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Kultur
Sonntag, 24. Juni 2018 20° 4

Kunst

Ein Raum der Erinnerung und Gegenwart

Das Regensburger Kunstfestival donumenta zeigt im ungarischen Pécs „14 x 14 – Vermessung des Donauraumes. Momentaufnahmen“.
Von Alexandra Karabelas, MZ

„Coat Stand“ heißt die Installation von István Czákany.
„Coat Stand“ heißt die Installation von István Czákany. Foto: Miklós Surányi

Pécs.Es ist Nachmittag in der Galerie mitten in der Altstadt von Pécs, drei Zugstunden von Budapest entfernt. Nur eine letzte große weiße Kiste muss noch ausgepackt werden. Ein Koloss inmitten des schmalen, weiß gestrichenen Tunnels, an dessen Wänden bereits die großformatigen Fotografien der aktuellen donumenta-Ausstellung ihren Platz gefunden haben. Wenig später wird sie einen fein gearbeiteten Kleiderständer aus Holz enthüllen. Platziert auf einem Podest und umgeben von einem Gerüst aus Metallstäben, definiert das assoziationsreiche Objekt einen neuen Raum im Raum: Einen Raum der Erinnerung an von Menschenhand geleistete, verblassende Arbeit, an Abwesende; einen Raum der Gegenwart, der die Eingrenzung freiheitlichen menschlichen Handelns symbolisiert.

Beobachtungen eines Nomaden

István Czákany kann zum Aufbau nicht selbst anreisen. Seit seiner Teilnahme an der documenta (13) in Kassel ist der 36-Jährige einer der gefragtesten zeitgenössischen Künstler Ungarns. Czákány führt ein Nomadenleben und macht dabei erstaunliche Beobachtungen: „Es ist oft verwunderlich, wie bestimmte Orte mich zyklisch über mehrere Jahre begleiten, bis sie von anderen für einen neuen Zyklus abgelöst werden. Im Sommer werde ich wahrscheinlich in Polen ausstellen. Ganz neu für mich ist auch Kaliningrad, wo ein Projekt im öffentlichen Raum entstehen wird. Diese Region ist mir gänzlich unbekannt“. Davor wird er nach Stuttgart an die Akademie Schloss Solitude reisen, danach nach Maastricht, anschließend geht es nach Budapest, Zwischenstopps in Düsseldorf eingeschlossen, wo er seit kurzem mit seiner Familie lebt.

Kunst mit vielen Deutungsebenen

Ungarn als Lebensort hat er verlassen. „In den letzten Jahren hat sich leider sehr viel für uns als Künstler aber auch privat nicht zu unserem Vorteil verändert“, erzählt er am Telefon über das Leben unter der Regierung von Viktor Orbán. „Viele Künstler haben wegen ihrer politischen Aktivitäten ihre Kunst zurückgestellt oder ihre Kunst und ihr Aktivismus lassen sich kaum mehr voneinander unterscheiden. Ich erkenne dieses Engagement an, sehe darin aber auf lange Sicht für mich nicht die richtige Lösung.“

Für ihn geht der Weg weiter in die Kunst hinein. Eine politische Dimension haben seine Arbeiten, sie markieren aber nicht den einzigen Deutungshorizont. „Mir ist wichtig, das eine Arbeit auf mehreren Ebenen intellektuell verstehbar und erklärbar ist, über die Erfahrungen von Material und Raum, über Assoziationen und Stimmungen wirkt und zeitliche Dimensionen überbrücken kann“.

Wunderschön und unheimlich

So wie die Skulptur des fallenden Mannes aus Fiberglas, die er 2012 für die donumenta geschaffen hat. Sie zeigt exakt jenen Moment der Unsicherheit, in dem der feste Bodens unter den Füßen schon verlassen, Körper und Geist aber noch in die Verarbeitung des Verlustes und die Suche nach einer Position des Neubeginns verwickelt sind. Über zwei Jahre später wirkt die Erinnerung an die Skulptur stärker denn je nach, beim Gang durch die Straßen der ehemaligen Kulturhauptstadt Pécs, die so wunderschön und gleichzeitig unheimlich ruhig wirkt in diesen Tagen.

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