    Peter Stamm, 1963 in der Schweiz geboren, lebt nach längeren Aufenthalten in New York, Paris und Skandinavien in Winterthur.

  • Romane:

    „Agnes“ (1998), „Ungefähre Landschaft“ (2001), „An einem Tag wie diesem“ (2006), „Sieben Jahre“ (2009), „Nacht ist der Tag“ (2013), „Weit über das Land“ (2016), „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (2018)

Peter Stamm ist nicht nur ein exzellenter Schriftsteller und ausgezeichneter Vorleser, sondern auch ein selten guter Beantworter von Leserfragen. Schlagfertig und witzig geht er auf alles ein, was aus dem Publikum kommt. Als eine Zuhörerin seine Bücher sprachwissenschaftlich analysiert, pflichtet Stamm ihr sofort bei und spinnt die germanistische Untersuchung weiter: „Ja, meine Sätze werden von Buch zu Buch länger, um 0,8 Wörter pro Satz.“ Und das sagt er so ernst und überzeugend, dass niemand über den Ulk lacht. Vor allem aber verrät Peter Stamm mit keiner Silbe, wie die Geschichte von Christoph und Magdalena ausgeht. Dafür lüftet er ein anderes Geheimnis, nämlich woher der Titel kommt. „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ist ein geringfügig abgewandeltes Zitat von Albert Camus. Auf der letzten Seite der Erzählung „Der Fremde“ sitzt der „Held“ immer noch in der Todeszelle, hat die letzten Anfechtungen in Gestalt des Gefängnispfarrers überstanden und ist „zum ersten Mal empfänglich“ geworden „für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“.

Wie viel ist Schicksal?

Am Ende hat „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ aber auch mit der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ zu tun, mit der Milan Kundera vor 30 Jahren Furore machte. Denn die Frage, um die sich Stamms Geschichte dreht, ist natürlich die Frage nach der Unabänderlichkeit des Schicksals und der Vorherbestimmung – und wenn’s nur die Vorherbestimmung eines Lebenslaufs durch einen Schriftsteller ist. Wie, wenn dein Leben schon geschrieben wäre? Lena findet das nicht besonders komisch. „Sie haben Ihr Leben und ich habe meines“, sagt sie zu Christoph. „Und ich habe absolut nicht die Absicht, mir meines von Ihnen erzählen zu lassen.“

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