MyMz

Literatur

Ein neuer „Dr.“ für Claudio Magris

Die Uni Regensburg würdigt den hellsichtigen Literaten. Der Schriftsteller revanchiert sich mit einer köstlichen Geschichte.
Von Marianne Sperb

Professor Volker Depkat (links) überreicht an seinen vielfach ausgezeichneten italienischen Kollegen Claudio Magris die Ehrenpromotionsurkunde. Foto: Sperb
Professor Volker Depkat (links) überreicht an seinen vielfach ausgezeichneten italienischen Kollegen Claudio Magris die Ehrenpromotionsurkunde. Foto: Sperb

Regensburg.Alles kann sich gegen dich wenden. Sogar der Routine-Griff zur Lesebrille, vor der Abreise nach Regensburg. Claudio Magris hatte in Triest das falsche Modell eingepackt und so bereitete es ihm am Mittwoch in Regensburg Mühe, sein Manuskript zu lesen. Was die Gäste der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Uni Regensburg dann hörten, war ein köstlich-skurriles Stück aus dem Zettelkasten des Geschichten-Sammlers, das belegte, wie scharfsichtig er die Welt und ihre Menschen wahrnimmt – egal, welche Brille gerade auf seiner Nase sitzt.

Claudio Magris hat sich wie kaum ein anderer Literat die Verwerfungen angeschaut, zu denen es kommt, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen und sich verkanten: als Professor in Triest, einige Jahre als Senator für die italienische Linke und vor allem in seinen Romanen und Essays.

Mit seiner Doktorarbeit – da war er 24 Jahre alt – stieß er ein gewaltiges Tor zur Erkenntnis über kulturelle Wirkprinzipien im habsburgischen Vielvölkerreich auf. Er erinnerte, auch wenn das damals nicht opportun war, an die Existenz eines Kulturraums Mitteleuropa. In „Danubio“ schilderte er 1986 Eigentümlichkeiten der Donauländer. Auf seiner Reise entlang des großen europäischen Stroms, bei der er Regensburg einen würdigen Platz zuwies, ließ der hellsichtige Literat die Vision von einem geeinten Europa entstehen. Drei Jahre später fiel in Berlin die Mauer.

Die Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Uni würdigt mit dem Ehrentitel den herausragenden Erforscher mitteleuropäischer Literatur und Kultur und den gefeierten Schriftsteller, der Kulturgeschichte so gelehrt wie elegant und amüsant erzählt, betonte Dekan Volker Depkat. Mit dem Festakt setzte die Fakultät den Schlusspunkt unter die Feiern zum 50-jährigen Uni-Bestehen.

Ein Schatz an Erinnerungsorten

Dutzende Ehrungen hat Magris erhalten, immer wieder wurde er für den Literaturnobelpreis gehandelt. In Summe belegten die Auszeichnungen, wie sehr er die gesellschaftliche Verantwortung der Geisteswissenschaften repräsentiere, sagte Ursula Regener, die in Vertretung von Uni-Präsident Udo Hebel sprach. Sein Werk sei wegweisend für Ethos in einer zerrissenen Welt, die ganz besonders Verständigung und Austausch brauche. „Claudio Magris eignet sich wie kein anderer, einem Europa, das zu zerfallen droht, Impulse zu geben“, betonte Hermann Wetzel vom Institut für Romanistik in seiner Laudatio. Europa habe über dem Aufbau der wirtschaftlichen Ordnung sträflich vernachlässigt, an seiner kulturellen Identität zu arbeiten. Für den Schatz gemeinsamer kultureller Erinnerung brauche es aber Erinnerungsorte. Magris liefere sie in Fülle.

Lesen Sie auch: Die Universität Regensburg wird 50

Zahlreiche Ehrendoktortitel hat der Literatur-Star nach Wetzels Recherchen bereits erhalten, an Universitäten von Lima bis Berlin. Den jüngsten erhielt er nun in der Donau-Stadt Regensburg, der er nicht nur geistig eng verbunden ist. Er hat Regensburg mehrmals besucht, hielt hier auf Initiative von Dante-Alighieri-Gesellschaft und dem Institut für Romanistik Vorträge und er setzte Impulse für den deutsch-italienischen Studiengang in Zusammenarbeit mit der Uni Triest.

Obwohl er also Routine haben sollte als „Dr. h.c.“, zeigte sich der Schriftsteller leicht nervös und etwas schüchtern, die Ehre anzunehmen. „Dies ist ein glücklicher, aber auch ein schwieriger Tag“, bekannte der 78-Jährige. „Die Steinerne Brücke und der Reichssaal gehören zur Landschaft meines Lebens.“ Er danke den vielen Menschen, die ihm Dinge zeigten, die er sonst nicht gesehen hätte.

Der Kaffeehaus-Literat

  • Claudio Magris

    Claudio Magris war von 1978 bis 2006 Professor für moderne deutschsprachige Literatur an der Universität Triest. Seine Verbindung zu Deutschland reicht weit zurück: Er studierte unter anderem in Freiburg im Breisgau.

  • Der Schriftsteller

    Der Schriftsteller verfasst seine Essays und Romane häufig im Caffè San Marco in Triest. Das traditionsreiche Kaffeehaus gilt als sein Wohn- und Arbeitszimmer.

Bei seinem ersten Besuch in Regensburg folgte Magris noch dem Lauf der Donau, ohne zu wissen, was er suchte und welches Buch er schreiben würde. „Denn ein Buch entsteht aus sich selbst heraus.“ In dieser noch unsicheren Phase seines Projekts machte er im Kepler-Haus in Regensburg eine entscheidende Entdeckung: Unter den komplizierten Instrumenten zur Vermessung des Himmels fand sich ein Gerät zum Messen des Pegels im Weinfass – ein Detail, das Magris klar machte, welche Leidenschaften, Irrtümer und Entdeckungen entlang der 2857 Fluss-Kilometer auf ihn warteten. „Ich fühlte, das ist der Sinn der Reise.“

Besessen vom Krieg

Für den Ehrentitel revanchierte sich Magris mit zwei Geschichten über manische Männer. Der eine – die Hauptfigur aus seinem neuen Roman „Verfahren eingestellt“ – ist besessen von der Idee, ein Universalkriegsmuseum einzurichten, um für Frieden zu werben. Er sammelt immer mehr und schließlich alles, weil alles als Waffe zu verwenden ist – auch eine Sex-Telefonnummer. Die Nummer, die Magris im Manuskript nannte, existierte zufällig tatsächlich; sie gehörte einer respektablen Dame und wurde glücklicherweise vor Druck des Buches getilgt. Wer weiß, wie sich dieses Detail gegen Magris hätte wenden können.

Hier geht es zur Kultur.

Hier geht es zu unserem Ressort Hochschule.



Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht