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Kino

Ein Nobody unter lauter Kultfiguren

Joscha Baltha ist blutjung. Josef Hader und andere Szene-Stars ließen sich ohne viel Federlesens für seinen Film einspannen.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Schauspieler und Regisseur Ulli Lommel: Er arbeitete mit Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol – und jetzt mit einem Regensburger. Foto: Baltha
  • Joscha Baltha: Der 19-jährige Regensburger holte Kultfiguren für seinen Film vor die Kamera. Foto: Sperb

Regensburg.Joscha Baltha ist 19. Gerade war er noch Abiturient am Werner-von-Siemens-Gymnasium, da steht er schon auf zwei Sprungbrettern, die ihn in eine erstaunliche Zukunft katapultieren könnten. Erstens hat der Regensburger ab September einen Platz an der Otto-Falckenberg-Schule für Darstellende Kunst in München, was keine Kleinigkeit ist, wenn man bedenkt, dass von rund 500 Bewerbern 18 genommen wurden. Und zweitens ist sein Film fertig: „Temporär Esprit“. Joscha Baltha hat ihn mit zwei der interessantesten Köpfe des früher einmal Neuen deutschen Films gedreht.

Ulli Lommel, Rainer-Werner-Fassbinder-Schauspieler und Andy-Warhol-Gefährte. Dietrich Kuhlbrodt, Christoph-Schlingensief-Akteur und Ex-Oberstaatsanwalt. Josef Hader, Österreichs Kabarett- und Kino-Neuerer: Die Namen jagen bei Cineasten den Adrenalinspiegel in die Höhe. Die drei Kultfiguren haben sich ohne viel Federlesens für das Projekt von Joscha Baltha einspannen lassen. Außerdem stehen Felix Steinhardt und Gunnar Blume vor der Kamera, beide Freunde des Regisseurs, beide Schauspieler und dem Regensburger Theaterpublikum bestens bekannt.

Das außergewöhnliche Casting funktionierte eigentlich ganz einfach. Baltha war frech oder auch: interessant genug. Er schickte seinen Idolen Kuhlbrodt und Lommel einfach eine Mail. „Die sind eben sehr sehr offen für solche Dinge.“ Und Josef Hader sprach er an, als der Österreicher in Regensburg seinen Film „Das ewige Leben“ vorstellte. Die drei Promis ließen sich ohne großes Zögern auf die krude Filmidee eines Nobodys ein.

„Man hat auf das Heute, das Jetzt zu reagieren und möglich ist dies nur mit Beliebigkeit oder Nichts.“ Um diesen einen Satz kreist „Temporär Esprit“. Vier Akteure erhalten den Satz auf Papier, lesen ihn und haben fünf bis zehn Minuten Zeit, zu reagieren: Gunnar Blume in Tokyo, Felix Steinhardt in München, Josef Hader in Wien und Dietrich Kuhlbrodt in Hamburg.

Premiere ist im Ostentor geplant

Immer wieder taucht im Film eine Kreuzung in Tokyo auf, an der bei Grün große Menschenscharen aneinender vorbei ziehen. Und zwischen den vier Sequenzen sinniert Ulli Lommel über die Kategorien gut oder schlecht in der Kunst oder über die Frage, was einen Dilettanten ausmacht. Das hat Charme, weil Lommel selbst Aufs und Abs erlebt hat, zwischen dem gefeierten Werk „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ 1973 und ziemlich vielen Verrissen für spätere Filme.

Vier vor der Kamera

  • Dietrich Kuhlbrodt:

    Er ermittelte als Staatsanwalt in Hamburg zu Verbrechen der NS-Zeit. Er war Autor für die Musikgruppe Die Tödliche Doris und stand viel für Christoph Schlingensief vor der Kamera („Das deutsche

  • Felix Steinhardt:

    Er war zuletzt Mitglied im Ensemble des Theaters Regensburg und arbeitet jetzt frei. Gerade gab er seine Abschiedsvorstellung in „Wie Ida einen Schatz versteckt...“ am Jungen Theater.

  • Josef Hader:

    Er ist der vielfach preisgekrönte Meister des bitter-lustigen Monologs über das freudlose Dasein. Hader ist der erfolgreichste Kabarettist Österreichs und ein Kinostar („Indien“, „Aufschneider“). Kultfigur ist er unter anderem als Simon Brenner in den Verfilmungen der Krimis von Wolf Haas.

  • Gunnar Blume:

    Er ist Mitglied im Regensburger Theaterensemble, ist aktuell als Teufel in „Krach im Hause Gott“ zu sehen. Er probt gerade für „Der Prozess“; Premiere ist am 28. Mai im Haus am Bismarckplatz.

„Ich war 18. Ich dachte: Wer bin ich denn, mit diesen berühmten Leuten zu arbeiten?“ Joscha Baltha – ein schmaler junger Mann mit schnittiger Frisur – lässt seine Gedanken im Gespräch immer wieder vorpreschen und fängt sie dann wieder ein. Für „Temporär Esprit“ entwickelte er einen Rahmen, in dem er seine künstlerische Verantwortung abgeben konnte an seine Akteure. Ohne Budget entstand so zwischen Juni 2015 und April 2016 ein frei angelegtes Improvisationsprojekt. Der experimentelle 35-Minuten-Streifen ist eine rücksichtslose, eigentümliche Selbsterkundung. Der Film (Produzent: Moritz van Nas, Kamera: Tim Schmid, Schnitt: Alexander Safarkhan) soll seine Premiere im Regensburger Ostentor-Kino haben, ein Termin steht noch nicht fest.

Josef Hader sitzt in einem Raum, der in blaues Licht getaucht ist, schaut auf seinen Zettel und liest. „Man hat auf das Heute, das Jetzt zu reagieren...“ –„Ja, stimmt“, sagt er. Er redet davon, dass „alles wurscht“ wird, wenn man die Beliebigkeit ernst nimmt, und bekennt: „Ich versuche, so zu reagieren, dass ich sage: Aha, des is jetzt aber mal wieder ne interessante Beliebigkeit.“

Gunnar Blume in Tokyo: Der Regensburger Schauspieler ist ein Freund des Regisseurs.
Gunnar Blume in Tokyo: Der Regensburger Schauspieler ist ein Freund des Regisseurs. Foto: Joscha Baltha

Gunnar Blume hat sich in Tokyo ein Plätzchen im Straßenrauschen ausgesucht, um sich vor der Kamera seiner Freundin zu positionieren. Er reißt den Umschlag auf, schaut sprachlos auf das Papier, schaut dann um sich, spricht zunehmend panisch Passanten an – und geht aus dem Bild.

Dietrich Kuhlbrodt, früher Oberstaatsanwalt, dann Schlingensief-Schauspieler, in einer Filmszene. Foto: Joscha Baltha
Dietrich Kuhlbrodt, früher Oberstaatsanwalt, dann Schlingensief-Schauspieler, in einer Filmszene. Foto: Joscha Baltha

Dietrich Kuhlbrodt nimmt die Beliebigkeit als Stichwort, um die Nippes in seinem Wohnzimmer zu erklären. „Und hier hab’ ich klasse Bücher“, sagt er mit weit ausholender Geste und lässt seinen Assoziationen Auslauf. Eine 16-Jährige in einer Filmszene fällt ihm ein: „Die sagte: Boah, was der Bücher hat! Is ja widerlich!“

Kuhlbrodt zermahlt ein Weinglas

Zwei Minuten zuvor saugt Kuhlbrodt an einer Zigarette und verdreht bei jedem Zug wie erleuchtet die Augen. Er soll in das Weinglas beißen, das auf dem Tisch steht, er will aber nicht. Baltha redet ihm zu, Kuhlbrodt beißt schließlich doch. Je kleiner seine Zähne die Scherben zermahlen, umso leiser wird das Knirschen. Die Szene ist ein ironisches Spiel mit einer ähnlichen Nummer. Kuhlbrodt war schließlich mal der Glasbeißer in Christoph Schlingensiefs „Wahlkampfzirkus“ in Berlin.

Felix Steinhardt sinniert darüber nach, ob schlecht schlecht sein muss.
Felix Steinhardt sinniert darüber nach, ob schlecht schlecht sein muss. Foto: Joscha Baltha

Felix Steinhardt liest seinen Zettel in Naturkulisse. Er nickt. „Ja, würd’ ich so unterschreiben.“ Der Satz bringt ihn auf den Gedanken, dass es gut wäre, so zu leben, dass nichts richtig oder falsch ist, weil einen alles, auch das Schlechte, weiter bringt, oder wenigstens irgendwohin. Und so philosophiert er ein paar Minuten über die Ambivalenz, die allem inne wohnt.

Lesen Sie mehr über Josef Hader in Regensburg: hier

Ambivalenz ist ja auch der Kern des Projekts „Temporär Esprit“. Man könnte mit Ulli Lommel darüber reden, ob der Film ein aufregender Impulsgeber ist, eine irritierend anziehende Gedankenreise, oder einfach nur ein großer Schmarrn. Joscha Baltha hält alles offen. „Konkrete Antworten wären ja gelogen“, sagt er, und: „Ich bin kein Freund von klaren Aussagen, eindeutigen Botschaften.“

Unbestreitbar ist eigentlich nur die Prominenz der Darsteller in „Temporär Esprit“. Ein ganzer Topos ploppt beim Lesen der Namen auf. Um nur mal Ulli Lommel zu nennen, der ein beruflich wie privat glitzerndes Leben herzeigen kann: Lommel drehte mit der Knef und mit Rühmann. Er spielte für Robert van Ackeren und Peter Schamoni. Er arbeitete knapp zehn Jahre intensiv mit Rainer Werner Fassbinder und brachte RWF in Kontakt mit Kameramann Michael Ballhaus. Er war mit Anna Karina, der Ex-Frau von Jean-Luc Godard, zusammen und heiratete später die Mobil-Oil-Erbin Suzanna Love. Er entwickelte mit Andy Warhol Polaroid-Collagen und inszenierte einen Film über Niederbayerns DSDS-Star Daniel Küblböck, der das Prädikat „schlechtester Film aller Zeiten“ erhielt.

Das Motto: „Scheitern als Chance“

Alles beliebig? Sein Schlüsselsatz des Films, sagt Joscha Baltha in einer Mischung aus Demut und Anspruch, „sagt eigentlich nichts aus“. Sein Motto ist Schlingensiefs Kampfruf: „Scheitern als Chance“. Jeder Zuschauer müsse selbst entscheiden, ob er den spontanen Szenen und Sätzen folgen will. „Wenn nicht, dann nicht.“ Er hat die Zuschauer-Instanz bei der Arbeit ausgeblendet. „Das wäre eine Einschränkung gewesen.“

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