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Messe

Ein Michelangelo, aus Styropor gefräst

Das Roboter-Werk, dem italienischen Altmeister abgeschaut, war der Hingucker der „Unpainted“ – der ersten Verkaufsausstellung für Medienkunst.
Von Matthias Kampmann, MZ

David Quayolas „Captives (1)“ aus dem Jahr 2013: Das Monumentalwerk bezieht sich auf Michelangelos „Sklaven“. Statt schwerem Marmor ist allerdings federleichtes Styropor der Werkstoff, in Form gefräst von einem Roboter, angeboten von Bitforms Gallery, New York. Foto: MKampmann

München.Augen schließen, Ohren auf – und prompt ist festzustellen, dass es auf dieser Messe etwas anders zugeht als auf den üblichen Handelsplätzen für zeitgenössische Kunst. Es piept, sirrt und klingt aus allen Richtungen. Malerei ist in der Regel lautlos, aber die hat programmatisch keinen Zutritt zur „Unpainted“, der ersten Verkaufsausstellung, die sich umfassend einer Kunst widmet, in der Maschinen die Hauptrolle spielen. Gut 65 internationale Aussteller traten vom 17. bis 20. Januar den Beweis an, dass Medienkunst längst im Innern des Kunstsystems angekommen ist.

Dennoch: Auf einen ähnlich hohen Grad an Akzeptanz, wie ihn die Fotografie lange schon inne hat, kann die Kunst aus Algorithmen und anderen technischen Bildern nicht bauen. Allerdings: „Die Resonanz hier vor Ort ist gut“, freut sich verhalten Benedict Rodenstock, auf dessen Visitenkarte „Ambassador“ als Funktion steht. Kein schlechter Titel, den sich der Co-Organisator zugelegt hat; diese Kunstform braucht trotz ihrer historischen Dimension noch Botschafter. Neben Annette Doms ist Rodenstock der Einfall zu dem Projekt zu verdanken.

Debatten unter der Glaskuppel

Allein die Örtlichkeit ist ungewöhnlich und weckt Aufmerksamkeit. Den Münchner Postpalast erreicht man zu Fuß in gut zehn Minuten vom Hauptbahnhof aus: ein Zentralbau mit einer gläsernen Kuppel, der symbolisch ist. Wird hier in Zukunft das Zentrum der käuflichen Medienkunst sein? Und auf spannende Weise sind die Kojen der Aussteller konzentrisch um das Zentrum gruppiert. Dort ist der Schauplatz für Diskussionen und Vorträge, die täglich das Geschehen bereicherten und mit hochkarätigen Fachleuten Fragestellungen rund um digitale Kunst aufs Korn nahmen.

Medienkunst ist nicht gleich Medienkunst. Beim wortwörtlichen Rundgang erkennt man schnell die Dominanz computergenerierter Kunst. Etwa in den Arbeiten von David Quayola, der sich mit Michelangelos „Sklaven“ und der unbeantworteten Frage nach ihrem Zustand – sind sie vollendet oder nicht? – auseinandergesetzt hat. Drei museal inszenierte große Styroporquader stehen aufgesockelt im Raum. Es sind drei Zustände, die das 48 000 Euro teure Werk zeigt. Im „vollendeten“ Zustand erkennt man das Vorbild, doch weist es gleichermaßen auf Koordinaten seiner Entstehung aus dem Rechner hin. Denn noch ist die Figur nicht vollständig aus dem Quader befreit. Steven Sacks, Direktor der New Yorker Bitforms Gallery, führt ein Video der Entstehung vor. Ein Roboter legt peu á peu die Figuration frei. Es liegt Ironie darin: Wir erwarten schweren Marmor und erhalten federleichten Styropor. Derartige Gegensätze finden sich an allen Ecken und Enden der Arbeit.

„Der Zeitpunkt ist goldrichtig“

Seit zwölf Jahren promoviert Sacks mit seiner Bitforms Gallery Medienkunst. Befragt nach Status und Konzept der Messe, skizziert er: „Normalerweise mag ich es, im klassischen Bereich als Bestandteil aufzutauchen, etwa auf der Art Basel, aber diese Messe ist konzentriert, und ich kann hier besser vermitteln wie man sammelt, wie man mit dieser Kunst umgeht und mit ihr lebt. Es ist gut, verschiedene Modelle von Messen zu haben.“

Steve Turner Contemporary schaut auf jüngste und angesagteste Trends und stellt mit Petra Cortwright und Rafaël Rozendaal zwei exponierte Akteure vor, die sich mit den Erscheinungen des Digitalen, etwa der Relation von Bewegung und nicht bewegtem Bild (Rozendaal) auseinander setzen. Wolf Lieser (DAM Galerie, Frankfurt, Berlin), quasi deutsches Pendant dieses galeristischen Urgesteins, lenkt den Blick noch auf einen weiteren Aspekt: „Der Zeitpunkt für die Messe ist goldrichtig. Sie eröffnet Möglichkeiten zu kuratorischer Qualitätssteigerung und vor allem ist sie Treffpunkt für spezialisierte Sammler.“ Logisch, eine zentrale Fachmesse erspart das viele Reisen, denn in München trifft man alle wichtigen Galerien.

Eine Leuchtreklame zerschellt

Unsere Wohnzimmer sind ohnehin schon Kapellen der Unterhaltungsindustrie mit dem TV-Altar im Zentrum. Warum dann nicht dort auch Bildschirmarbeiten genießen? Lieser wartet mit einem Portfolio auf, das sowohl rein digitale Bewegtbilder etwa von Casey Reas anbietet, als auch eher konzeptuelle Arbeiten von Aram Bartholl. Der demonstriert auf ironische Weise, vielleicht sogar Ai Weiweis berühmtes Zerstören einer historischen chinesischen Vase paraphrasierend, mit „Dropping the Internet“ Kritik am Multimedium. Drei Fotos zeigen den Künstler, wie er eine Leuchtreklame für ein Internetcafé fallen lässt und dabei zerstört.

Die Vorbereitungszeit war denkbar knapp. Vom ersten Einfall im Frühjahr 2013 wuchs daher auch das Kernteam von fünf auf zwölf enthusiastische Mitarbeiter an, wie Rodenstock berichtet. „Wir haben die Messe international aufgezogen, daher ist es umso erfreulicher, dass auch das lokale Publikum sie annimmt“, sagt er. Lieser bestätigt den Eindruck: „Die Messe hat ein Lob verdient. Neben Besuchern, die genau wissen, was sie wünschen, sind viele Menschen da, die zum ersten Mal mit dieser Kunst in Berührung kommen.“ Dass jedoch auch Verkäufe stattfinden, bestätigen Lieser und seine Kollegen ebenfalls.

Avantgarde neben Mainstream

Dabei beschränkt sich „Unpainted“ nicht nur auf die heutigen Innovatoren in der Medienkunst. Der Münchner Galerist Rüdiger Schöttle präsentiert Werke von Thomas Ruff und belegt damit das übergangslose Ineinandergleiten von Avantgarde und Mainstream. Außerdem lässt sich auch in die Geschichte dieser Kunst blicken. Wolf Lieser hat eine kleine Schau mit Inkunabeln der Computerkunst von Frieder Nake, Manfred Mohr oder wunderbaren Plottergrafiken von Vera Molnar eingerichtet. Die Frankfurter Galeristin Anita Beckers offeriert unter anderem das künstlerische Werk von Peter Weibel, Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Karlsruhe, und belegt mit frühen wie jüngeren Arbeiten das schier unerschöpfliche Potenzial dieser vielseitigen Persönlichkeit.

Überraschend sind auch Künstler, deren Werk traditionell anmutet. Frederik de Wilde ist einer von ihnen. Er wird von Nicolas Wierincks Brüsseler Projektraum Cimatics unterstützt. De Wilde ist auf der Suche nach dem vollkommenen Schwarz. Ein Quadrat gemahnt an die Kunstgeschichte, an Kasimir Malewitsch oder Ad Reinhardt. Doch verwendet der Belgier, Jahrgang 1975, keine Pigmente, sondern Nanopartikel, die selbst Infrarot und andere Strahlen außerhalb des menschlichen Sichtbereichs schlichtweg schlucken. Das Material stammt aus High-Tech-Labors und findet an Teleskopen Verwendung. Schaut man auf die quadratische Fläche, hat man das Gefühl, in eine grenzenlose Dunkelheit hineingezogen zu werden. Und auch in anderen Bereichen, etwa der Radioaktivität, versteht es der Künstler, eine Mittlerrolle zwischen komplexer Grundlagenforschung und Kunst einzunehmen.

Entdeckungen auf kleinstem Raum

Diese Messe erzeugt verschiedene Seiteneffekte. Sie ist historischer als Festivals wie die Linzer Ars Electronica oder die Berliner Transmediale. Sie offenbart, dass es um Wertschöpfung geht. Und hört man sich um, befragt Künstler, Galeristen und Besucher, dominieren Neugier und Zuspruch. Kein Wunder: Entdeckungen lassen sich auch auf kleinem Raum machen. Im äußeren Zirkel haben die Messeorganisatoren eine Innovation installiert. Künstler mieten eine Koje an. Wenn sie verkaufen, teilen sie sich den Umsatz mit den Organisatoren. Das könnte Galeristen düpieren, doch der Hintergrund liegt im System: „In China vermarkten sich die Künstler unabhängig von Galerien, wir haben spannende Positionen wahrgenommen und daher dieses Modell gefunden, um auch sie zeigen zu können.“ Was in China offizielles Vorgehen ist, betrifft hierzulande viele Medienkünstler.

Letztlich ist diese Messe ein ernst zu nehmendes Signal. Es zeigt indirekt, dass Künstler auch mit Medienkunst durch Galerien vertreten werden können. Was für Maler, Bildhauer, Fotografen, aber auch Videokünstler beinahe schon selbstverständlich ist, gilt für Künstler, deren Werke durch computerisierte Prozesse entstehen, meistens nicht. Für sie ist es schwierig, Vertretungen zu finden, in den Markt zu kommen. Sie hangeln sich von Auftragsarbeit zu Stipendium oder Lehrauftrag, und es gibt genügend, die irgendwann die Flinte ins Korn werfen und beispielsweise für Softwarefirmen programmieren. Auch in dieser Hinsicht ist „Unpainted“ ein starkes Signal.

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